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US-Arbeitsmarkt und der große Juni-Verfallstag im DAX
Ausgabe vom 08.06.2026
US-Arbeitsmarkt und der große Juni-Verfallstag im DAX
von Torsten Ewert
Wie bereits am Mittwoch in der Chartanalyse zum DAX geschrieben, steht inzwischen der große Juni-Verfallstag am 19.06. bevor. Und diesmal weist dieser „dreifache Hexensabbat“ einige Besonderheiten auf. Dabei spielt auch der US-Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle.
Fast schon die Regel: Fed-Meeting vor dem Verfallstag
So findet in der Verfallstagswoche wieder einmal ein Fed-Meeting statt, dessen Ergebnisse wie üblich zwei Tage vor dem großen Verfallstag, also in diesem Fall am Mittwoch, 17.06.2026, bekanntgegeben werden. Mittlerweile ist dies eher die Regel als die Ausnahme, sodass sich die Märkte darauf eingestellt haben.
Und da mit überwältigender Mehrheit unveränderte Leitzinsen erwartet werden – aktuell mit rund 98%-iger Wahrscheinlichkeit – ist das Überraschungspotenzial dieser Sitzung eigentlich begrenzt.
„Eigentlich“ heißt, dass dies für „normale“ Umstände gilt. Aber die Umstände sind mit Blick auf den Iran-Krieg nicht unbedingt normal (die Lage ist am Wochenende mit beiderseitigen Angriffen wieder eskaliert). Für die Zentralbanken, also auch die Fed, bedeutet dies anhaltende bzw. zunehmende Inflationsgefahren.
Zwei Unsicherheitsfaktoren
Und speziell für die USA bzw. die Fed gibt es aus Sicht der Börsianer zwei Unsicherheitsfaktoren, was den weiteren Verlauf der Leitzinsen betrifft.
Erstens ist der Arbeitsmarkt unerwartet robust, was der Fed prinzipiell Spielraum für Zinserhöhungen geben würde, um die Inflation zu bekämpfen. (Dass mit Zinserhöhungen eine importierte Inflation aufgrund hoher Energie- und Rohstoffpreise durch externe Effekte – hier: einen Krieg – nicht wirklich zu bekämpfen ist, sei dahingestellt.)
Am Freitag wurden die Beschäftigungszahlen für Mai veröffentlicht. Danach wurden im Vormonat 172.000 neue Jobs geschaffen; die Werte der Vormonate wurden erneut nach oben revidiert:

Das ist nun schon der dritte Monat in Folge, in dem zum einen deutlich mehr als 100.000 neue Stellen geschaffen wurden und zum anderen deutlich mehr als erwartet. So lagen die tatsächlichen Zahlen in den vergangenen 3 Monaten insgesamt mehr als doppelt so hoch, als von Ökonomen und Analysten erwartet.
Das große Staunen der Ökonomen
Nun weisen die Ökonomen darauf hin, dass – erstens – in der jüngsten Zeit nur wenige Wirtschaftsbereiche zu diesem starken Beschäftigungsaufbau beigetragen haben, zweitens, die Arbeitslosenquote im Mai (bzw. den Vormonaten) im Bereich von 4,3 % stagnierte und drittens der Lohnanstieg seit längerem nur moderat ist. Dies – so ihre Schlussfolgerung – deute nicht auf einen „unmittelbaren Preisdruck“ der Arbeitsmarktdaten hin und setze die Fed damit nicht in Zugzwang zu handeln.
Na ja, das kann man vermutlich so sehen. Aber dieselben Ökonomen äußern auch ihr Erstaunen darüber, dass sie mit ihren Prognosen zuletzt mehrfach so kläglich danebenlagen. Und sie klingen überrascht, dass „diese wenigen Gewerbezweige ein entsprechendes Arbeitsangebot an Mitarbeiter gefunden haben“. Betroffen sind dabei – neben staatlichen Unternehmen und Institutionen – vor allem der Gesundheits- und Bildungssektor, der Bereich Freizeit/Gastronomie sowie Kurierdienste.
Doch genau das sind Branchen, die vermutlich von der Abschiebepolitik der US-Regierung besonders betroffen waren. Offenbar gelingt es nun den Firmen, diese frei gewordenen Stellen wieder zu besetzen. Das kann man als Erfolg dieser Abschiebepolitik werten, aber der Arbeitsmarkteffekt insgesamt bleibt überschaubar: Wenn diese paar hunderttausend Stellen besetzt sind, ebbt die aktuelle Arbeitsmarktstärke ab.
Das „New Normal“ am US-Arbeitsmarkt
Dann kann der US-Arbeitsmarkt doch noch auf das „New Normal“ einschwenken, dass die Ökonomen seit längerem erwarten: Danach könnte sich der Stellenaufbau, der nötig ist, damit die US-Wirtschaft wächst, erheblich verringern. Darauf hatte ich bereits Anfang des Jahres hingewiesen (siehe Börse-Intern vom 09.01.2026).
Allerdings ist natürlich die Frage erlaubt (und offen), warum es so lange dauert, bis dieser Rückpralleffekt der Abschiebungen sichtbar wird. Womöglich sieht man in den jüngsten Daten auch einen Sondereffekt durch die Fußball-WM und den 250. Nationalfeiertag der USA. Diese Großevents erfordern sicherlich eine hohe Zahl zusätzlicher, aber nur saisonaler Arbeitskräfte.
Daher ist die Fed gut beraten, wenn sie den aktuellen Zahlen nicht allzu viel Gewicht beimisst, sondern die weitere Entwicklung abwartet.
Der Markt sieht das anders
Doch der Markt sieht das anders – er hat sofort nach den Zahlen vom Freitag eine Zinserhöhung bis Jahresende eingepreist:

