In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Due Wahlen in den USA sorgen für neue Unsicherheit. Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen für Anleger und Trader. ...
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Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

diese Woche könnte eine entscheidende für die Börsen sein – schließlich stehen morgen die Wahlen zum US-Präsidenten sowie zu Teilen des US-Kongresses an. Ob es bereits morgen eine Entscheidung über einen neuen Präsidenten gibt, ist allerdings aufgrund vieler Briefwahlstimmen, die erwartet werden, zweifelhaft. Welche Folgen eine solche Nicht-Entscheidung an und abseits der Börse hat, wird seit Wochen kontrovers diskutiert. Klar ist aber, was Sie tun und lassen sollten.

Abwarten ist die Devise der Stunde

An den Spekulationen, was nach dem morgigen Wahltag geschehen wird, will ich mich gar nicht erst beteiligen – denn es sind eben nur Spekulationen. (Fast) alles ist danach möglich.

Aber ich kann Ihnen sagen, was ich persönlich bis dahin (und voraussichtlich auch danach) machen werde: nichts. Der Grund dafür ist einfach. Seit geraumer Zeit, aber auf jeden Fall in den vergangenen 2 bis 3 Wochen, haben sich die wichtigsten Anlegergruppen aus dem Markt verabschiedet.

Das gilt vor allem für institutionelle Investoren. Schon seit Monaten kursieren Warnungen von Investmentbanken und Hedgefonds, dass im Umfeld der US-Wahl mit Turbulenzen zu rechnen ist – und zwar im schlimmsten Fall nicht nur an den Börsen. Viele Fondsmanager dürften daher ihre Gewinne, die sie in der Erholung erzielten, abgesichert haben und nun erst einmal abwarten.

Weder Corona noch SAP…

Damit sind weder die 2. Corona-Welle noch SAP die Hauptverantwortlichen für die jüngsten Kursverluste im DAX, sondern höchstwahrscheinlich die kurzfristigen Trader, die sich derzeit nahezu allein an den Märkten tummeln können.

Sven Weisenhaus hatte ja schon auf diese Logik hingewiesen: Die Infektionszahlen einer Pandemiewelle entwickeln sich mit fast mathematischer Genauigkeit. Der aktuelle Anstieg war also absehbar – und daher wohl längst in den Kursen eingepreist. Und der Einbruch von SAP (siehe Börse-Intern vom 30.10.2020) erklärt vor allem den Einbruch des DAX am vergangenen Montag: Als größter Wert im DAX verursachte SAP durch seinen 22%-igen Absturz allein fast 38 % der Verluste des deutschen Leitindex an diesem Tag.

Warum SAP nur ein bisschen „schuld“ ist

Allerdings fiel der DAX am Mittwoch noch stärker zurück als am Montag (siehe die dunkelblauen Säulen in folgendem Chart).

DAX vs. SAP

SAP dagegen verlor am Mittwoch nur relativ moderat (siehe hellblaue Säulen/grüne Ellipse). Dieser geringe Rückfall von SAP kann also nicht die Ursache für die DAX-Schwäche am Mittwoch sein. Nun könnten wir prüfen, welche anderen Schwergewichte an diesem Tag besonders stark verloren, aber ich nehme das Ergebnis vorweg: Es gab keinen ähnlich auffälligen Einbruch wie bei SAP am Montag, sondern eine ganze Reihe Aktien – von Siemens bis Infineon – gaben kräftig nach.

Ein wichtiges Indiz

Das ist ein Indiz, dass Trader den DAX bzw. die entsprechenden Einzelwerte herunterprügelten. Diesen Eindruck haben mir auch Trader-Kollegen bestätigt, die täglich sehr intensiv Day-Trading betreiben und daher ein feines Gespür für solche Auffälligkeiten haben.

Es gibt allerdings noch ein weiteres Indiz, das darauf hindeutet, dass der DAX in der jüngsten Korrektur vor allem ein Spielball der Trader war: das Volumen.

