In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Während die Aktienkurse immer höher steigen, sinken die Gewinnerwartungen weiter. Das KGV der Indizes ist damit am oberen Ende der 10-Jahres-Spanne gelangt ...
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Viele Anleger scheinen hierzulande den Eindruck zu haben, die Probleme, die durch die beschlossenen Maßnahmen im Kampf gegen eine Ausbreitung des Coronavirus entstanden sind, seien durch die Lockerungen gelöst. Man könnte auch annehmen, dass die Wirtschaft in China, wo die Epidemie zuerst wütete und die Maßnahmen auch zuerst gelockert wurden, bereits wieder ohne Einschränkungen funktioniert.

Doch in einer globalisierten Welt ist nicht nur entscheidend, was im Heimatland passiert, sondern auch, was in der restlichen Welt los ist. Und wenn man zum Beispiel auf die USA, Brasilien oder Russland blickt, dann ist die Pandemie noch längst nicht überstanden. Im Gegenteil: Brasilien meldete heute doppelt so viele Neuinfektionen wie die USA. Und Brasilien hat die zweithöchste Ansteckungsrate nach den USA.

Chinas Außenhandel schwächelt erneut

Da verwundert es kaum, dass der chinesische Außenhandel noch mit erheblichen Problemen kämpft. Chinas Exporte sind im Mai mit -3,3 % gegenüber dem Vorjahr wieder gesunken, nach einer Zunahme um +3,5 % im April.

Entwicklung der Exporte in China

Und die Importe stürzten um 16,7 % ab, nach bereits -14,2 % im April.

Entwicklung der Importe in China

Mit anderen Worten: Der Außenhandel Chinas hat sich im Mai gegenüber dem April eingetrübt, was angesichts der scheinbar überwundenen Krise in dem Land etwas überrascht und enttäuscht.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Exporte sind belastet, weil zum Beispiel die Nachfrage nach chinesischen Produkten in anderen Ländern infolge der Coronavirus-Krise noch schwächelt. Und die Importe zeigen Schwäche, unter anderem weil Lieferketten unterbrochen sind, da diverse Länder noch nicht wieder auf Vorkrisen-Niveau produzieren und liefern können. Und das trifft auch Deutschland. So sanken die deutschen Ausfuhren Richtung China im April um 12,6 %.

Aktienmärkte überzeichnen die erwartete Konjunkturerholung

Man sieht also besonders an diesen Daten sehr schön, dass, obwohl in China und Deutschland schon weitreichende Lockerungen beschlossen wurden, der Handel noch belastet ist und die Wirtschaft nicht sofort wieder 100%ig funktioniert. Die extrem schnelle Kurserholung an den Aktienmärkten spiegelt daher die Entwicklung der Wirtschaft nicht korrekt wider, auch nicht zeitversetzt. Stattdessen wird die erwartete Konjunkturerholung von den Kursen deutlich überzeichnet.

Aktienkurse steigen, Gewinnerwartungen sinken

Man könnte übrigens auch annehmen, dass die Gewinnerwartungen der Analysten inzwischen wieder optimistischer ausfallen. Doch auch hier muss ich schlechte Nachrichten überbringen. Zuletzt hatte ich am 19. Mai auf die Gewinnrevisionen der Analysten für die Unternehmen aus dem S&P 500 geschaut. Der damalige Vergleich stellt sich nun wie folgt dar:

2. Quartal 2020: -41,9 % am 19. Mai, -43,3 % am 5. Juni
3. Quartal 2020: -23,8 % am 19. Mai, -25,1 % am 5. Juni
4. Quartal 2020: -11,6 % am 19. Mai, -12,6 % am 5. Juni
Gesamtjahr 2020: -19,7 % am 19. Mai, -21,3 % am 5. Juni

Für das Gesamtjahr 2021 prognostizieren Analysten übrigens ein hohes Gewinnwachstum von durchschnittlich 28,1 %. Damit würden die Gewinne Ende 2021 allerdings nur um 0,81 % über dem Niveau von Ende 2019 liegen. Dies rechtfertigt aus meiner Sicht nicht, dass die Aktienmärkte aktuell durchweg auf dem höchsten Stand der vergangenen 10 Jahre bewertet sind (gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis).