Quelle: CME Fed Watch Tool
So lag der rechnerisch erwartete Leitzins zum Jahresende noch Anfang Juni bei 3,67 %, was eine gewisse Unschlüssigkeit der Anleger bezüglich einer Zinserhöhung zeigte (siehe 2. Spalte von rechts in der Tabelle der obigen Grafik). Am Freitag sprang dieser Wert auf 3,76 % (siehe mittlere Spalte sowie rot/grau schattierte Felder) – und steigt seitdem weiter.
Das ist doppelt bemerkenswert: Schließlich sollten die Anleger ähnliche Überlegungen hinsichtlich des Arbeitsmarkts anstellen und nicht einfach nur auf nackte Zahlen reagieren. Zudem ist seit jüngstem mit Kevin Warsh ein Fed-Chef im Amt, der von Präsident Trump de facto den Auftrag zu Zinssenkungen mit auf den Weg bekommen hat.
Außerdem: Neuer Fed-Chef und Verfallstags-Verschiebung in den USA
Und damit zum zweiten Unsicherheitsfaktor der bevorstehenden Fed-Sitzung: der neue Chef, also besagter Kevin Warsh. Er wird sich mit Märkten und Medien erst noch arrangieren und seinen Weg finden müssen. Die Journalisten werden versuchen, ihn auf der Pressekonferenz im Anschluss an das Fed-Meeting aus der Reserve zu locken. Unbedachte Aussagen können dann marktbewegend sein – insbesondere im Vorfeld eines Verfallstags!
Dieser weist diesmal die Besonderheit auf, dass er in den USA aufgrund des Feiertags am 19. Juni („Juneteenth“) bereits am 18.6. stattfindet. Für die US-Anleger bleibt daher noch weniger Zeit, ein eventuelles überraschendes Ergebnis des Fed-Meetings zu verdauen.
Und je nachdem, wie turbulent es dann dort zugeht, könnte der DAX kurz vor seinem Verfallstag am Tag darauf auf den letzten Metern ebenfalls von seiner Strecke abkommen. Daher stehen die folgenden Überlegungen unter noch stärkerem Vorbehalt als sonst.
Das aktuelle Verfallstagsdiagramm des DAX
Beginnen wir wie immer mit dem aktuellen Verfallstagsdiagramm:

Quellen: eigene Berechnungen mit Daten von infront
Wie schon in den vergangenen Monaten liegen die markanten Positionen auf den runden Marken, die sich im zurückliegenden Jahr auch in den Kursen manifestiert haben: das Hoch im Bereich von 25.500 Punkten, die runde Marken von 25.000, 24.000 und 23.000 Punkten und die Ober- und Unterkante der alten Seitwärtsbewegung ab Mai 2025 (gelbes Rechteck im folgenden Chart):

Laut Verfallstagsprognose sollte der DAX zum großen Verfallstag am Freitag der kommenden Woche zwischen 24.000 und 25.000 Punkten liegen, weil darunter und darüber die bearishen bzw. bullishen Bereiche dominieren, aus denen die Stillhalter den Kurs gern heraushalten würden. Passend dazu liegt das optimale Abrechnungsniveau für die Stillhalter gemäß Max-Pain-Kurve (siehe unterer Teil des Verfallstagsdiagramms) genau dazwischen bei 24.500 Punkten.
Eine genauere Prognose ist derzeit kaum möglich, weil die Volatilität im DAX derzeit sehr hoch ist (worauf Sven Weisenhaus schon in der Vorwoche hinwies) bzw. die Kursrichtung ständig wechselt.
Schwierige Verfalltsagsprognose
Das sehen wir auch jetzt wieder: Kaum hat sich der DAX über 25.000 Punkte nach oben gekämpft, kommt es zum Rückfall, der sogleich bestätigt wird (siehe roter Pfeil im Chart), dem heute zunächst ein weiterer Einbruch folgte. Aber dann drehte der Kurs an der Oberkante des gelben Rechtecks und steigt wieder dynamisch.
Charttechnisch sind damit sowohl der mögliche Aufwärtstrend (grün) als auch das graue Dreieck gebrochen, was weiter fallende Kurse bedeuten sollte. Doch der zerklüftete Kursverlauf mit vielen Kurslücken, Überlappungen und Zwischenhochs und -tiefs bietet dem DAX bis auf Weiteres eine Fülle an Unterstützungen!
Darüber hinaus gibt es verschiedene mögliche (Aufwärts-)Trends, in die der Kurs nun einschwenken könnte. Trotz der kurzfristigen Abwärtsbewegung der vergangenen Tage bleibt der DAX zwar seit Ende März formal in einer Aufwärtstendenz (höhere Hochs und Tiefs), aber es fehlt weiterhin die nötige durchgängige Aufwärtsdynamik, um ein bullishes Szenario ausrufen zu können.
Wir sollten uns daher bis zum Verfallstag noch auf einiges Hin und Her gefasst machen.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert
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