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Alle machen mit!

Ausgabe vom 26.06.2026

Alle machen mit!

von Torsten Ewert

Zunächst ein Hinweis in eigener Sache: In meinem Beitrag vom Mittwoch habe ich beiläufig eine Bemerkung einfließen lassen, woraus Sie schlussfolgern konnten, dass meine liebe Frau der Meinung ist, dass niemand meine Texte liest. Das war natürlich scherzhaft gemeint, hat aber dennoch einige Leser aufgeschreckt, die mir flugs versicherten, dass sie unsere Texte „täglich“/„immer“/„ständig“ oder zumindest „regelmäßig“ lesen. Ich wurde nun ermächtigt, Ihnen mitzuteilen, dass sich meine Frau davon angemessen beeindruckt zeigte…

Danke! (Auch für die gute Stimmung!)

Aber im Ernst: Herzlichen Dank an alle, die mir dazu geschrieben haben und damit die Gelegenheit nutzten, um ihren Dank für unsere Arbeit auszudrücken und um uns zu motivieren, „Weiter so!“ zu machen. Sven Weisenhaus und ich haben uns über diesen Zuspruch natürlich sehr gefreut.

Womit ich bei meinem heutigen Thema wäre – der Anlegerstimmung.

Wenn uns solche Flachsereien so leicht von der Hand gehen und quasi auf Stichwort gelingen, kann doch die Stimmung nicht so schlecht sein, oder? Was aber doch irgendwie verwunderlich erscheint – denn war da nicht was? Ja, ja, ich weiß dieser kleine Schlagabtausch irgendwo da hinten, in Dingsda – na, ich komm grad nicht drauf…

Tja, so schnell kann es gehen: Eben noch drohte scheinbar der Weltuntergang – und plötzlich wollen es alle vorher schon besser gewusst haben. Eben noch war alles höchst unsicher, und nun …

Wann gab es je „sichere Zeiten“?

Apropos unsicher: Da flatterte mir in der Vorwoche eine Mail ins Postfach, in der ein Leser genau das thematisierte und sehr prägnant auf den Punkt brachte:

Das ständige Gerede von den „unsicheren Zeiten“, in denen wir momentan leben würden, geht mir schon lange gewaltig auf den Senkel. Wenn es diese „unsicheren Zeiten“ tatsächlich gibt, folgt daraus zwingend, dass es auch sichere Zeiten gibt. Nur waren die anscheinend noch nie. […] Und wenn sie noch nie waren, dann sind die ach so „unsicheren Zeiten“ keine Besonderheit, die der Erwähnung bedarf, sondern schlicht und einfach: normal. In der Rückschau sieht es freilich anders aus, aber ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand die rückwirkend als „sicher“ (v)erklärten Zeiten auch als solche bezeichnet hätte, als diese gerade stattfanden.“

Mit letzterem hat der Leser natürlich völlig Recht, das nennt man dann Rückschaufehler, englisch: hindsight bias, was die Sache besser verdeutlicht. Denn wir machen nicht einfach einen Fehler, sondern unterliegen einer Illusion, die unser Urteil trübt: „Bias“ ist eine einseitige Abweichung von einem theoretisch zu erwartenden neutralen Zustand.

Dadurch verklären wir die Vergangenheit, was wir nicht nur an der Börse machen, sondern auch sonst im Leben: „Früher war alles besser!“, hat Opa immer genörgelt und seiner Meinung nach war „die Jugend von heute“ zu nichts zu gebrauchen, denn: „Wir waren nicht so!

Die Einschätzung des Lesers, dass wir „gefühlt“ immer in unsicheren Zeiten leben (weil nie jemand erklärt, dass es jetzt „sicher“ sei), könnte auch Ergebnis eines Bias sein – und zwar eines medialen: Weil „Krisenberichterstattung“ einfach mehr Aufmerksamkeit erhält, dominieren entsprechende Nachrichten die Schlagzeilen, was uns das Gefühl gibt, dass es immer irgendwie „unsicher“ ist.

Der aktuelle Blick auf die Anlegerstimmung

Diese Überlegungen haben mich bewogen, mal wieder einen Blick auf die Anlegerstimmung zu werfen, und da ergab sich folgendes Bild (das mich einigermaßen überrascht hat):

20260626a_AAII-Sentiment 2026-KW26

Quelle: MarketMaker mit Daten von American Association of Individual Investors

Wir sehen hier das Sentiment der US-Privatanleger als grün/rotes „Gebirge“ (= Anteil Bullen – Anteil Bären in Prozent) und den Anteil der neutralen Anleger (graue Linie; auch in Prozent). Die waagerechten Linien sind der Mittelwert des Sentiments seit 1987 bzw. die Spannen der ein- bzw. zweifachen Standardabweichungen um diesen Mittelwert. (Das die neutrale Kurve genau um das Niveau der einfachen positiven Standardabweichung pendelt, ist Zufall.)

Was daran überraschend ist

Warum hat mich dieser Chart nun überrascht? Weil der Mittelwert des Sentiments im positiven Bereich verläuft (ca. +6 %), aber die Stimmung im dargestellten Zeitraum seit Anfang 2025 überwiegend und meist stärker negativ als positiv war. So wurde zwar mehrfach die -1-fache Standardabweichung unterschritten (hellgrüne Linie) und im Frühjahr 2025 sogar die -2-fache, aber die entsprechend positiven, oberen (roten) Linien überhaupt nicht erreicht!

Bemerkenswert ist zudem, dass die Anleger mehrfach überzeugte Bären, aber nie überzeugte Bullen waren. Das zeigt die graue Neutrallinie, die dreimal deutlich absackte (siehe gelbe Ellipsen). Das bedeutet, dass es wenig Anleger gab, die sich nicht zwischen bullish und bearish entscheiden konnten. Da aber die Stimmung zu diesen Zeitpunkten tendenziell bearish war, haben sich die Neutralen also offenbar auf die Seite der Bären geschlagen!