Futures sind die „natürliche“ Welt der Trader

Dazu schauen wir auf die Futures, denn sie sind das Hauptinstrument für Trader:

FDAX seit 2016

(Quellen: MarketMaker, eigene Berechnungen)

Der DAX bzw. der DAX-Future (FDAX) haben in den vergangenen 14 Handelstagen mehr als 14 % verloren (siehe rote Ellipse). Bekanntlich steigt das Volumen vor allem bei Kurseinbrüchen stark an - und in der Regel umso stärker, je stärker die Kurse fallen.

Ich habe nun alle Fälle geprüft, in denen der FDAX in einem gleich langen Zeitraum mindestens 10 % verloren hat (siehe gelbe Ellipsen) und das Volumen addiert, das in dieser Zeit gehandelt wurde (blaue „Nadeln“ im unteren Chartteil). Das Ergebnis: Die aktuelle Periode weist trotz des vergleichsweise kräftigen Einbruchs das geringste Volumen aller Vergleichsperioden auf – und zwar zurück bis ins Jahr 2003! (Im Chart habe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit nur den Zeitraum ab 2016 beispielhaft dargestellt.)

Das scheint meine Vermutung zu bestätigen, dass die institutionellen Anleger an der Seitenlinie abwarten, denn normalerweise sind sie es, die über den FDAX ihre Portfolios absichern. Es gibt zwar auch etliche Trader, die den FDAX aktiv handeln, aber das erfordert schon ein relativ großes Konto. Denn ein Punkt im FDAX entspricht 25 €. Dementsprechend groß ist der Hebel, mit dem die Trader arbeiten (müssen), aber vor allem die Position, die sie dabei bewegen. Diese entspricht pro Kontrakt dem 25-Fachen des aktuellen FDAX-Kurses – bei 12.000 Punkten also 300.000 Euro. Und je nach Trading-Strategie handeln Trader meist Lose von mehr als einem Kontrakt, was die Summen nochmals entsprechend vergrößert.

Warum „kleine“ Trader den Mini-DAX bevorzugen

Aus diesem Grund wurde 2015 der Mini-DAX-Future (FDXM) eingeführt, dessen Kontraktwert nur 5 € beträgt. Er ist der klassische Tummelplatz aller „kleinen“ (Day-)Trader. Und siehe da, wenn wir die gleiche Ausweitung wie für den FDAX für den FDXM machen, zeigt sich, dass dort aktuell keineswegs weniger Volumen bewegt wird als in den Korrekturen ähnlichen Ausmaßes der vergangenen Jahre (siehe folgender Chart):

FDXM seit 2016

(Quellen: MarketMaker, eigene Berechnungen)

Das bedeutet also, die Trader sind weiterhin sehr aktiv, während sich die Institutionellen und andere Großanleger höchstwahrscheinlich weitgehend vom Markt zurückgezogen haben.

Die Konsequenzen für umsichtige Anleger und Trader

Die Konsequenz daraus ist klar: Umsichtiger Anleger nehmen sich ein Beispiel an den Großanlegern und halten sich aus dem Markt heraus. Kurzfristige Trader könnten dagegen gute Chancen auf Gewinne haben – denn wie man an den jüngsten Kursbewegungen sieht, sorgt die Abwesenheit kaufbereiter und kapitalstarker Anleger dafür, dass kurzfristige und charttechnisch ausgelöste Trends länger anhalten als gewöhnlich.

Was Sie aber tun können als langfristig orientierte Investoren: Halten Sie Ausschau nach Aktien, die bei weiteren Abschlägen der großen Indizes Stärke zeigen und z.B. keine neuen Tiefs mehr mit dem Markt bilden. Diese dürften zu den Gewinnern zählen, wenn die Turbulenzen vorbei sind, die Großanleger wieder an die Börse zurückkehren und sich die Lage an und außerhalb der Börse wieder normalisiert.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Anlageentscheidungen!

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert


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