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Wo der Markt aktuell steht

Ausgabe vom 17.06.2026

Wo der Markt aktuell steht

von Torsten Ewert

Wie Sie längst wissen bzw. gemerkt haben, sind wir bei Stockstreet überwiegend der Meinung, dass die Aktienmärkte seit einiger Zeit in einer Übertreibung sind. Das schreiben nicht nur Sven Weisenhaus und ich hier immer wieder, sondern die Kollegen der diversen Stockstreet-Börsenbriefe haben in jüngster Zeit verstärkt Gewinne mitgenommen – was ebenfalls ein starkes Indiz dafür ist.

Womit kann man die laufende Übertreibung vergleichen?

Aber wie gesagt, die Übertreibung besteht schon seit geraumer Zeit – und ist bisher immer weitergegangen. Vielleicht geht sie also noch länger weiter und lässt uns dadurch immer dümmer aussehen.

Eine spannende Frage ist daher, wo der Markt aktuell stehen könnte, also wie viel Potenzial nach oben ihm noch bleibt bzw. wann er nach unten drehen könnte.

Bekanntlich wird die laufende Übertreibung immer wieder mit der Dotcom-Blase verglichen. Und mindestens genauso oft findet sich dann jemand, der erklärt, dass dies aus irgendeinem Grund Blödsinn ist. Bei manchen Erklärungen mutmaße ich, dass diese nur eine Variante des „Dieses Mal ist es anders“-Syndroms sind, also der gefährlichsten 5 Worte an der Börse.

Trotzdem mache ich die folgende Analyse völlig unvoreingenommen und lasse auch Vergleiche mit der Zeit um die Jahrtausendwende zu, wie Sie gleich sehen werden.

Ein einfacher Ausgangspunkt

Mein Ausgangspunkt dafür ist ganz simpel: Der Nasdaq 100, einer der aktuell auffälligsten, weil stärksten Indizes, hat jüngst nach eindrucksvoller Rally ein markantes Hoch gebildet. Das hat er trotz der ermutigenden Nachrichten zum Iran-Krieg (siehe Börse-Intern vom 15.06.2026) bis heute nicht überwunden, obwohl anderen, weniger tech-lastigen US-Indizes, wie Dow Jones, NYSE Composite oder Russell 2000, das „Kunststück“ neuer Rekordhochs in den vergangenen Tagen sehr wohl gelungen ist (zum Teil sogar mehrfach).

Dass die jüngste Rally im Nasdaq 100 und anderen Tech-Indizes rekordträchtig war, haben Sven Weisenhaus und ich hier in den vergangenen Wochen ebenfalls mehrfach beschrieben. Ich wähle daher für meine Analyse ganz bewusst ein eher unspektakuläres Kriterium, den prozentualen Anstieg in einer bestimmten Zeit.

Dazu der folgende Chart:

20260617a_N100-Tageschart seit 2026-01

Der Nasdaq 100 hat in den 45 Handelstagen vom 30. März bis 3. Juni +34,7 % zugelegt. Ein klassischer Indikator, der Ähnliches misst, ist die sogenannte Rate of Change (ROC). Sie bestimmt allerdings „nur“ die prozentuale Differenz zwischen zwei Schlusskursen. Diese war einen Tag zuvor, am 2. Juni etwas größer, wenn auch mit 33,6 % einen Tick geringer (siehe unterer Chartteil).

Wann der Kurs früher schon mal so stark stieg

Nun habe ich in der Historie des Nasdaq 100 Zeitpunkte gesucht, in denen die 44-Tage-Rate of Change (ROC44) ähnlich groß war. Das Ergebnis zeigt der folgende Chart:

20260617b_N100-Tageschart seit 1993

Es gibt nur 8 frühere Fälle. Der früheste, von 1991, ist hier leider nicht zu sehen, weil die Historie des Nasdaq 100 (ab 1983) bei stock3 leider erst seit 1992 verfügbar ist. Ich werde darauf aber noch zurückkommen.

Wie Sie sehen, häufen sich diese Fälle um die Jahrtausendwende, wobei allerdings 3 davon 2001 und 2002 auftraten, also in der Baisse, die dem 2000er Hoch folgte. Diese 3 Fälle sind aber ebenso wieder Fall von 2009 für unsere Analyse nicht relevant.

Der Grund: Mit dem jüngsten starken ROC44-Anstieg erreichte der Nasdaq 100 ein neues Allzeithoch. 2001, 2002 und 2009 war dies dagegen nicht so – neue Allzeithochs wurden damals erst Jahre später erreicht. Es waren also starke Erholungen nach starken Kursabschlägen, was diesmal nicht so war.

Korrektur oder nicht? Das ist hier (nicht) die Frage

Und wer nun versucht ist einzuwenden, dass wir vor dem jüngsten Anstieg ebenfalls einen Kurseinbruch sahen, der sei auf folgende Tabelle verwiesen:

20260617c_N100-ROC44-Analyse seit 1990

Quelle: eigene Berechnungen mit Daten von infront

Hier habe ich die insgesamt 9 Fälle aufgeführt und dabei neben der Angabe, ob dabei auch ein Allzeithoch erreicht wurde (2020 war das erst einige Tage nach dem ROC44-Anstieg so), auch die Verluste in der vorangegangenen Korrektur angegeben. Und danach ist der aktuelle Fall eines extrem starken ROC44-Anstiegs derjenige, dem die mit Abstand geringste Korrektur voranging!

Das ist aus meiner Sicht ebenfalls ein Zeichen der Übertreibung, denn dies wurde nur 1999 getoppt, als die Kurse praktisch ohne vorherige Korrektur nach oben schossen. (Damals gab es kurz zuvor nur eine minimale Konsolidierung.)

Zwischen diesen 2 Varianten müssen sich die Anleger entscheiden

Wenn es also nach diesem – zugegeben sehr einfachen – Kriterium geht, befindet sich der Markt wohl vermutlich in einer ähnlichen Situation wie Ende der 1990er Jahre. Er hätte dann aus zeitlicher Perspektive noch etwa ein Jahr bis zu seinem finalen Hoch. Der Vergleich mit der Dotcom-Blase hinkt also gar nicht so sehr, zumal wir derzeit wie damals „verrückte“ Börsengänge erleben, die auch medial gepusht werden.

Aber gut, ich will nicht voreingenommen sein, und daher auf die Möglichkeit verweisen, dass zumindest theoretisch auch der Fall von 1991 als Vergleich infrage kommt: Damals war zwar der vorangegangene Kurseinbruch mit mehr als -34 % fast dreimal so groß, aber dieser wurde ebenfalls durch einen Krieg im Nahem Osten ausgelöst (2. Golfkrieg; der Überfall Iraks auf Kuwait und das nachfolgende Eingreifen einer militärischen Koalition unter Führung der USA).

Zudem gibt es zu diesem Fall auch andere statistische Parallelen. Und damals lief die Rally ebenfalls schon jahrelang: Die Hausse, die zum Hoch von 2000 führte, begann zu Beginn der 1980er Jahre – nach der großen, 15-jährigen Seitwärtsbewegung zuvor, dem OPEC-Ölembargo der 1970er Jahre sowie der folgenden starken Inflation. Dann hätten wir vielleicht noch eine fast 10 Jahre dauernde Rally-Fortsetzung vor uns!?

Wir dürfen also sehr gespannt sein, für welche Variante sich die Börsianer entscheiden …

Mit besten Grüßen
Torsten Ewert

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