In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Finanzprodukte sind die vermarktet werden - wie andere Produkte auch. Anleger sollten sich dessen stets bewusst und entsprechend aufmerksam sein. ...
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Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

am Wochenende erhielt ich zweimal Post: Zum einen steckte die aktuelle Ausgabe der Wirtschaftswoche in meinem Briefkasten, zum anderen schickte mir ein treuer Leser eine Glosse der Freitagsausgabe der Aachener Nachrichten (AN). In beiden ging es um Finanzprodukte und deren Marketing.

Das Sparschwein und andere Finanz-„Produkte“

In der AN-Glosse nahm der Autor unter anderem die Wirecard-Pleite als Aufhänger, um die „Finanzindustrie“, ihre „Produkte“ und das (oft aggressive) Marketing dafür aufs Korn zu nehmen.

Allerdings machte der Autor meines Erachtens gleich zu Beginn einen Fehler. Sein erster Satz lautete nämlich: „Das letzte Finanzprodukt, das ich verstanden habe, war mein Sparschwein.“ Nun war der Autor anhand seines Bildes unter dem Artikel als reifer Herr jenseits der 60 zu identifizieren (tatsächlich ist er schon 72). Und sein Verständnis des Sparschweins fußt – wie er im Artikel deutlich macht – auf seinen Erfahrungen im zarten Knabenalter. Nun dürfen Sie sich wundern, warum ich mich in einem ernsthaften Börsen-Newsletter mit den Ansichten eines Menschen auseinandersetze, an dem offenbar die Entwicklung des Finanzwesens mehr als 60 Jahre lang spurlos vorbeigegangen ist…

Aber wie gesagt: Der Artikel war eine Glosse. Und der Autor – im Hauptberuf übrigens Kabarettist – hat hier sicherlich eine ordentliche Prise wohlkalkuliertes Understatement eingestreut. Und seine Argumentation war durchaus fundiert: Die Finanz-„Industrie“ erzeuge „Produkte“, deren Wert für die Anleger mitunter zweifelhaft ist und die nur durch gnadenloses Marketing unter die Leute gebracht werden.

Produkt oder nicht Produkt – ist das wirklich die Frage?

Wie es der Zufall so will, beschäftigte sich die Wirtschaftswoche in einem ihrer Artikel der jüngsten Ausgabe genau mit demselben Thema. Dabei ging es unter anderem darum, dass die Fonds-„Industrie“ zurzeit Gesundheits- und Biotech-Fonds bzw. ETFs besonders stark vermarktet – Corona „sei Dank“.

Nun ist dieser Vorwurf an die Finanzbranche nicht neu. Verbraucherschützer erheben ihn seit Jahren. Oft entzündet sich die Empörung an dem Begriff „Finanzprodukte“. Ein Fonds, ein Zertifikat oder sonst irgendein Konstrukt aus den Finanzlaboren der Banken sei schließlich kein „echtes“ Produkt und dürfe daher auch gar nicht „vermarktet“ werden – so offenbar die unausgesprochene, aber unterschwellige Zielrichtung dieser Argumentation.

Nun verstehe und unterstütze ich ja durchaus die generelle Idee des Anlegerschutzes und der Transparenz von – ähm, wie nennt man jetzt Finanz-„Produkte“, wenn man sie nicht mehr „Produkte“ nennen darf? Allerdings habe ich nach jahrzehntelanger Erfahrung so meine Zweifel, dass Transparenz, Aufklärung und Risikohinweise das geeignete Mittel sind, um Anleger vor den Gefahren des Finanzmarkts wirksam zu schützen.

Warum Anlegerschutz die Anleger nicht schützt

So sind die großen Finanzskandale der vergangenen Jahre am sogenannten „grauen“ Kapitalmarkt Beleg genug, dass die Anleger immer wieder windigen Geschäftemachern auf den Leim gehen:

   - S&K-Pleite 2013; rund 11.000 Anleger, min. 240 Millionen Euro Schaden;

   - Infinus-Pleite 2013; rund 22.000 Anleger, min. 300 Millionen Euro Schaden;

   - Prokon-Pleite 2014; rund 75.000 Anleger, min. 560 Millionen Euro Schaden;

   - P&R-Pleite 2018; rund 54.000 Anleger, rund 3.500 Millionen Euro Schaden;

   - PIM Gold 2019; rund 10.000 Anleger, rund 160 Millionen Euro Schaden.

Irgendwie scheint es wie bei Zigaretten zu sein: Die Warnhinweise werden immer größer, immer drastischer, aber trotzdem greifen die Leute weiter zu. Die Sucht verlangt es und verdrängt die Risiken. Bei Finanzprodukten heißt die Sucht: Gier. Da können die Risikohinweise noch so ausführlich sein – der Anleger sieht nur die Rendite, will den Verheißungen des Beraters glauben – und unterschreibt. Und wer ist da der Berater, der dem Kunden ausredet, was dieser offenbar so sehr will?

