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Die Hohe Schule des Investierens

Ausgabe vom 19.06.2026

Die Hohe Schule des Investierens

von Torsten Ewert

Was immer Ihr Ziel war, als Sie mit der Börse anfingen – traden oder investieren – mit Sicherheit haben Sie sich zunächst damit beschäftigt, wie Sie die „richtigen“ Werte finden und wann Sie diese kaufen sollten. Sie haben sich also um den Einstieg in neue Positionen gekümmert.

Nichts leichter als das: Der Einstieg in eine neue Position

Für Leute, die über einschlägige Medien zur Börse gekommen sind, ist das ohnehin der „natürliche“ Start, denn wir finden in Zeitschriften und im Internet stets etliche Tipps für Käufe, aber nur sehr selten den Ratschlag, etwas zu verkaufen. Und außerdem wollen Börsenneulinge ja auch erst einmal ihr Depot füllen. Auch bei meinen Börsenbriefen erhalte ich daher vor allem Anfragen, wann und wie man am besten in die bestehenden Positionen einsteigt.

Für Börsenneulinge ist es zudem ungleich einfacher, Kaufstrategien zu verstehen bzw. selbst zu entwickeln, als Verkaufszeitpunkte zu bestimmen. Oder – wie es ein Kollege mal treffend formulierte: „Eine Vielzahl von Indikatoren ‚klingelt‘, wenn der Markt einen unteren Wendepunkt erreicht hat. Hingegen sind vernünftige Indikatoren für ein Markthoch dünn gesät.“ Das gilt nicht nur für den Markt insgesamt, sondern auch für Einzelwerte.

Am einfachsten von allen Verkaufsstrategien ist noch die Methode der Verlustbegrenzung zu verstehen: Ein Wert, der nicht in die Richtung läuft, die wir erwartet haben, wird ohne Wenn und Aber verkauft, wenn ein bestimmter Verlust aufgelaufen ist. Vor allem Trader arbeiten mit solchen Stoppkursen, die in der Regel automatisch ausgelöst werden. Beim (kurzfristigen) Trading ist das auch völlig vernünftig – und sichert oft genug das (finanzielle) Überleben der Trader.

Wie Stopps Ihren Erfolg bei der Langfristanlage verhindern

Aber auch viele (private) Langfristanleger versuchen, mit Stoppkursen zu arbeiten – entweder weil sie es von ihrem Trading so gewohnt sind oder weil überall gepredigt wird, dass man Verluste begrenzen müsse. Doch Stoppkurse bei der Langfristanlage sind ein sicherer Weg, Ihren wirklichen Erfolg zu verhindern! Aus diesem Grund verwende ich sie weder in meinen Börsenbriefen noch bei meinen privaten Langfristinvestments.

Das klingt zunächst paradox: Verlustbegrenzung soll Erfolg behindern? Ja – und um das zu verstehen, veranschaulichen wir uns zunächst, was das Ziel unserer langfristigen Anlage ist: Wir wollen die langen, großen Trends an der Börse mitnehmen! Der aktuelle Bullenmarkt läuft inzwischen – bei großzügiger Auslegung – seit 2009, also mehr als 17 Jahre! Und es gab immer wieder Situationen, in den es schien, als ginge er nicht mehr weiter. Doch er mauserte sich trotz aller Turbulenzen zur längsten Hausse der Börsengeschichte.

Wer einen langen Trend reiten will, darf sich nicht ausstoppen lassen!

Wenn Sie einen solchen Trend reiten wollen, dann müssen Sie dabeibleiben. Wenn Sie vorzeitig aussteigen, dann brauchen Sie dafür klare Regeln, mit denen Sie ein Hoch möglichst treffsicher erkennen. Doch solche Regeln gibt es praktisch nicht – siehe die obige Aussage meines Kollegen.

Stopps sind nur ein denkbar mangelhafter Ersatz für solche Regeln. Wenn Sie diese Stopps zu eng setzen, fliegen Ihre Positionen zu früh raus. Also müssen Sie sie so weit setzen, dass sie durch normale Korrekturen nicht ausgelöst werden, sondern nur, wenn ein Trendwechsel erfolgt. Eine Faustregel (die auch nur eine sehr grobe Orientierung gibt) besagt, dass bei einem Kursverlust von -20 % seit dem letzten Hoch ein Bärenmarkt beginnt.

Folglich müsste ein langfristiger Stopp mindestens diese Spanne umfassen. Aber einen 20%-igen Kursverlust erkenne ich auch ohne Stopp. Und dann ist meist genug Zeit, genau zu prüfen, warum es dazu kam und ob es wirklich Zeit für einen Verkauf ist. Dafür brauche ich keinen Automatismus.

Der Wiedereinstieg als nächste Hürde

Oft höre ich dann das Argument, dass man ja „unten“ wieder einsteigen könne. Das funktioniert aber nur, wenn die Kurse nach Auslösen des Stopps weiter fallen. Und gerade in den vergangenen Jahren haben wir genug Fälle gesehen, bei denen die Kurse nur Rücksetzer von einigen Prozent machten, aber dann wieder dynamisch stiegen. Es ging also nicht (weiter) nach unten, sondern wieder nach oben. Und je nach Kursverlauf und Signalqualität der (Wieder-)Einstiegsstrategie hätte man zu höheren Kursen wieder einsteigen müssen – also einen Verlust gemacht.

