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Zwei Rätsel
Ausgabe vom 01.06.2026
Zwei Rätsel
von Torsten Ewert
Zwei Rätsel beschäftigen derzeit vor allem die Ökonomen, aber auch etliche Anleger: die vergleichsweise gute Stimmung in den Unternehmen und die relativ robuste Wirtschaft. Und – ergänzend dazu – ein erstaunlich stabiler Konsum trotz richtig mieser Stimmung bei den Verbrauchern. Letzteres betrifft vor allem die USA, die ja weiterhin das Zugpferd der Weltwirtschaft sind.
Das PMI-Rätsel
Zum ersten Punkt, der Stimmung in den Unternehmen, gab es heute die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) von S&P Global (für mehrere Länder/Wirtschaftsräume) sowie vom ISM (nur für die USA), und zwar zunächst für den verarbeitenden Sektor („Industrie“).
Die PMIs stellen das erste Rätsel dar – sie sind in vielen Bereichen besser, als man angesichts von Krieg und knapper bzw. teurer Energie erwartet hätte. Ich will hier nicht auf die Zahlen im Detail eingehen, sondern nur auf die wichtigsten Punkte. Und die gehen aus der folgenden Tabelle am besten hervor:

Quelle: S&P Global
Sie zeigt die Daten der Einkaufsmanagerindizes für verschiedene Länder/Wirtschaftsräume seit Jahresbeginn, aufgeschlüsselt in die beiden Sektoren Dienstleistungen und Industrie sowie den daraus ermittelten Gesamt-Index (Composite). Die Werte für die Industrie sind bereits die endgültigen Daten für Mai (fett gesetzte Zahlen); die anderen beiden Index-Gruppen basieren noch auf den vorläufigen Werten (kursiv), denen jedoch immer hin 80-90 % aller Rückmeldungen zugrunde liegen.
Anhaltend positive Unternehmensstimmung trotz Krieg
Wie man sieht, blieben die Daten trotz Iran-Krieg vielfach positiv (oberhalb von 50 Punkten; grün schattiert; unterhalb von 50 Punkten rot schattiert). Einen kleinen Dämpfer gab es im März bei den US-Dienstleistern, der aber inzwischen wettgemacht wurde. Und in Europa ist eine deutliche Schwäche zu erkennen, vor allem bei den Dienstleistern (was auch die Composite-PMIs drückt).
Letzteres ist weder neu noch überraschend. Bemerkenswert ist jedoch die Deutlichkeit, mit der die Unternehmen ihren Missmut ausdrücken. So schrieben die Ökonomen von S&P Global zu den vorläufigen Mai-PMI-Daten von Frankreich: „Der stärkste Rückgang seit Ende 2020 war nach Angaben der Unternehmen eine Folge des Krieges im Nahen Osten; als Gründe für den Produktionsrückgang nannten sie häufig den Druck durch Kraftstoff- und Energiekosten sowie allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit. [...] Insgesamt blickten die Unternehmen pessimistisch in die Zukunft – zum ersten Mal seit November 2024 – und der Grad der Negativstimmung war der höchste seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie im April 2020.“
Aber selbst in Frankreich ist zumindest die Industrie wieder etwas im Aufwind – der vorläufige Wert lag in der vorletzten Mai-Woche noch bei 48,9 Punkten, der endgültige liegt nun bei 49,7 und damit nur noch sehr knapp unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch eine positive Überraschung bei Dienstleistungs- und Composite-PMI. (Diese Daten folgen am Mittwoch.)
Dem Lager-Boom folgt die Lager-Delle
Wie schon in der PMI-Analyse vom April geschrieben (siehe Börse-Intern vom 27.04.2026) sind vor allem die guten Daten aus der Industrie einem verstärkten Lageraufbau zu verdanken. Diese Lageraufstockungen spiegeln Sorgen um die Lieferketten und mögliche Engpässe wider. Wie neulich an andere Stelle geschrieben wurde, kann man dies als Ausdruck einer erhöhten Widerstandsfähigkeit deuten, da diese Vorsorge eine Form der Risikominderung ist. Nach dem Motto: „Die Zukunft mag ungewiss sein, aber die Unternehmen bereiten sich darauf vor.“
Das kann man so sehen, aber dennoch werden irgendwann die aufgefüllten Lager geleert werden und dann eine Delle bei Produktion und Auftragseingängen folgen.
Aber bisher spielen diese Sorgen an den Aktienmärkten keine Rolle, und so bleibt dieses Rätsel vorerst weitgehend ungelöst.
Das Konsum-Rätsel
Noch mysteriöser ist es beim Konsum in den USA: Die Verbraucherstimmung ist im Keller; sowohl die Daten der Universität von Michigan als auch des Conference Board zeigen Werte im Bereich langjähriger Tiefs oder sogar Allzeittiefs.
Und das nicht erst seit dem Iran-Krieg, sondern schon seit längerem, wie die folgende Grafik der Helaba zeigt:

Der dargestellte „Misery Index“ ist die Summe der Prozentwerte von Inflation und Arbeitslosenquote und gilt als Maß für die Belastung der Verbraucher/Arbeitnehmer und weist eine hohe Korrelation zur Verbraucherstimmung auf. Diese ist, wie gesagt, mies, aber auf die Kaufbereitschaft der Menschen wirkt sich das nicht spürbar aus.
Keine Trendwende!?
So war das Wachstum der Persönlichen Konsumausgaben in den vergangenen Quartalen bis Ende 2025 stets höher als das BIP-Wachstum. Erst im 1. Quartal 2026 drehte sich das Verhältnis um. Doch das muss kein Trendwechsel sein!
Denn im Februar und März gab es bei den realen (also inflationsbereinigten) Einzelhandelsumsätzen jeweils einen kräftigen Aufwärtsschub. Im April folgte nur ein minimaler Rücksetzer. Von umfassender Konsumunlust kann also keine Rede sein (auch wenn eine Detailanalyse diesem positiven Bild ein paar Kratzer verpassen dürfte).
Der Misery Index gibt zumindest einen kleinen Hinweis, warum der private Konsum in den USA so robust bleibt: Auch der US-Arbeitsmarkt zeigt sich widerstandsfähig! Im März und April wurden mehr neue Stellen geschaffen. Mit +3,6 % Wachstum im Jahresvergleich bleibt der Lohnzuwachs zwar wieder knapp hinter der Inflationsrate +3,8 % zurück (und für Mai wird mit +3,4 % ein weiterer leichter Wachstumsrückgang erwartet), aber immerhin scheinen sich die US-Beschäftigten keine Sorgen um ihre Jobs machen zu müssen. (Was zumindest zum Teil auch ein „Verdienst“ der Anti-Migrationspolitik der US-Regierung sein dürfte).
Eine ganz einfache Lösung
Vielleicht ist es also „ganz einfach“: Die hohen Preise mögen die Stimmung dämpfen, aber solange man einen Job hat, leistet man sich trotzdem was. Zudem sorgen womöglich auch die gestiegenen Aktienkurse dafür, dass sich die US-Bürger reicher fühlen und glauben, sich was leisten zu können.
Falls dies so wäre, könnten fallende Aktienkurse dafür sorgen, dass sich das positive Bild zumindest beim US-Konsum ins Gegenteil verkehrt. Womit dann immerhin eines der beiden Rätsel gelöst wäre, wenn auch auf wenig erfreuliche Art und Weise.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert
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