Wann ein „Produkt“ ein Produkt ist

Ich persönlich finde daher den Begriff „Finanzprodukt“ gut, und zwar aus zwei Gründen. Erstens sind Fonds, Zertifikate usw. zweifellos Produkte – auch wenn man sie nicht anfassen kann, wie z.B. ein Auto. Aber wie dieser Newsletter – der ebenfalls ein Produkt ist – wurden sie von irgendwem „gefertigt“; es gibt also einen (oder mehrere) „Produzenten“, der dafür Zeit investiert hat und (in der Regel) entlohnt wird und es gibt Kunden, die das Produkt erhalten und nutzen.

In der Regel bezahlen die Kunden auch dafür, aber der unergründliche Ratschluss der Götter – bzw. in diesem Fall des Stockstreet-Managements – hat verfügt, dass dies im Fall dieses Newsletters ausnahmsweise nicht der Fall ist…

Übrigens hätte vermutlich auch der Autor der eingangs erwähnten Glosse nichts dagegen, wenn man seinen Artikel sein „Produkt“ nennt.

Die Werbung gehört immer dazu

Da Produkte verkauft werden sollen, werden sie auch mehr oder weniger intensiv beworben. Das gilt für Autos, Joghurts, Haushaltsgeräte – aber eben auch für Zeitungen und Newsletter, Börsenbriefe und Finanzprodukte. Und weil wir alle wissen, was wir von Werbung zu halten haben, gibt es eigentlich auch keine Unklarheiten, wenn uns Hochglanzprospekte über das neueste Automodell oder ein tolles Immobilieninvestment auf den Tisch flattern.

Und genau das ist für mich der zweite Grund, warum ich den Begriff „Finanzprodukte“ gut finde: Er erinnert mich daran, dass das entsprechende Angebot auch per Werbung in den höchsten Tönen gelobt wird und ich die Versprechungen dieser Werbung daher kritisch prüfen muss.

Das ist vor allem auch dann wichtig, wenn es sich nicht um Bank- oder Anlage-, sondern um Versicherungs-„Produkte“ handelt. Während die Werbung der Banken und Anlagefirmen auf unsere Gier zielt, zielt die Werbung der Versicherungen auf unsere Ängste: Krankheit, Unfall, Alter, Tod – für all das gibt es „Absicherungen“. Und die Werbung suggeriert, dass die Anbieter dabei nur unser Bestes wollen und das Beste bieten. Aber ob es im konkreten Fall für uns tatsächlich das Beste ist oder nicht (z.B. weil das vermeintliche Risiko für uns gar nicht relevant ist), steht auf einem ganz anderen Blatt.

Was Sie von der Neuwagenfarbe über Finanzprodukte lernen können

Zugegeben, nicht immer sind wir uns des Einflusses der Werbung bewusst und verfallen daher ihren Verlockungen auch schon mal. Wenn ich z.B. doch die 35. Joghurtsorte probiert und verworfen habe, obwohl ich diese Erfahrung auch schon mit 33 anderen zuvor gemacht habe, dann weiß ich, dass ich wieder einmal reingefallen bin.

Bei Joghurt und vielen anderen Dingen ist der „Verlust“, der dadurch entstehen mag, bedeutungslos. Bei Versicherungen mit langjähriger Bindung bzw. Geldanlagen, die große Summen erfordern, sind Fehlentscheidungen dagegen schmerzlicher. Aber das ist letztlich der dritte Grund, warum Finanzprodukte auch tatsächlich so genannt werden sollten: Die Entscheidung für oder gegen diese Produkte sollte man besonders sorgfältig abwägen.

Das machen wir bei anderen großen Investitionen ja auch, z.B. bei einem Haus oder Auto. Und es wäre schon viel gewonnen, wenn mancher „Anleger“ über seine Geldanlage-Produkte zumindest genauso lange nachdenkt und mit seiner Familie diskutiert wie über die Farbe des nächsten Neuwagens…

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

Apropos Werbung für Finanzprodukte: Auch in meinen Börsenbriefen empfehle ich diese meinen Lesern natürlich. In der am Freitag erschienenen Monatsausgabe meines „Geldanlage-Briefs“ habe ich ein besonderes „Schmankerl“ für ertragsorientierte Anleger herausgesucht – das zudem weitgehend unabhängig von den Unbilden des Aktienmarktes ist. Also: Sichern Sie sich gleich jetzt diese und alle folgenden Ausgaben durch ein Abo des Geldanlage-Briefs!

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