In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Die Wirtschaft leidet unter steigenden Preisen. Und die Notenbanken werden durch diese unter Druck gesetzt. Die OPEC könnte Abhilfe schaffen. ...
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Seit gestern hat es aus meiner Sicht zwei wichtige Nachrichten gegeben. Die erste brachte die Veröffentlichung des Konjunkturberichts „Beige Book“ mit sich. Demnach ist die Wirtschaft in den USA zuletzt in einem mäßigen bis moderaten Tempo gewachsen. Dabei machten sich steigende Preise und höhere Zinsen bereits bemerkbar, so der Konjunkturbericht, der auf Wirtschaftskontakten aus den Regionen basiert. Zudem haben der Einmarsch Russlands in die Ukraine sowie Ausfälle wegen Corona die Pläne der Unternehmen beeinträchtigt. In den meisten Bezirken seien die Wachstumserwartungen deshalb getrübt. Und in einigen Regionen wurden sogar Sorgen vor einer Rezession geäußert.

Fed-Mitglieder reden gegen eine drohende Rezession an

Dagegen hatte das Fed-Direktoriumsmitglied Christopher Waller jüngst in Frankfurt gesagt, dass sich eine solche Talfahrt, wie sie die US-Wirtschaft im ersten Quartal hinnehmen musste, im zweiten Quartal nicht wiederholen werde. Auch laut der Chefin des Fed-Bezirks San Francisco, Mary Daly, zeichne sich keine Rezession ab. Im Gegenteil, derzeit sei das Wachstum stark, sagte sie dem Sender CNBC.

Stellt sich nun natürlich die Frage, welchen Informationen man Glauben schenken soll. Ich würde da eher dem Beige Book vertrauen, weil zwar auch der Konjunkturbericht ein Fed-Produkt ist, die Fed-Mitglieder aber natürlich keine Rezession herbeireden wollen. Würden sie eine solche eingestehen, könnten sie mit ihren Aussagen die wirtschaftliche Entwicklung verschlimmern – Stichwort: sich selbsterfüllende Prophezeiung.

Für die Börsen waren das jedenfalls gemischte Signale, die an den Aktienmärkten zu einer Fortsetzung der inzwischen mehrtägigen Konsolidierung geführt haben.

Wird die OPEC dem angespannten Öl-Markt helfen?

Die zweite wichtige Meldung kam aus OPEC-Kreisen. Die ölfördernden Länder wollen Medienberichten zufolge drohende Angebotsengpässe durch den Ausfall russischer Erdöl-Lieferungen vermeiden. Man strebe bei den aktuellen Beratungen daher eine Einigung mit Russland an, nach der andere Förderländer ihre Produktion entsprechend ausweiten, sagte heute laut den Medienberichten eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Allerdings könnte eine Entscheidung darüber auch verschoben werden oder Ausfälle würden nur zum Teil ausgeglichen.

Gestern wurde berichtet, dass wohl vor allem Saudi-Arabien die Produktion ausweiten will. Das Land hatte als größter Produzent innerhalb der OPEC trotz Drängen der USA bislang an den festgelegten Erhöhungsschritten festgehalten. Doch nun habe es seine Haltung geändert, um die Ölpreise im Rahmen einer Annäherung an die US-Regierung zu beruhigen, heißt es in dem Medienbericht.

Stärkere Anhebung der Förderquoten steht im Raum

Die für September geplanten Produktionssteigerungen sollen auf Juli und August vorgezogen werden. Den Insiderkreisen zufolge hat sich die Gruppe bei ihren Beratungen auf eine Anhebung der Förderquoten um 648.000 Barrel pro Tag für die Monate Juli und August geeinigt. (In den vorangegangenen Monaten hatte es jeweils Förderausweitungen um 400.000 bzw. 432.000 Barrel gegeben.)

Zudem wurde bekannt, dass von einigen Mitgliedern sogar in Erwägung gezogen wurde, Russland aus der Ölfördervereinbarung auszuschließen, weil das Land aufgrund der kriegsbedingten Sanktionen seine Liefervereinbarungen nicht erfüllen könne.

