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Herrn Trumps 346-Millionen-Angst

Ausgabe vom 12.06.2026

Herrn Trumps 346-Millionen-Angst

von Torsten Ewert

Gestern stiegen die Aktienkurse in den USA kräftig. Heute folgten die Börsen Asiens und Europas – zumindest zeitweilig. Was der Grund dafür war?

Die 38. Wasserstandsmeldung aus dem Weißen Haus

Ich traue mich kaum, es zu sagen: US-Präsident Trump verkündete, dass eine Einigung mit Iran kurz bevorsteht. Am Wochenende soll es so weit sein. Oder so ähnlich.

Bitte entschuldigen Sie, dass ich diese „Wasserstandsmeldungen“ nicht mehr zur Kenntnis nehme. Jedenfalls nicht mehr im Detail, nur noch beiläufig. Und dabei habe ich mich kurz gefragt, die wievielte derartige Ankündigung wir inzwischen vom US-Präsidenten wohl schon gehört haben.

Da war ich aber nicht der einzige. Kurz darauf stieß ich bei n-tv auf die Meldung: „Trump verkündet Iran-Deal – zum bereits fast 40. Mal“. Und weiter: „Wie jedes Mal: Der Iran widerspricht“. CNN hat sogar genau nachgezählt. Demnach war es das 38. Mal, dass Herr Trump seit Ende März einen Iran-Deal angekündigt hat.

Die n-tv-Schlagzeile war jedoch nicht der einzige süffisante Kommentar dazu. Das Handelsblatt schrieb heute: „Ich bombardiere sie, ich bombardiere sie nicht, ich bombardiere sie…: US-Präsident Donald Trump händelt den Irankrieg immer mehr wie ein Spiel.

Das Kalkül der Börsianer

In der heutigen Wochenausgabe meines Geldanlage-Briefs merkte ich dazu an: „Abgesehen davon, dass dies ein ‚Spiel‘ mit dem Feuer ist, darf man ruhig verwundert sein, dass die Märkte darauf überhaupt noch reagieren. Sollten sie nicht auch längst dieses ‚Spiel‘ durchschaut haben und erkennen, dass man auf „Nachrichten“ aus dem Weißen Haus nichts mehr geben kann?

Doch natürlich haben die Börsianer das längst durchschaut. Aber ihr Kalkül ähnelt dem wohlbekannten TACO-Trade des Vorjahres. Der US-Präsident wird schon noch nachgeben, es ist nur eine Frage der Zeit. Und der Millionen, die er bereit ist, dafür zu opfern…

Allerdings ist er in einer Zwickmühle: Anders als im vergangenen Jahr bei seinen Zöllen hat er das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand. Er muss auch die iranische Führung dazu bringen, in einen „Deal“ einzuwilligen. Und die wird sich ein Späßchen daraus machen, den US-Präsidenten noch eine Weile zappeln zu lassen. (Und Israel darf auch nicht mehr – wie neulich – aus der Reihe tanzen und eigenmächtig in Iran angreifen.)

Nur noch ein „Schnaps“ von der Krise entfernt?!

Und während Herr Trump nun versucht, die Geister, die er losließ, wieder einzufangen, gleiten ihm die Millionen nur so durch die Finger. Ach so, welche Millionen ich meine, wollen Sie wissen? Na, die Millionen Barrel der Strategischen Ölreserven (SPR) der USA. Diese wurden in den 1980er Jahren als Reaktion auf das Ölembargo der OPEC-Länder in den 1970er Jahren angelegt.

Deren Niveau nähert sich nun dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Laut den Daten der US- Energieagentur EIA betrugen die SPR Ende vergangener Woche nur noch 349,2 Mio. Barrel. Damit sind sie nur noch einen „Schnaps“ vom Tiefststand der vergangenen Jahre entfernt. Der wurde Anfang Juli 2023 bei 346,8 Mio. Barrel erreicht, als die SPR wegen des Ukraine-Kriegs freigegeben wurde (siehe rote Linie in folgender Grafik):

20260612a_US-SPR seit 1982

Damit haben sich die US-Ölreserven seit dem 20. März 2026, dem jüngsten Höchststand bei 415,4 Mio. Barrel, um satte 66,2 Mio. Barrel in nur 11 Wochen geleert. Schneller wurde das Öl aus der SPR nur im Sommer 2022 abgezogen, also in den ersten Monaten des Ukraine-Kriegs. Wie die Grafik zeigt, ging der Rückgang danach noch ein Jahr weiter bis zu besagtem Tief.