Wenn die Kurse dagegen tatsächlich weiter fallen, muss man den Boden erkennen, wobei man stets damit rechnen muss, dass es doch noch eine oder mehrere weitere Abwärtswellen gibt. Gemäß der „Regel“ meines Kollegen sollte das zwar einfacher sein, als ein Hoch zu erkennen, aber zumindest bei kurzfristigen Korrekturen schlagen diese „Klingeln“ nicht so recht an. Und ein Bullenmarkt ist voller kurzfristiger Korrekturen…

Was wir niemals vergessen dürfen: die Steuern und die Psychologie

Aber selbst, wenn man das perfekte System hätte, um Hochs und Tiefs zu erkennen und kurzfristige Korrekturen von übergeordneten Trendwechseln zu unterscheiden: Mit Blick auf die Gesamtperformance einer langfristigen Geldanlage ist es kontraproduktiv, ein kurzfristiges Markt-Timing zu versuchen. Dafür sind vor allem steuerliche Belange verantwortlich: In Deutschland versteuern Anleger normalerweise jeden Verkauf mit mindestens 26,375 %. In anderen Ländern gelten andere Sätze, aber das Prinzip ist das gleiche: Die Kurse müssen also stärker fallen als die „Verluste“ durch den jeweiligen Prozentsatz betragen. Nur dann ist ein Verkauf und Wiedereinstieg vorteilhafter, als investiert zu bleiben. Das können wir aber vorab nicht wissen!

Bei all dem dürfen wir die Psychologie nicht vergessen! Viele Anleger – insbesondere diejenigen, die schon einige (schlechte) Erfahrungen gemacht haben – bekommen beizeiten „Höhenangst“. Sie neigen also dazu, zu früh zu verkaufen und halten sich auch zurück, wenn die Kurse wieder bzw. weiter steigen. Am Ende verpassen sie ein gutes, meist das beste Stück der Hausse.

Und die meisten Anleger schaffen es auch nicht, bei fallenden Kursen zuzugreifen, selbst wenn langfristige Einstiegsindikatoren „klingeln“. Dann steckt ihnen die Crash-Angst in den Knochen. Oft trauen sie sich erst dann wieder in den Markt, wenn die Kurse schon wieder kräftig nach oben gelaufen sind.

Und wie machen es „normale“ Anleger?

Es gibt also viele Gründe, warum für die meisten privaten Langfristanleger ein Timing der Märkte nicht sinnvoll ist. Sie sollten es daher auch gar nicht erst versuchen. Aber was machen alle anderen Anleger, die ein „normales“ Depot aus Einzelwerten und Fonds bzw. ETFs haben? Sollen sie jede Position bis zum Sankt Nimmerleins-Tag halten?

Ja, das ist der Idealfall, und viele machen es tatsächlich so! Insbesondere alle, die „nebenbei“ weiterhin Kapital neu anlegen, am besten regelmäßig, z.B. per Sparplan. Für sie ist ein Crash ohnehin ein Segen, wie ich hier neulich gezeigt habe (siehe Börse-Intern vom 10.06.2026).

Eine andere Variante, die mitunter empfohlen wird: Sie halten jede Position so lange, bis der ursprüngliche Kaufgrund entfallen ist. Das bedeutet aber, dass Sie sich Ihre Kaufgründe merken bzw. – noch besser – notieren müssen, um sie immer wieder überprüfen zu können.

Das artet schnell in Arbeit aus!

Das mag für Einzelaktien sinnvoll sein, aber bei Fonds bzw. ETFs kommt dieses Vorgehen schnell an Grenzen. Wann entfällt z.B. der Kaufgrund für einen Europa-ETF? Eben.

Für Einzelaktien artet dieses Vorgehen schnell in richtig Arbeit aus: Man muss nicht nur den Kursverlauf beobachten, sondern auch die Fundamentaldaten prüfen, um zu erkennen, ob dort die Ursache für fallende Kurse liegt.

Oft genug sind die „Gründe“ aber selbst in den Fundamentaldaten gar nicht sichtbar, wie aktuell bei vielen Aktien, die „wegen KI“ unter die Räder kommen: Die entsprechenden Unternehmen verdienen weiterhin blendend und wachsen, trotzdem fallen ihre Aktienkurse.

Meine 3 einfachen Verkaufsstrategien für langfristigen Börsenerfolg

Vermutlich ahnen Sie nun, warum das Verkaufen die viel wichtigere Disziplin bei der Geldanlage ist als der Einstieg – und warum ich sie in der Überschrift als „Hohe Schule des Investierens“ bezeichnet habe: Mit dem richtigen (Nicht-)Verkaufen bestimmen Sie letztlich Ihren langfristigen Börsenerfolg!

Und weil das so kritisch, arbeitsintensiv und fehleranfällig ist, bleibe ich persönlich weitgehend bei drei einfachen Varianten: Erstens, Buy & Hold, also Kaufen und Liegenlassen – egal, was der Markt macht. Das gilt vor allem für ETFs. Zweitens, Rebalancing im Mischdepot, also z.B. den Ausgleich zwischen Aktien- und Anleihe-ETFs, wenn deren Anteile zu weit auseinandergelaufen sind, und zwar nach "starren" Regeln, z.B. festen prozentualen Anteilen.

(Da dies aber mitunter zu unattraktiven Transaktionsgrößen führt und außerdem Steuern darauf anfallen; siehe oben; gleiche ich die Verhältnisse in meiner persönlichen Geldanlage nach Möglichkeit durch angepasste Sparplan-Käufe im Lauf des Folgejahres aus.)

Drittens nutze ich – für Einzelaktien – meine „Kleiderschrank-Methode“.

Mit diesen Methoden gewinne ich keinen Preis in der „Hohen Schule des Investierens“. Vermutlich wird man dort sogar die Nase über mein amateurhaft-pragmatisches Vorgehen rümpfen. Aber ich will schließlich auch keinen Wettbewerb gewinnen, sondern mit überschaubarem Aufwand ein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen. Und nur darauf kommt es an.

Mit besten Grüßen
Torsten Ewert

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