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Der nächste Inflationstest für die USA

Ausgabe vom 27.05.2026

Der nächste Inflationstest für die USA

von Torsten Ewert

Die Fed (und ihr neuer Chef; siehe Börse-Intern vom 18.05.2026), die Ökonomen und die Anleger bekommen in dieser Woche einen weiteren Inflationscheck – und dieser ist wichtiger als sonst.

Morgen gibt es wichtige neue Inflationsdaten in den USA

Am morgigen Donnerstag wird der Index der privaten Konsumausgaben für April veröffentlicht – besser bekannt als PCE (Personal Consumption Expenditures). Dies ist der bevorzugte Inflationsindikator der Fed, und dabei die entsprechende Kernrate, also ohne die volatilen Komponenten Lebensmittel und Energie.

Nachdem es jüngst an den Anleihemärkten etwas turbulent wurde (siehe Börse-Intern vom Freitag), werden die Märkte diese Daten genau beobachten. Die Frage ist nicht nur, ob die Verbraucherpreise weiterhin steigen. Es geht darum, ob sie schnell genug steigen, um Zinssenkungen noch unrealistischer erscheinen zu lassen – oder, schlimmer noch, um wieder Zinserhöhungen ins Spiel zu bringen.

Erste Einblicke in die Inflationsdaten für April haben die Börsianer schon bekommen: Vor gut zwei Wochen gab es die Zahlen zum Verbraucherpreisindex (CPI), zum Produzentenpreisindex (PPI) sowie zu den Export- und Importpreisen (siehe Börse-Intern vom 18.05.2026).

Achtung, Zweitrundeneffekte!

Sie alle fielen deutlich höher aus, als von den Ökonomen erwartet. Und das gilt auch für die Kernraten, also ohne Berücksichtigung von Nahrungsmitteln und Energie. Vom 2%-Ziel der Fed sind alle Werte derzeit weit weg. Die Fed-Verantwortlichen können sich also keineswegs zurücklehnen.

Das Problem dabei ist, dass selbst die Kernraten nur einen Ist-Zustand und bestenfalls eine Tendenz anzeigen. Schließlich folgen höheren Energiekosten – vor allem, wenn sie länger steigen bzw. hoch bleiben – Zweitrundeneffekte: Produzierte Güter, von Brötchen über Autos bis Häuser, werden ebenfalls teurer, wenn sich ihre Einstandskosten, wie Energie, erhöhen.

Dasselbe gilt für höhere Produzenten- und Importpreise. Sie schlagen sich mit kurzer Verzögerung auch in den Verbraucherpreisen nieder – zwar nicht in vollem Umfang, aber stets merklich, wie die folgende Grafik zeigt:

20260527a_CPI_PPI (USA)

Im dargestellten Zeitraum sei November 2011 beträgt diese Verzögerung – gemessen am Maximum der Korrelation beider Kurven – ein bis zwei Monate. Der Preisübertrag erfolgt also sehr schnell.

Eine Flut unterschiedlicher Inflationsmaße

Dennoch sind Ökonomen und Zentralbanker offenbar höchst unsicher, was die tatsächliche Inflationstendenz betrifft. Anders ist es kaum zu erklären, dass es inzwischen eine Vielzahl von Inflationsmaßen gibt, welche die richtige (Kern-)Inflation abbilden sollen. Die folgende Grafik zeigt eine Auswahl:

20260527b_Kern-Inflationsmaße (USA)

Da gibt es neben den Kernraten von CPI und PCE noch die Service-Komponente des CPI (Dienstleistungen machen bekanntlich knapp 50 % der Verbraucherausgaben aus), dann die sogenannte „Super-Core“-Inflation (bei der aus der Servicekomponente noch Energie- und Wohnkosten herausgerechnet werden), der „Sticky“-Preisindex (der nur die am wenigsten veränderlichen Preiskomponenten enthält), den Median-Preisindex (der den Medianwert aller CPI-Komponenten angibt) und noch ein paar andere.