Fallende Ölpreise würden diverse Probleme lösen

Letztlich sind das alles aber noch Spekulationen. Eine offizielle Ankündigung bleibt abzuwarten. Diese könnte bereits nach den heutigen OPEC+-Beratungen erfolgen. Es wäre jedenfalls in mehrfacher Hinsicht zu begrüßen, wenn mehr Öl auf den Markt kommt und die Preise dadurch fallen. Denn Unternehmen und Verbraucher würden dadurch entlastet und das Risiko einer Rezession reduziert. Zudem würde dies den Druck von den Notenbanken nehmen, die Zinsen (zu) schnell anzuheben, was ebenfalls eine Gefahr für die Wirtschaft darstellt.

Erzeugerpreise in der Eurozone mit erneutem Rekordanstieg

Erst heute hat der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) noch einmal zugenommen, weil die Preise der Hersteller in der Euro-Zone mit neuer Rekordgeschwindigkeit gestiegen sind. Die Erzeugerpreise in der Industrie lagen im April um 37,2 % höher als ein Jahr zuvor, teilte das Statistikamt Eurostat mit. Von Reuters befragte Ökonomen hatten sogar mit einem Anstieg von 38,5 % gerechnet, nachdem das Plus im März bereits mit 36,9 % einen Rekord aufgestellt hatte.

Erzeugerpreise in der EU und der Eurozone

Da die Erzeugerpreise als vorlaufender Indikator für die Verbraucherpreise gelten, ist mit einer weiterhin hohen Inflation zu rechnen.

Devisenmarkt spekuliert auf ein höheres Tempo der EZB

Und so spekuliert der Devisenmarkt aktuell auf ein schnelleres Tempo der EZB bei der Straffung der Geldpolitik. Zwar hat der Euro gegenüber dem Dollar jüngst einen Rücksetzer hinnehmen müssen, doch heute geht es mit dem EUR/USD schon wieder aufwärts.

EUR/USD - Chartanalyse

Dabei war der Kurs an einer ehemaligen Unterstützungslinie nach unten abgeprallt (siehe roter Pfeil im Chart). Nach den vorangegangenen Kursgewinnen ist es aber nicht bearish zu werten, wenn eine solche Hürde nicht im ersten Anlauf überwunden wird. Kann der Wechselkurs nun weiter zulegen und auch die horizontale Hürde bei 1,0806 USD überspringen, liegen weitere Signale für eine größere Kurserholung vor. In diesem Fall könnte man den Stop-Loss zu Long-Positionen bis unter das Tief des aktuellen Rücksetzers nachziehen. (Siehe dazu auch „EZB kann die Zinswende einleiten – EUR/USD erholt sich“.) 

Fazit

Die (Welt-)Wirtschaft leidet unter den hohen Energiepreisen. Die Diskussionen über eine mögliche Rezession nehmen daher zu. Zumal die Preise immer noch steigen und die Notenbanken somit einem zunehmenden Druck ausgesetzt sind, die Zinsen schnell anzuheben.

Da bei der Fed bereits ein hohes Tempo eingepreist ist, die EZB aber womöglich nachlegen muss, hilft dies der Kurserholung des EUR/USD. Das dürfte sich auch nicht ändern, wenn die OPEC die aktuellen Spekulationen erfüllt und die Ölförderung ausweitet. Denn dies käme sowohl der US-Wirtschaft als auch der Eurozone zugute – letzterer bei steigendem EUR/USD sogar noch mehr, weil Öl in Dollar gehandelt wird.

Da die Ölpreise allerdings aktuell vor allem durch Ängste getrieben sind, ist vorerst nicht mit nachhaltig stark fallen Notierungen zu rechnen. Der Euro hat deshalb aktuell bessere Chancen, seine Kurserholung nachhaltig fortzusetzen als die Aktienmärkte.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus
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