In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: DAX und EUR/USD sind auf neue Korrekturtiefs gefallen. Grund dafür ist die Gas-Krise in Europa. Eine schnelle Gegenbewegung könnte Schlimmeres verhindern. ...
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Der DAX ist heute auf sein Jahres- und Korrekturtief vom März bei 12.438 Punkten gefallen. Und der Weg dahin wurde sehr dynamisch zurückgelegt. Anfang Juni stand der deutsche Leitindex noch bei mehr als 14.700 Punkten. Er hat also binnen nur eines Monats fast 2.300 Zähler bzw. knapp 15,5 % verloren.

DAX - Chartanalyse

Ist das nun schon der finale Sell-Off, der bislang noch gefehlt hat? Bei dem Kursrückgang haben jedenfalls die reduzierten Gas-Liefermengen eine entscheidende Rolle gespielt. Und inmitten der längst schon aufgekommenen Sorgen um die Versorgungssicherheit Europas haben nun auch noch norwegische Öl- und Gasarbeiter ihre Arbeit im Kampf für höhere Löhne niedergelegt.

Norwegische Gasproduktion könnte um ein Viertel sinken

Der norwegische Energiekonzern Equinor teilte dazu mit, dass die Produktion infolge der Arbeitsniederlegung ab heute um 89.000 Barrel Öläquivalent pro Tag gedrosselt werde, wovon 27.500 auf die Gasproduktion entfielen. Wird der Arbeitskampf in den nächsten Tagen ausgeweitet, könnte die Gasförderung des Landes um fast ein Viertel sinken.

Sprunghafte Kursbewegungen an den Börsen

An den Rohstoffmärkten zogen deshalb die Preise erneut an. Der britische Großhandelspreis für Gas bei Lieferung am nächsten Tag sprang laut Medienberichten zum Beispiel um gut 18 % in die Höhe. Und der europäische Erdgas-Future zog demnach um rund 8 % auf 174,50 Euro je Megawattstunden an, nachdem es am Vortag bereits einen zweistelligen Zuwachs gegeben hatte.

In dieser Gemengelage, in dem kaum jemand seriös prognostizieren kann, wie sich die steigenden Energiepreise auf die Unternehmen auswirken wird und was ein Gas-Mangel für die gesamte Wirtschaft bedeuten würde, werden Aktien aktuell fast undifferenziert auf den Markt geworfen. Kursverluste von 5 % oder gar 10 % sind nicht mehr die Ausnahme, sondern aktuell beinahe die Regel.

Euro auf dem Weg zu einem 20-Jahres-Tief

Zudem zeigte der Euro weitere Schwäche. Der EUR/USD durchbrach seinen wichtigen Unterstützungsbereich (grün im folgenden Chart) und fiel auf ein Niveau, welches seit fast 20 Jahren nicht mehr erreicht wurde.

EUR/USD - langfristige Chartanalyse

Angesichts solcher Entwicklungen sehe ich mich veranlasst, wieder einmal darauf hinzuweisen, dass die Fähigkeit zu treffsicheren Prognosen natürlich Grenzen hat.

Wenn…, dann…

Denn kürzlich kritisierte ein Leser, dass ich mich zu wenig konkret festlegen würde. Ihn störe die „Hintertür“, die ich mir bei Aussagen offen ließe wie zum Beispiel: „Im Augenblick ist der Trend bullish, wenn aber die Bären …, dann kann auch das Gegenteil meiner Analyse eintreffen“, so der Leser. Ich antwortete ihm daher bereits, dass wir es an der Börse immer nur mit Wahrscheinlichkeiten zu tun haben. Ein Fakt, auf den hier in der Börse-Intern schon häufig hingewiesen wurde.

Alleine in Deutschland leben etwa 80 Millionen Individuen. Und davon investieren etwa 8 Millionen ihr Geld an der Börse. Es ist unmöglich zu wissen, was diese als Nächstes tun werden. Auch deshalb lassen sich stets nur Annahmen über die Zukunft treffen, in Form der von dem Leser kritisierten „wenn..., dann...“-Aussagen.

Ich gab ihm dazu auch ein Beispiel: „Wenn Putin für Europa den Gashahn vollständig abdreht, dann dürfte dies die Aktienkurse zukünftig noch einmal deutlich belasten. Wenn aber nach der Wartung von Nord Stream 1 die Gasmengen wieder auf 100 % steigen sollten, dann ist eine starke Erleichterungsrally möglich.

Einbruch der deutschen Wirtschaft um 12,7 % möglich

Niemand weiß aktuell, was Putin tun wird, außer er selbst vielleicht. Und niemand kann daher sagen, wie schlimm es für die Wirtschaft noch kommt. Unter anderem rechnen Experten für den Fall ausbleibender Gaslieferungen aus Russland mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in Deutschland um 12,7 % (siehe vwb-Studie, erstellt von Prognos). Ob es dazu kommt? Ungewiss. Und daher ist es auch völlig unklar, was die Anleger als Nächstes tun werden. Zumal es gerade in besonderen Situationen häufig zu Übertreibungen sowohl nach oben als auch nach unten kommt.

