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Die merkwürdige Diskrepanz zwischen Kursen und Stimmung

Ausgabe vom 15.04.2026

Die merkwürdige Diskrepanz zwischen Kursen und Stimmung

von Torsten Ewert

Gestern hat Sven Weisenhaus an dieser Stelle auf die starke Serie des Nasdaq 100 verwiesen (+12,5 % in 10 Handelstagen). Heute kann ich da noch eins draufsetzen.

Eine historisch seltene bullishe Serie im Nasdaq 100

Und das nicht nur, weil der Nasdaq 100 inzwischen in 11 Tagen bis zu +14,1 % zugelegt hat und sich damit seinem Allzeithoch inzwischen bis auf 0,5 % genähert hat:

20260415a_N100-Tageschart seit 2025-08

(Andere, kleinere Indizes haben bereits neue Hochs markiert, z.B. Österreichs ATX und Finnlands HEX!)

Denn egal, ob es heute dabei bleibt, dass der Kurs ein weiteres Mal gegenüber dem Vortag steigt oder nicht – der Nasdaq 100 ist dann 10 bzw. 11 Handelstage in Folge gestiegen. Dabei hat er 12,6 bzw. +13,2 % zugelegt (auf Schlusskursbasis). Solche Serien ununterbrochener Anstiege allein sind schon selten, aber ebenso derart starke Anstiege in so kurzer Zeit. Ununterbrochene Tagesgewinne jedoch, die insgesamt in so kurzer Zeit zu so starken Kursgewinnen führen, sind die absolute Ausnahme.

Wie gesagt, es ist gleichgültig, ob es eine Serie von 10 oder 11 Tagen wird: Dass es dabei zugleich prozentual zweistellige Kursgewinne gab, ist bisher nur 3-mal zuvor vorgekommen: nach der Finanzkrise im Juli 2009, kurz vor dem Ende des 2. Golfkrieges im Februar 1991 und im Januar 1987 (als Startschuss zur letzten Etappe der Rally, die mit dem legendären Crash im Oktober 1987 endete).

Eine bemerkenswerte Parallele

Bemerkenswert ist natürlich die Golfkriegs-Parallele, denn die damalige Situation ist ähnlich der aktuellen: Es gab massive Ängste wegen der Ölversorgung aus dem Nahen Osten, wodurch die Kurse zunächst um -34 % fielen. Dann folgte die besagte Rally (gelbes Rechteck im folgenden Chart), welche die Kurse damals sogar über das Vorkriegshoch schob. Rund 14 Tage zuvor begann der alliierte Gegenschlag, um die damalige irakische Invasion Kuwaits zu beenden. Das gelang rund einen Monat nach der Anstiegsserie (siehe blauer Pfeil):

20260415b_N100-Tageschart 1990-91

Quelle: MarketMaker mit Daten von infront

Wir dürfen gespannt sein, ob es diesmal ähnlich kommt. Zwar gab es keinen derart heftigen Einbruch wie 1990, sondern nur einen vergleichsweise moderaten Rückgang von -12,7 %. Aber auffallend ist, dass nach der jüngsten Militäraktion der USA in der Straße von Hormus Iran keinen Gegenschlag gestartet hat, obwohl genau dieser für den Fall einer US-Gegenblockade angekündigt wurde. Ob das ein Zeichen der Schwäche, die Ruhe vor einem neuen Sturm oder einfach das Einhalten der vereinbarten Waffenruhe durch Iran ist, lässt sich kaum sagen.

Was die jüngste Fondsmanagerumfrage offenbart

Was sich aber sagen lässt, ist, dass es eine merkwürdige Diskrepanz zwischen den jüngsten Kursanstiegen und der Stimmung der Investmentprofis gibt. Dies offenbart jedenfalls die April-Umfrage der Bank of America (BofA) unter internationalen Fondsmanagern.