Insofern hat der Leser durchaus einen Punkt, wenn er sagt, die Zeiten seien immer unsicher – die Stimmungslage in diesem Zeitraum gibt ihm Recht!

Was dann aber die Frage aufwirft, wie es zu einem positiven Mittelwert kommt. Das geht doch nur, wenn die Anleger insgesamt überwiegend bullish sind! Was auch logisch ist, denn langfristig steigen die Aktienmärkte ja mit X Prozent pro Jahr. Es wäre also unsinnig, überwiegend bearish zu sein! (An dieser Stelle liebe Grüße an alle Perma-Bären…)

Und so sieht es im gesamten Zeitraum aus

Schauen wir also über die gesamte Historie auf den Verlauf der Stimmung der US-Privatanleger:

20260626b_AAII-Sentiment ab 1987

Quelle: MarketMaker mit Daten von American Association of Individual Investors

Hier sieht die Verteilung schon anders aus! Wenn wir die 1990er Jahre mal außen vor lassen – Sie wissen schon: die Dotcom-Blase! – so finden wir trotzdem noch auffällige bullishe Zeiträume. So kamen die Bullen gleich wieder nach der großen Baisse ab 2003 aus der Deckung, ebenso gleich nach der Finanzkrise. Und auch in den folgenden Jahren gab es immer wieder ausgedehnte Phasen, in denen die Bullen unangefochten dominierten (gelbe Rechtecke).

Das hat sich seit der Covid-Pandemie geändert: Die bullishen Phasen wurden kürzer, aber vor allem wurden die bearishen Phasen ausgedehnter und zusammenhängender und tauchten tiefer ab: Es wurden mehrmals Werte wie zu den Höhepunkten der Finanzkrise erreicht! Und seit 2025 trauen sich die Bullen kaum noch auf die Weide, wie der erste Chart zeigt.

Steigert sich die Stimmung noch bis zur Euphorie?

Mit Verweis auf diesen Chart kann ich für den Leser nun doch den Opa geben und ihm zurufen: Ja, früher war es doch besser! Und da diese Einschätzungen damals so abgegeben wurden, unterliegen sie auch nicht dem Rückschaufehler. Erstaunlich, oder?

Erstaunlich sind die Werte auch im Kontext der Historie mit Blick auf den aktuellen Stand und die Übertreibung bei manchen Aktien und Branchen. Schließlich erkennen wir im Sentiment überhaupt keine Euphorie, noch nicht einmal eine wirklich bullishe Stimmung – der aktuelle Wert (siehe Pfeil im ersten Chart) hat gerade erst den Mittelwert überwunden, liegt also noch tief im neutralen Bereich!

Demnach könnte die Rally wohl noch bis zur Stimmungs-Euphorie weitergehen, oder? Nun ja, auch vor der Finanzkrise ging die Stimmung zurück, obwohl die Folgen damals (als es „nur“ um Immobilien ging) noch keineswegs absehbar waren.

Und nun? Wird vielleicht die (mögliche) aktuelle Übertreibung zu stark medial thematisiert, was die Anleger skeptisch werden lässt? Könnte sein, obwohl die bullishen Kommentare „gefühlt“ allmählich klar überwiegen und kritische seltener publiziert werden.

Wie die Profis die KI-Blase sehen

Wie auch immer, die Profis sind sich der KI-Blase bzw. ihrer Gefahren (wenn es denn eine ist oder wird) ebenfalls deutlich bewusst. So sehen sie laut der jüngsten Fondsmanagerumfrage der Bank of America (BofA) KI-Aktien auf jeden Fall in einem Boom, also einer Übertreibung. Einige wollen auch schon Euphorie erkennen, also eine Blase:

20260626c_BofA FMS AI 1

Dass diese aber schon am Ende ist, also Gewinnmitnahmen und/oder Umschichtungen einsetzen, sagt nur eine Minderheit.

Die Fondsmanager sind sich aber klar, dass eine KI-Blase ein Tail Risk ist, also ein Risiko, dessen Wahrscheinlichkeit sie als gering einschätzen, das aber erhebliche Negativeffekte haben würden, wenn es sich materialisiert:

20260626d_BofA FMS AI 2

Ein völlig überstrapazierter Trade

Auffällig ist der starke Anstieg der Risikobeurteilung in dieser Frage: Nun sind es 28 % der Befragten, die eine KI-Blase kritisch sehen, während es vor zwei Monaten nur 5 % waren. Dazu dürfte die fulminante Rally bei Halbleiteraktien beigetragen haben. Hier meinen daher 80 % (!) der Profis, dass diese Wette allmählich ausgereizt ist:

20260626d_BofA FMS AI 3

Passend dazu konnten die Micron-Zahlen die Märkte nur kurzfristig anschieben – Halbleiteraktien und Tech-Werte insgesamt haben jedenfalls keine Trendwende eingeleitet, sondern bleiben in ihrer Konsolidierung. (Was aber nach dem jüngsten steilen Anstieg auch durchaus gesund ist.)

Fazit: Was die Stimmung angeht, herrscht allseits ein klar erkennbares Risikobewusstsein. Trotzdem steigen die Kurse. Das erinnert mich irgendwie an einen Spruch aus meiner Studentenzeit: Keiner macht was er soll, jeder macht, was er will, aber alle machen mit.

Der wurde regelmäßig aus der Versenkung geholt, wenn irgendwas drohte, zum Chaos zu werden (oder schon war)….

Ein chaosfreies Wochenende wünscht Ihnen
Ihr Torsten Ewert

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