Systemische Gefahren

Wichtig ist es dem gesamten Stockstreet-Team daher, den Lesern konkret aufzuzeigen, auf welche Entwicklungen es an der Börse gerade primär zu achten gilt. Viel mehr kann niemand leisten. Das gilt vor allem nicht in Situationen, die alles andere als normal sind. Und in Europa haben wir es gerade mit einem Krieg und einer Energiekrise zu tun – das erste Mal seit vielen Jahrzehnten.

Wir stehen vor „systemischen Gefahren“, wie es Bundeswirtschaftsminister Habeck heute im Zusammenhang mit möglichen Insolvenzen von Gasversorgern nannte. Erwarten Sie daher von mir nicht, dass ich Ihnen aktuell sagen kann, wo ein Kurs in einem Monat, in einer Woche, in einem Tag oder gar in einer Stunde stehen wird.

Welche Strategie wann sinnvoll ist

Ich zeige Ihnen stattdessen insbesondere passende Strategien für die jeweilige Marktlage auf. Als die Kurse an den Aktienmärkten vor einigen Monaten aus meiner Sicht zu hoch standen, riet ich zum Beispiel zur Absicherung der erzielten Kursgewinne per Stop-Loss. Und ich riet auch zu direkten Gewinnmitnahmen. Danach, als die Kurse um 20 % zurückgekommen und teils sogar deutlich stärker eingebrochen waren, riet ich zu vorsichtigen Schnäppchenkäufen.
Ähnlich war ich auch nach dem Corona-Crash vorgegangen, als ich zu „gestaffelten Käufen“ riet.

Fachmännische Analysen anhand von umfassenden Daten

Das ist es, was man aktuell tun kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und man kann die weitere Entwicklung genau beobachten.
Der oben genannte Leser schrieb mir noch, er erwarte von mir eine „fachmännische Analyse der aktuellen Situation“ anhand meiner „Kompetenz und umfassenden Datenbasis“. Schaue ich mir die vorangegangenen Börse-Intern-Ausgaben im Newsletter-Archiv an, dann glaube ich, dass genau dies regelmäßig zu finden ist. Und genau so wird das Stockstreet-Team auch weiterhin arbeiten und berichten.

DAX erneut nach unten ausgebrochen

Und damit zurück zum DAX, der durch seine heutigen Kursverluste auch klar aus dem kurzfristigen Abwärtstrendkanal nach unten ausgebrochen ist.

DAX - kurzfristige Chartanalyse

Das bullishe Elliott-Wellen-Szenario konnte sich somit nicht durchsetzen. Stattdessen hat sich die Seitwärtstendenz als Konsolidierung im Abwärtstrend herausgestellt. Konnte man das wissen? Natürlich nicht! Musste man damit rechnen? Natürlich! Denn wie ich am Donnerstag zu dem DAX-Chart schrieb, „sind die Signale sowohl bei den US-Indizes als auch im DAX klar bearish“.

Auch war zu lesen: „Aber wenn eine schnelle Kurserholung gelingt, der DAX zügig in seinen Trendkanal und an die 13.000er Marke zurückkehren kann, sehe ich wieder gute Chancen für eine Bodenbildung und Trendwende, zumindest im kurzfristigen Bereich.“ Dies ist nicht gelungen. Der DAX drehte vor der 13.000er Marke wieder nach unten und fiel erneut aus dem Trendkanal heraus.

Wenn jetzt eine erneute Rückeroberung gelingt, dann haben die Bullen wieder Chancen für eine Kurserholung.

Kurserholung im EUR/USD wieder nur kurz ausgefallen

Und was gilt für den EUR/USD? Am vergangenen Dienstag schrieb ich, dass ein Doppelboden und in der Folge eine deutliche Gegenbewegung nach der langen Abwärtsbewegung des EUR/USD wahrscheinlicher geworden sei. Aber: „Allerdings gibt es sowohl im EUR/USD als auch bei den Aktienindizes durchaus auch noch Anlass zur Skepsis. Denn es fehlt an Entschlossenheit der Bullen.

Und danach kam wieder ein „Wenn…, dann…“: „Zeigen die Kurse wieder Schwäche, dann können die Kurserholungen erneut nur kurz ausgefallen sein. Können die Notierungen hingegen bald wieder dynamisch ansteigen, und das auch nachhaltig und mit mehr Stärke, dann kann man weiter auf eine größere Kurserholung setzen.“ Wie wir inzwischen wissen, konnten die Kurse nicht dynamisch ansteigen. Stattdessen zeigten sie wieder Schwäche.

Wenn jetzt eine schnelle Rückkehr in den Unterstützungsbereich gelingt, dann könnte der bearishe Ausbruch von heute nur ein Fehlsignal gewesen sein. In diesem Fall bestünden wieder Chancen auf eine Kurserholung. Man könnte dann eine kleine Long-Position wagen und diese unterhalb des aktuellen Korrekturtiefs per Stop-Loss absichern.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus
www.stockstreet.de


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