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Die Magie der runden Marken
Ausgabe vom 29.05.2026
Die Magie der runden Marken
von Torsten Ewert
Es ist wieder einmal soweit – mehrere große Indizes stehen an oder vor großen Marken oder kämpfen seit längerem damit: 50.000 Punkte im Dow Jones, 30.000 Punkte im Nasdaq 100 und 25.000 Punkte im DAX.
Wichtige Indizes an markanten runden Marken
Nun kann man natürlich argumentieren, dass der Dow Jones schon die 50.000er Marke überwunden hat und der Nasdaq 100 gerade dabei ist, über 30.000 Punkte auszubrechen – so, wie es der S&P 500 an seiner 7.000 Marke vorgemacht hat.
Und überhaupt: Nasdaq 100 bei 30.000 Punkte – war da nicht was? Richtig, Mitte April hatte ich hier einen Chart des Nasdaq 100 gezeigt, in dem ich ein Seitwärtsszenario für diesen Index skizziert habe. Und das ist daraus geworden:

Der Kurs ist einfach weitergelaufen und steht nun statt bei 25.000 bei 30.000 Punkten. Offenbar ist also nicht jede runde Marke einer der „magischen“ psychologischen Widerstände.
Das hängt natürlich auch von der Stimmung ab – bei einer insgesamt eher bullishen Stimmung werden solche Marken gern erst einmal überrannt. Aber im Rückblick finden wir immer wieder Fälle, bei denen die Indizes über längere oder gar lange Zeit bei solchen Marken verharrten – oder nach einem zwischenzeitlichen Ausbruch darüber später dorthin zurückkehrten.
Eindrucksvolle Beispiele aus der Historie
Hier mal ohne weiteren Kommentar einige eindrucksvolle historische Beispiele bei den genannten Indizes:




Und aktuell kämpft der DAX übrigens schon seit gut einem Jahr mit der 25.000-Punkte-Marke…
Mitunter fallen die Kurse erst viel später auf diese runden Marken zurück – nach Wochen, Monaten oder gar Jahren. So tauchte der Nasdaq 100 in der Finanzkrise nochmals in Richtung 1.000-Punkte ab, nachdem er sich zuvor 5 Jahre lang mühsam von 800 bis auf 2.250 Punkte nach oben gequält hatte.
Manchmal halten runde Marken die Kurse jahrelang auf
Das Verrückte ist, dass man diese Verläufe an psychologisch wichtigen Marken immer und immer wieder erkennt. Wie wir sehen, gilt das zwar nicht für jede einzelne runde Marke. Und mitunter kann man sich auch darüber streiten, um welche konkrete Marke der Kampf denn nun genau ausgetragen wird oder wurde.
Im DAX scheint zumindest im Nachhinein die 12.000er Marke heißer umkämpft gewesen zu sein als die „rundere“ 10.000er – der Kurs konnte sich von März 2015 bis September 2022 nicht nachhaltig von ihr lösen, also ganze 7,5 Jahre!
Das erinnert ein wenig an den Dow Jones, der mit seiner 1.000er Marke sogar fast 17 Jahre kämpfte, von Anfang 1966 bis Ende 1982 …
Die Psychologie hinter den runden Marken
Es ist oft ein rein psychologisches Problem, dass es für die Anleger so schwer ist, sich daran zu gewöhnen, dass eine neue „Schallmauer“ übersprungen werden soll. Hintergrund ist die Art und Weise, wie Menschen denken bzw. wahrnehmen. Schon in der Natur orientierte sich der Mensch an „hervorstechenden“ Merkmalen. Bei den ansonsten eher nüchternen Zahlen erhalten „auffällige“ Marken erst recht eine besondere Bedeutung.
Verantwortlich dafür ist der Ankereffekt, der dafür sorgt, dass Menschen – oft unbewusst – von bestimmten Umgebungsinformationen beeinflusst werden, häufig etwas Bekanntem, Gewohntem. Bei einem Kurswechsel von 9.000er zu 10.000er Werten liegt es dann nahe, dass man sich verstärkt fragt, ob dieses „hohe“ Niveau gerechtfertigt ist.
Dafür gibt es meist keinen konkreten Anlass – dieselbe Frage kann man auch bei 9.200 oder 9.735 Punkten stellen. Die konkreten zahlenmäßigen Unterschiede sind eher gering. Aber eine neue Dimension verleitet eben eher zu einer solchen Frage.
Warum wir uns wünschen sollten, dass es nun eine Konsolidierung gibt
Natürlich muss dafür ein entsprechendes Umfeld herrschen, also irgendwas zwischen Zweifel und Angst. Nicht zu viel natürlich, sonst kommt es gar nicht zu dem nötigen Kursanstieg, der solche Überlegungen auslöst. Aber auch Euphorie, also völlige Kritiklosigkeit, verhindert den Ankereffekt – in diesem Fall werden die markanten Niveaus einfach überrannt; es wird nun gar nicht mehr nachgedacht.
Dann kommt es erst später zu diesen Überlegungen, was dazu führt, dass die Kurse auf diese Marken aus großer Höhe zurückfallen, also wenn sie anscheinend längst „nachhaltig“ darüber hinweg sind. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist der Crash des Nasdaq 100 ab 2000 – von fast 5.000 Punkten zurück unter 1.000.
Vielleicht sollten wir uns also wünschen, dass sich Dow Jones und Nasdaq 100 noch eine Weile bei 50.000 bzw. 30.000 Punkten entlanghangeln. Das erspart uns eventuell später erhebliches Ungemach…
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert
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