Geleert im Rekordtempo, wiederaufgefüllt … bis wann?

Was die Sache aktuell so kritisch macht, ist das relativ geringe Ausgangsniveau der SPR. Dadurch leeren sich die Lager mit beispielloser Geschwindigkeit: Der jüngste Rückgang entspricht einem Anteil von -16 % der SPR. Das ist die höchste prozentuale Abnahme der Reserven in der gesamten Historie!

Und wie man an den steigenden Abschnitten der Kurve in der Grafik sieht, scheint es keineswegs so einfach zu sein, die Lager wieder zu füllen: Das Wiederauffüllen seit dem Tief 2023 war immerhin der zweitschnellste Anstieg der Historie (wenn man von der „Erstbefüllung“ in den 1980er Jahren absieht).

Dennoch dauerte dieses Auffüllen fast 3 Jahre und hat trotzdem nicht mal annähernd das vorherige Niveau erreicht! Und nun ist der Vorrat im (selbst verschuldeten) Krisenfall in weniger als einem Vierteljahr wieder aufgebraucht…

Die Zahl, bei der die Stimmung dreht

Irans Führung dürfte jedes Mal einen Blick auf diese Kurve werfen, wenn man dort versucht sein sollte, auf einen „Deal“ mit den USA einzugehen. Solange diese Kurve im bisherigen Tempo weiter fällt – und was sollte das verhindern? – hat nur Herr Trump ein Problem. Die Zahl 346.000.000 sollte ihm daher Angst machen.

Denn sobald die SPR unter das 2023er Tief von 346 Mio. Barrel rutscht, könnte sich die Stimmung an den Märkten drehen. Gut, das scheint unvermeidlich zu sein, denn beim aktuellen Tempo von rund -6 Mio. Barrel pro Woche wäre es schon jetzt so weit.

Aber wenn der US-Präsident am Wochenende tatsächlich einen Deal aus dem Hut zaubert, würde der Markt eine weitere Zuspitzung der Lage wohl zumindest nicht einpreisen – selbst, wenn die SPR (was sehr wahrscheinlich ist) auch in den kommenden Wochen, vielleicht sogar Monaten weiter abnimmt.

Selbst die IEA warnt!

Vielleicht ist es diese Hoffnung, die zu den kräftigen Erleichterungsreaktionen gestern und heute geführt hat. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die nächsten Zahlen dazu werden jedenfalls am kommenden Mittwoch veröffentlicht. Sie dürften eingepreist sein. Aber falls die Lage im Nahen Osten doch noch länger unverändert bleibt, könnte sich die Stimmung am Ölmarkt drehen. Experten erwarten jedenfalls schon seit Wochen Knappheiten, „operative Stressniveaus“ oder sogar „echte Panik“, wenn sich bis Monatsende bzw. Anfang Juli nichts ändert.

Gut, nun sind solche Kommentare, die medienwirksam herausposaunt werden, stets mit gewisser Vorsicht zu werten.  Doch selbst die Internationale Energieagentur IEA, die der Panikmache eher unverdächtig ist, warnte in ihrem jüngsten Monatsbericht davor, dass „rasch schwindende Puffer inmitten anhaltender Störungen […] künftige Preisspitzen ankündigen“ könnten.

Eine Zahl die Angst machen kann. Oder besser: motivieren!

Die aktuelle Entspannung an den Märkten könnte also nur ein Strohfeuer sein. Und die Gefahr eines Stimmungsumschwungs wächst mit jedem Tag.

Wir bei Stockstreet wissen natürlich nicht, ob die Zahl 346.000.000 Herrn Trump wirklich Angst macht. Sollte sie aber. Und vielleicht motiviert sie ihn ja endlich tatsächlich zu einem Deal mit Iran.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Torsten Ewert

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