Alle diese Werte weisen jedoch in die gleiche Richtung: nach oben, und das nicht erst seit Beginn des Iran-Kriegs. Zudem sind diese Werte seit der Corona- und Ukrainekrieg-Inflation nicht mehr nachhaltig in Richtung des 2%-Ziels der Fed (rot gestrichelte Linie) zurückgekommen, sondern bewegen sich seit etlichen Monaten um die 3%-Marke.

Folgt nun der 5. Anstieg in 6 Monaten?

Die jüngsten Zahlen (siehe Börse-Intern vom 18.05.2026) haben daher niemanden beruhigt. Und für die morgen anstehenden Daten wird ein weiterer Anstieg erwartet: für die PCE-Inflation insgesamt von 3,5 auf 3,9 %; für die PCE-Kernrate von 3,2 auf 3,3 %. Letzteres wäre der 5. Anstieg in 6 Monaten.

Das gab es – abgesehen von der Corona- und Ukrainekrieg-Inflation – zuletzt Anfang 2018. Allerdings lagen damals die Werte mit knapp 2 % genau im Zielbereich der Fed. Einen so hartnäckigen Anstieg mit Kern-PCE-Werten von rund 3 % (oder mehr) gab es dagegen zuvor letztmals 1987-1989! (Damals stiegen sie dann weiter auf mehr als 4 %...).

Die PCE-Kernrate wird jedoch die Zahl sein, die sowohl die Fed als auch die Märkte sehr genau im Auge behalten werden, da sie einen umfassenderen Überblick darüber gibt, was die Menschen tatsächlich kaufen. Sie wird zudem zusammen mit anderen Daten zu Einkommen und Ausgaben veröffentlicht, die zeigen, ob die Haushalte die höheren Preise weiterhin verkraften – und wenn ja, dürfte die Inflation hartnäckig hoch bleiben.

Anleiherenditen und Leitzinserwartungen steigen

Der Anleihemarkt (siehe Börse-Intern vom 22.05.2026) scheint dies unter anderem schon einzupreisen. Auch eine aktuelle Umfrage unter institutionellen Investoren ergab, dass die Profis sowohl mit anhaltenden hohen Inflationsdaten rechnen (unter anderem wegen Ölpreisen von mindestens 80 USD bis Jahresende) und weiter steigenden Langfristzinsen (6 % für 30-jährige US-Staatsanleihen).

Wenn also morgen die PCE-Werte für April wie zuvor die anderen Inflationsdaten höher als erwartet ausfallen, könnte dies die Anleger verunsichern. Schließlich können sie bisher nicht einschätzen, wie die Fed unter ihrem neuen Chef Kevin Warsh auf diese Entwicklung reagiert. Das werden wir frühestens Mitte Juni beim ersten Fed-Meeting unter seiner Leitung sehen.

Und so sind nicht nur die Marktrenditen gestiegen, sondern „sicherheitshalber“ auch die Leitzinserwartungen – während die Börsianer vor einem Monat trotz Iran-Krieg und hohen Ölpreisen sowie Inflationsraten immer noch in Richtung Leitzinssenkung tendierten, orientieren sich die Erwartungen nun eher nach oben bzw. bestenfalls bei gleichbleibenden Leitzinsen:

20260527c_CME Fed Watch Tool 2026-12

Quellen: CME Fed Watch Tool, eigene Berechnungen

Tröstliches vom Aktienmarkt

Aus Sicht der Aktienmärkte ist der einzige Trost, dass der anhaltende KI-Boom (siehe gestrige Börse-Intern) die Inflationsängste und Nahost-Sorgen der Investoren übertüncht. Und das geht womöglich sogar noch eine ganze Weile so weiter…

Aber warten wir erstmal ab, wie der morgige nächste Inflationstest für die USA ausfällt und wie Reaktion der Märkte darauf.

Mit besten Grüßen
Torsten Ewert

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