In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Die Fed will ihre Bilanz um 95 Mrd. USD monatlich abbauen. Zugleich schwächelt Chinas Wirtschaft. Wie verkraftet dies der Aktienmarkt? ...
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Inhaltsverzeichnis

Wie anpassungsfähig sind Wirtschaft und Unternehmen?


Zunächst ein wichtiger Hinweis:
„Börse-Intern“ geht in eine kleine Osterpause. In der kommenden Woche erhalten Sie keine Ausgaben. Und aufgrund der Osterfeiertage erscheint die nächste Ausgabe am Dienstag, den 19.04.2022.


Aus dem am Mittwoch veröffentlichten Protokoll zur jüngsten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses FOMC lassen sich erste konkrete Zahlen zu dem Plan entnehmen, die Anleihebestände der US-Notenbank (Fed) zügig zu reduzieren. Ein Tempo von 95 Milliarden Dollar pro Monat gilt demnach als wahrscheinlich. 60 Milliarden davon entfallen auf Staatsanleihen, 35 Milliarden auf Hypothekenpapiere.

Pro Jahr würde die Notenbankbilanz damit um 1,14 Billionen Dollar reduziert. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme beläuft sich derzeit auf rund 9 Billionen Dollar. Vor etwas mehr als 2 Jahren war es nur halb so viel, vor Beginn der Finanzkrise 2008 sogar nur ein Zehntel.

Bilanzsumme der US-Notenbank (Fed)

Und in der letzten Straffungsphase von Herbst 2017 bis Herbst 2019 wurden die Anleihebestände um maximal 50 Milliarden Dollar je Monat verringert – insgesamt um weniger als 1 Billionen Dollar.

Liquiditätsentzug ist ein langanhaltender Belastungsfaktor

Über den anstehenden Liquiditätsentzug soll auf der kommenden FOMC-Sitzung im Mai entschieden werden. Er könnte dann sofort beginnen. Und er wäre ein langanhaltender Belastungsfaktor für den Aktienmarkt, aber auch für Staatsanleihen und hier insbesondere die langlaufenden. Durch Letzteres könnte die Zinskurve wieder steiler und eine weitergehende Inversion, die als Vorbote einer Rezession gilt, verhindert werden.

Doch dieser Vorbote einer möglichen Rezession ist längst entstanden. Und es ist zu befürchten, dass die Aktienmärkte nicht nur diese Rezession bald einpreisen, sondern auch den Liquiditätsentzug. Denn ein großer Teil der Notenbankliquidität ist in den Aktienmarkt geflossen. Und wenn diese nun abgezogen wird, dann wird sie wohl auch dem Aktienmarkt entnommen.

Lockdown in China hält an

Derweil bekommt China die Corona-Neuinfektionen nicht in den Griff. Analysten des japanischen Finanzhauses Nomura schätzen, dass aktuell 23 chinesische Städte entweder vollständig oder teilweise im Lockdown sind. In diesen leben etwa 193 Millionen Menschen, die 22 % des chinesischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften.

Sollte alleine der Lockdown in Shanghai, der mit 26 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadt des Landes (siehe dazu auch Börse-Intern vom 31. März), den ganzen April über andauern, dürfte er die Wirtschaftsleistung der Region um 6 % drücken, so die Chefvolkswirtin der ING für den Großraum China, Iris Pang. Das wiederum dürfte das Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2 % schmälern.

Einen (weiteren) Vorgeschmack darauf hat vorgestern der Einkaufsmanagerindex für die Dienstleister (Caixin China General Services Business Activity Index) geliefert. Demnach liefen die Geschäfte im März so schlecht wie seit Beginn der Pandemie vor gut zwei Jahren nicht mehr. Der Index brach im März um 8,2 auf 42,0 Punkte ein, wie das Medienhaus Caixin zu seiner Unternehmensumfrage mitteilte.

Caixin / S&P Global Einkaufsmanagerindex Dienstleistung China

Das stark beachtete Stimmungsbarometer ist damit weit unter die Marke von 50 gefallen, ab der es Wachstum signalisiert (siehe dazu auch „No-Covid-Strategie lässt Chinas Wirtschaft schrumpfen“). Und man muss damit rechnen, dass eine Schwäche der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auch auf andere Wirtschaftsräume ausstrahlt.

Ukraine-Krieg könnte in absehbarer Zeit enden

Ich kann mir vor diesem Hintergrund derzeit kaum erklären, was die Anleger auf dem aktuellen Kursniveau zum Einstieg in Aktien verleitet. Gut möglich, dass sie auf ein Ende des Ukraine-Krieges setzen. Und in dieser Hinsicht gab es heute auch sehr positive Nachrichten: Russland hält ein Ende der Kämpfe in der Ukraine nach eigenen Angaben bald für möglich. Der Militäreinsatz in dem Nachbarland könnte in „absehbarer Zeit“ enden, da die Ziele erreicht würden und sowohl das russische Militär als auch die russischen Friedensvermittler ihre Arbeit täten, sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow.

