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Anleihen vs. Aktien
Ausgabe vom 22.05.2026
Anleihen vs. Aktien
von Torsten Ewert
Für die Börsen gilt ein alter Spruch: „Die Gefahr lauert dort, wo niemand hinschaut.“ Und während wir alle auf die KI-Hausse (oder -Blase – je nach Sichtweise) schauen oder den Iran-Krieg, den Ölpreis und vielleicht auch noch die Inflation, könnte ein anderer, ganz „einfacher“ Mechanismus der Rally an den Aktienmärkten zum Verhängnis werden.
Eine klassische Ausbruchssituation – bei den Renditen!
Zum Problem könnten die Anleihemärkte werden: Am Montag hatte ich das Dilemma des neuen Fed-Chefs beschrieben, der am liebsten so schnell wie möglich die Fed-Bilanz verkürzen, also Anleihen verkaufen würde.
Das kollidiert jedoch mit den steigenden Zinsen aufgrund der gestiegenen Inflation, unter anderem infolge höherer Ölpreise durch den Iran-Krieg. Darauf hatte Sven Weisenhaus am Dienstag hingewiesen und dabei auch erwähnt, dass die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen in den USA, der sogenannten T-Bonds, die „magische“ 5%-Marke überschritten haben.
Inzwischen wurde im Hoch sogar ein Wert von 5,2 % erreicht. Und vorerst bleiben die Renditen auf diesem hohen Niveau, was eine besondere charttechnische Lage schafft, wie der folgende Chart zeigt:

Quelle: MarketMaker mit Daten von infront
Wir sehen hier eine klassische charttechnische Ausbruchssituation: ein aufsteigendes Dreieck (grau) als – in diesem Fall bullishe - Konsolidierungsformation, die nun nach oben verlassen wird. Dazu gibt es einen (möglichen) übergeordneten Aufwärtstrend von gewisser Relevanz (dunkelgrüne Linien; die obere durchgezogenen, die untere strichpunktierte und die hellgrüne Linie des grauen Dreiecks sind parallel) sowie einen möglichen Beschleunigungstrend (gestrichelte Linien).
Anleihen werden für Investoren zunehmend attraktiver
Innerhalb beider Trends ist nach oben viel Platz, bis eine der oberen Grenzen erreicht wird – die nächste „magische“ Marke von 6 % gerät damit ins Visier…
Sven Weisenhaus hatte schon darauf hingewiesen, dass solche „risikolosen“ Renditeniveaus für die Investoren attraktiv werden – zumindest im Vergleich zum überbewerteten und überhitzten Aktienmarkt. Und das gilt nicht nur für die langlaufenden T-Bonds, sondern auch für „normalen“ Laufzeiten, z.B. 10 Jahre, wie die Zinsstrukturkurve von US-Staatsanleihen zeigt:

Eine Rendite von 4,62 % für eine 10-jährige Laufzeit mag sich am Ende als eher mäßig herausstellen (Stichwort „Inflation“), aber erscheint mit Blick auf die vergangene Niedrigzinsära doch recht auskömmlich.
Aktien vs. Anleihen: Ein erster Blick zurück
Aber gut, man kann ja viel mutmaßen, ob und wenn und was. Werfen wir daher mal einen Blick zurück, wie sich der US-Aktienmarkt entwickelt hat, wenn die „magische“ 5%-Marke erreicht oder überschritten wurde. Da sah es in jüngster Zeit so aus:

Quelle: MarketMaker mit Daten von infront
Wie man sieht, reichen schon mehr oder weniger dynamische Renditeanstiege in Richtung 5 % aus, damit die Aktienmärkte nachgeben! Aufschlussreich ist auch, dass der Einbruch im Frühjahr 2025 nicht erst durch Trumps „Zoll-Hammer“ verursacht wurde – den gab es erst am Ende dieses Einbruchs (siehe rote Ellipse). Vielmehr begann er schon Ende Februar – als die Renditen zu steigen begannen…
Nun kann man einwenden, dass z.B. die Fälle von 2022 und 2026 durch geopolitische Krisen verursacht wurden. Das sind also Sonderfälle. Und außerdem blieben ja die markierten „Rückfälle“ moderat, also was soll’s.
Na ja, irgendeinen Grund für einen Renditeanstieg gibt es immer. Der kommt ja nicht zufällig! Es ist also egal, warum die Renditen steigen – sie ziehen ab einem bestimmten Niveau und/oder einer bestimmten Dynamik die Aktienmärkte in Mitleidenschaft.
Und die Rückfälle blieben in diesen Fällen nur deshalb moderat, weil die Anleger stets im „Buy the dip“-Modus waren. Der ist aber irgendwann vorbei, und dann könnten die Rückfälle stärker ausfallen – vor allem, wenn dann noch andere Belastungen hinzukommen.
Aktien vs. Anleihen: Der zweite Blick zurück
Das lässt sich erkennen, wenn wir noch ein Stück weiter in der Historie zurückgehen und uns den vorangegangenen Zeitraum anschauen, in dem die Renditen mit der 5%-Marke kämpften. Das war in der Rallyphase zwischen Dotcom-Baisse und Finanzkrisen-Crash der Fall:

Quelle: MarketMaker mit Daten von infront
Hier sehen wir zunächst das gleiche Muster: Zunächst führten die Renditeanstiege nur zu moderaten Konsolidierungen – aber die Aktienkurse reagierten zumindest! Dann änderte sich das; 2006 stiegen die Kurse noch weiter, als die Renditen nach oben schossen. Erst, als sie dann über 5 % zu verharren schienen gab der Aktienmarkt nach.
Und 2007, kurz vor der Eskalation der US-Immobilienkrise, die später zu globalen Finanzkrise wurde, ließen sich die Aktienbörsen von steigenden Renditen gar nicht mehr beeindrucken (siehe blaues Rechteck). Die „Strafe“ folgte auf dem Fuße…
Parallelen zwischen Stimmung, neuen Narrativen und strahlenden Visionen
Auch damals herrschte – wie jetzt – keineswegs Euphorie (obwohl die Stimmung aktuell aus meiner Sicht deutlich gehobener ist als damals). Damals war aber die Erinnerung an die vorangegangene 3-jährige Baisse noch sehr präsent – sie lag schließlich erst 4 Jahre zurück!
Doch das Narrativ begann sich zu ändern: Bis 2005 wurde immer noch ein weiterer Crash befürchtet. Das änderte sich ab 2006 allmählich. Und 2007, als die ersten Einschläge der US-Immobilienkrise sichtbar wurde, aber die Aktienkurse stabil blieben, war die allgemeine Meinung, dass alles nicht so schlimm wird: Der damals noch neue Fed-Chef Ben Bernanke hielt die Effekte „der Probleme im Subprime-Markt auf die Gesamtwirtschaft und die Finanzmärkte“ für „wahrscheinlich begrenzt“ und die Börsianer hielten sie für eingepreist.
Aktuell steuern wir aus meiner Sicht auf eine ähnliche Situation zu: Die rasant steigenden Gewinne der Unternehmen, die strahlende KI-Zukunft, die uns die Unternehmen verheißen – beides erst jüngst wieder von Nvidia eindrucksvoll demonstriert – und natürlich die haussierenden Aktienkurse lassen die Zweifel an der Nachhaltigkeit der gigantischen KI-Wetten immer mehr verstummen.
Worauf besonnene Anleger jetzt achten sollten
Passend dazu wird der aktuelle Renditeanstieg – und damit der „einfache“, immer wiederkehrende Mechanismus zwischen Anleihen und Aktien – ebenfalls ignoriert. Wie eingangs gesagt: „Die Gefahr lauert dort, wo niemand hinschaut.“
Das ist aber noch kein Zeichen für eine baldigen Trendwechsel oder gar eine Baisse oder einen Crash. Vielmehr fehlen immer noch einige sehr markante Zeichen, dass die gute Stimmung in Euphorie und Manie übergeht.
Die Übertreibung kann also noch weitergehen. Doch besonnene Anleger achten nun verstärkt auf den weiteren Verlauf der Renditen und die Reaktion der Aktienmärkte darauf.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert
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