Sie zeigt einen zunehmenden Pessimismus der Investoren. So ergab sich ein so bearishes Stimmungsniveau wie seit Juni 2025 nicht mehr. Es kam zu einem recht scharfen Rückfall von 5,6 auf 3,7 Punkte im Sentiment:

20260415c_BofA FMS 2026-04

Noch stärker ging es in der Umfrage mit den globalen Wachstumserwartungen nach unten: Hier brach der Wert von netto +7 % auf -36 % regelrecht ein. Und im Februar, also vor dem Iran-Krieg, stand der Wert noch bei netto 39 %. („Netto“ heißt in diesem Fall, dass der Anteil derer, die ein Wachstum der Weltwirtschaft in den nächsten 12 Monaten erwarten, 39 Prozentpunkte größer war, als der Anteil derer, die einen Rückgang erwarteten, usw.)

Ähnlich sieht es bei der Inflation aus; die Erwartung steigender Preise sprang auf den höchsten Stand seit 2021.

20260415e_BofA FMS 2026-04

Die Fondsmanager schließen daraus auch folgerichtig, dass damit die Profite der Unternehmen zurückgehen werden – erstmals seit September 2025 rechnet die Mehrzahl der Befragten nun mit Gewinnrückgängen im globalen Kontext:

20260415e_BofA FMS 2026-04

Im April fiel dieser Indikator auf netto -14 %; im Januar erreichte er noch sein jüngstes Hoch bei netto +44 %. Diese Einschätzung kontrastiert stark mit den hohen Analystenerwartungen, auf die Sven Weisenhaus gestern verwies.

Immerhin schließen sich die Fondsmanager damit der Meinung der meisten Ökonomen an. Wie das zu den jüngsten Kurssprüngen passt, ist mir völlig schleierhaft. Zumal die Profis bekundeten, dass ihre Cashquote gegenüber März unverändert bei 4,3 % geblieben ist.

Wer hat die Kurse nach oben getrieben??

Ich fasse also nochmal kurz zusammen: Die Profis sind bearish, erwarten eine Konjunkturdelle, eine höhere Inflation und sinkende Gewinne. Außerdem haben sie offenbar keine neuen (Netto-)Käufe getätigt. Wer bitteschön hat dann die Kurse derart angetrieben??

Nun mag die Umfrage nur ein beschränktes Bild zeichnen. So dürfte ein Gutteil der Antworten vor den jüngsten Ereignissen im Nahen Osten eingegangen und daher womöglich bearish überzeichnet sein. Auch dürfte es – wenn schon keine neuen Käufe – so doch Umschichtungen gegeben haben, die hier und da kurstreibend gewirkt haben.

Aber insgesamt passt diese Stimmung nicht zur Chartlage. Und damit ergeben sich zwei Szenarien: Wenn die Kurse weiter steigen, müssen diese bearishen Fondsmanager ihnen hinterherrennen – egal, wie ihre Stimmungslage ist. Ein Ausbruch nach oben bei den US-Indizes dürfte daher die Rally weiter anfeuern – Übertreibung hin, fundamentale Bedenken her.

Wenn dagegen die Kurse wieder nachgeben (womöglich nachrichtengetrieben), dürften sich die Fondsmanager in ihren Ansichten bestätigt fühlen und zu Verkäufen neigen. Dann könnten die Indizes schnell wieder ins Purzeln kommen.

An wem wir uns jetzt ein Beispiel nehmen sollten

Die Lage bleibt also fragil. Meine charttechnischen Hinweise vom vergangenen Freitag, die ich für die bullishen und bearishen Szenarien gegeben habe, sind also weiterhin voll gültig. Wobei – wie Sven Weisenhaus gestern nochmals betont hat – Fehlsignale einzukalkulieren sind, wie wir sie erst jüngst gesehen haben (z.B. auch im Nasdaq 100; siehe erster Chart).

Es erscheint mir daher sinnvoll, sich ein Beispiel an den Profis zu nehmen: Sie haben in jüngster Zeit die Füße stillgehalten (unveränderte Cashquote gegenüber dem Vormonat). So sollten es Privatanleger vielleicht auch besser halten…

Mit besten Grüßen
Torsten Ewert

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