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der großen Aktienindizes
(Quelle: helaba.de)

Gegenüber den Berechnungen der Helaba (siehe Grafik oben) kommt die DWS sogar auf noch etwas höhere Werte (siehe Grafik unten), mit einem KGV des DAX von 16,77 und des S&P 500 von 21,86.

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der großen Aktienindizes
(Quelle: dws.de)

Am vergangenen Freitag schrieb ein Leser per E-Mail, wir würden vor lauter Skepsis und Missachtung der „unlogischen“ Börsenbräuche außerordentliche Gewinne verpassen. Doch dem muss ich widersprechen. Denn einerseits hatte ich am Ende der Börse-Intern vom vergangenen Freitag gerade erst auf realisierte Gewinne bei unseren Stockstreet-Börsendiensten hingewiesen und andererseits hatte ich gestern geschrieben, dass ich lieber einige Prozentpunkte Gewinn liegen lasse, „statt Gefahr zu laufen, kurz nach dem Kauf in die nächste Korrekturwelle zu geraten“. Aktuell setzten sich die gestrigen Kursverluste fort.

Im DAX bildet sich die Welle 4 aus

Im DAX scheint sich dadurch aktuell wie erwartet (roter Pfeil im folgenden Chart) die Welle 4 ausbilden.

DAX - Chartanalyse

Heute Abend entscheidet die US-Notenbank über ihren geldpolitischen Kurs. Experten erwarten keine großen Ankündigungen, zumal die Federal Reserve bereits zu Wochenbeginn die Bedingungen ihres Kreditprogramms für kleinere und mittlere Unternehmen gelockert hat. Die Marktteilnehmer blicken aber mit besonderer Spannung auf die aktualisierten wirtschaftlichen Projektionen der Währungshüter.  Sollten diese von den Börsen bearish aufgefasst werden, könnten sich die Kursverluste noch etwas fortsetzen, womöglich bis zum Kursziel der Stillhalter, über das Torsten Ewert am Montag informiert hat. Und womöglich kommt es im DAX danach noch zum finalen Anstieg im Rahmen der Welle 5 (grüner Pfeil im DAX-Chart).

Fundamental bearish, charttechnisch bullish

Übrigens zeigt diese Erwartung, dass wir zwar derzeit bezüglich der Aktienmärkte aus fundamentaler Sicht sehr skeptisch sind, doch aus charttechnischer Sicht die Kursrichtung durchaus richtig eingeschätzt haben und somit auch Gewinne erzielen konnten. Und durch die realisierten Gewinne sind wir zwar inzwischen nicht mehr so stark investiert, aber dennoch in den meisten Börsendiensten überwiegend „long“ ausgerichtet – auch wegen der enormen Liquiditätsflut und der möglichen Vermögenspreisinflation.

Wie ich am Donnerstag vergangener Woche aber schon schrieb, gilt es an der Börse stets, in einem vernünftigen Chance-Risiko-Verhältnis zu investieren. „Und bei den meisten Aktien ist das Risiko, dass diese inzwischen deutlich zu hoch bewertet und die Kurse völlig überkauft sind, einfach schon deutlich höher als die Chance, dass sich der Kursanstieg einfach ohne stärkere Gegenbewegungen fortsetzt“, hieß es dazu. Es ist daher kein Problem, wenn man einen Kursanstieg der Aktienmärkte mal nicht voll mitmacht. Es ergeben sich immer wieder neue Chancen – in einem besseren Verhältnis zum Risiko. Entgangenen Gewinnen darf man an der Börse nie nachtrauern! Und daher muss man nicht zwingend darauf setzen, dass im DAX tatsächlich noch eine Welle 5 folgt.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage
Ihr
Sven Weisenhaus
www.stockstreet.de


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