Mehrkosten werden bleiben

Doch den Worten müssen Taten folgen. Und selbst wenn der Krieg bald endet, dürfte dies für die Börsen eigentlich nicht nachhaltig kurstreibend sein. Denn eine Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland ist aktuell nur sehr schwer vorstellbar. Vielmehr wird der aufgrund der verhängten Sanktionen in die Wege geleitete Umbau der Wirtschaft sicherlich auf absehbare Zeit nicht zurückgedreht. Daher bleiben Wirtschaft und Unternehmen auch hierzulande belastet, insbesondere aufgrund der gestiegenen Kosten.

Gerade erst hat unter anderem die EU-Kommission eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland vorgeschlagen, zu der auch ein Kohle-Importembargo zählt. Und der deutsche Wirtschaftsminister Habeck hat heute ausdrücklich gesagt, dass die Sanktionen für alle zu Mehrkosten führen werden.

Wirtschaft und Unternehmen sind anpassungsfähig

Ich habe dennoch Verständnis für den Optimismus der Anleger. Denn unsere Wirtschaft und Unternehmen sind sehr wandlungs- und anpassungsfähig. Lieferketten werden umgestellt und neue Abnehmer für Waren gefunden. Höheren Kosten begegnet man mit mehr Effizienz. Insofern wird man mit den neuen Problemen umgehen und Lösungen finden. Am Ende ist alles verdaut – und das sehr wahrscheinlich in viel kürzerer Zeit als die Pessimisten denken. Ob aber die aktuellen Gewinnerwartungen erfüllt werden, wird sich letztlich in den kommenden Wochen zeigen.


Dow Jones noch bullish, Nasdaq 100 schon bearish

Charttechnisch sieht es derzeit so aus, dass die jüngsten Kursrückgänge an den Aktienmärkten nur Gegenbewegungen auf die vorherigen Kurserholungen waren. Der Dow Jones hat zum Beispiel nach der großen ABC-Korrektur (dunkelrot im folgenden Chart) mehr als 61,80 % der gesamten Kursverluste aufgeholt (graue horizontale Linien). Das war ein erstes Signal für ein Ende der Korrektur.

Dow Jones - Chartanalyse

Und so könnte die bisherige Kurserholung Teil einer neuen 5-gliedrigen Aufwärtsbewegung sein (dunkelgrün). Die Welle 3 dieser Bewegung lässt sich in 5 Unterwellen aufteilen (hellgrün). Und der jüngste Rücksetzer stellt sich bislang als ABC-Korrektur dar (hellrot), so dass dies die Welle 4 darstellen kann. Folglich wäre noch eine weitergehende Kurserholung im Rahmen der Welle 5 möglich (grüne Aufwärtslinie).

Zumal es bei den Wellen 1 und 4 (dunkelgrün) bislang keine Überschneidung gegeben hat. Das Hoch der Welle 1 wurde bei 34.179,07 Punkten markiert, das Tief der Welle 4 bei 34.190,95. Sollte sich dies ändern, wäre das ein Signal dafür, dass wir es nur mit einer Gegenbewegung auf vorangegangene Kursverluste zu tun haben und noch eine zweite Korrekturwelle neue Korrekturtiefs mit sich bringt.

Nasdaq 100: Überschneidung macht zweite Korrekturwelle wahrscheinlich

Beim Nasdaq 100 ist eine solche Überschneidung übrigens bereits eingetreten:

Nasdaq 100 - Chartanalyse

Das Hoch der Welle A wurde bei 14.342,56 Punkten markiert, der aktuelle Rücksetzer lief gestern bis auf 14.315,81 Zähler. Es ist damit wenig wahrscheinlich, dass wir aktuell nur eine ABC-Bewegung sehen (hellrot). Stattdessen sollte man davon ausgehen, dass die Kurserholung in Form einer ABC-Korrektur (hellgrün) endete und eine zweite Korrekturwelle bereits begonnen hat.

Nasdaq 100 - Elliott-Wellen-Analyse

Übrigens: Im Gegensatz zum Dow Jones hat der Nasdaq 100 weniger als 61,80 % seiner Kursverluste aufgeholt. Die erste Abwärtsbewegung ist damit aus Sicht der Fibonacci-Marken noch intakt. Sollte sich dies ändern, hätte der Nasdaq 100 damit auch das aktuelle bearishe Szenario abgewehrt.

Fazit

Kann der Nasdaq 100 auf über 15.334,48 Punkte steigen, hellen sich die Chartbilder der US-Indizes weiter auf. Fällt aber nun auch noch der Dow Jones unter 34.179,07 Punkte, trübt sich die Charttechnik weiter ein. Ich rechne früher oder später mit Letzterem und damit insbesondere aufgrund der geldpolitischen Wende und dem anstehenden Liquiditätsentzug weiterhin mit einer zweiten Korrekturwelle.


Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg an der Börse und schöne Osterfeiertage!
Ihr
Sven Weisenhaus
www.stockstreet.de


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