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EZB vor Zinserhöhung im September

Ausgabe vom 26.08.2026

EZB vor Zinserhöhung im September

von Stockstreet-Team

Der Energieschock treibt die Inflation im Euroraum auf 2,9 %, zugleich hält sich die Wirtschaft besser als erwartet. Die EZB wird deshalb im September wohl erneut die Zinsen anheben. Für die Zeit danach ist der Pfad noch offen.

Die Europäische Zentralbank steht vor einer geldpolitischen Entscheidung, die zunächst an 2022 (Ukrainekrieg) erinnert, sich jedoch in einem zentralen Punkt davon unterscheidet. Wieder höhere Energiepreise, wieder liegt die Inflation deutlich über dem Ziel von 2 %. Die langfristigen Inflationserwartungen bleiben bislang allerdings stabil. Deshalb dürfte die EZB im September zwar den Einlagenzins von 2,25 % auf 2,50 % anheben, eine längere Serie weiterer Zinsschritte aber vorerst nicht ankündigen.

Nach Informationen von Reuters halten mehrere mit den Beratungen der EZB vertraute Personen eine Erhöhung auf der Sitzung am 9. und 10. September für wahrscheinlich. Es wäre nach der Erhöhung im Juni die zweite Straffung binnen weniger Monate. EZB-Direktorin Schnabel äußerte sich in einem Bloomberg-Interview heute recht klar, die Zinsen müssten demnach wegen der Inflationsrisiken weiter steigen.

Energie treibt die Inflation, langfristige Erwartungen bleiben stabil

Im Juli betrug die Inflationsrate im Euroraum 2,9 %. Für August liegen noch keine Daten vor. Eurostat veröffentlicht die erste Schätzung am 1. September und damit wenige Tage vor der nächsten Ratssitzung.

Die Juni-Projektionen der EZB gingen bereits davon aus, dass die Gesamtinflation im dritten und vierten Quartal 2026 auf durchschnittlich 3,4 % steigen könnte. Für das Gesamtjahr erwartet die Zentralbank 3,0 %, für 2027 noch 2,3 % und für 2028 wieder 2,0 %. Haupttreiber ist Energie.

Die EZB richtet den Leitzins gegen Zweitrundeneffekte

Eine Zentralbank kann mit höheren Zinsen bekanntlich weder zusätzliches Öl fördern noch Transportwege sichern. Gegen einen reinen Angebotsschock wirkt der Leitzins deshalb nur indirekt. Höhere Finanzierungskosten bremsen die Nachfrage, beseitigen aber nicht die Ursache höherer Energiepreise.

Für die EZB kommt es deshalb darauf an, was nach dem ersten Preisschub geschieht. Steigende Energiekosten verteuern zunächst Produktion und Transport. Unternehmen können anschließend versuchen, einen Teil dieser Kosten über höhere Verkaufspreise weiterzugeben und tun dies offensichtlich auch. Beschäftigte können dann ihrerseits höhere Löhne fordern, um Kaufkraftverluste auszugleichen.

Hält dieser Prozess länger an, breitet sich der Preisdruck auf Bereiche aus, die mit dem ursprünglichen Energieschock nur noch indirekt zusammenhängen.

Bei ihrem Zinsschritt im Juni verwies die EZB ausdrücklich auf dieses Risiko. Damals erhöhte sie ihre drei Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozentpunkten. Präsidentin Christine Lagarde betonte zugleich, dass der EZB-Rat seine Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung anhand der neuen Daten treffen werde.

Für September zählt weniger, ob die Gesamtinflation bei 2,8 %, 2,9 % oder 3,0 % liegt. Größeres Gewicht haben die Kerninflation, die Lohnentwicklung und die Inflationserwartungen. Die Kerninflation soll den zugrunde liegenden Preisdruck besser erfassen, indem besonders schwankungsanfällige Komponenten herausgerechnet werden.

Inflationserwartungen sprechen bislang gegen eine längere Serie von Zinserhöhungen

Bei den Erwartungen unterscheidet sich die aktuelle Situation deutlich von einer Inflationsentwicklung, die sich dauerhaft verfestigt. Die von der EZB befragten professionellen Prognostiker erwarten langfristig weiterhin 2,0 % Inflation. Für 2031 liegt ihre Prognose sowohl für die Gesamtinflation als auch für die Kerninflation bei 2,0 %.

Auch für die kommenden Jahre erwarten die Befragten bislang keinen dauerhaft hohen Preisauftrieb. Für 2026 rechnen sie im Mittel mit 2,7 % Gesamtinflation, für 2027 mit 2,2 % und für 2028 mit 2,0 %.

Damit behandeln die Prognostiker den gegenwärtigen Preisschub bislang primär als vorübergehende Verschiebung des Preisniveaus. Eine dauerhafte Beschleunigung der Inflation bildet ihr Basisszenario nicht ab.

Daraus folgt die Logik eines möglichen September-Schritts ohne Festlegung auf weitere Erhöhungen. Zusätzliche 25 Basispunkte würden die Geldpolitik leicht straffen und damit das Risiko einer breiteren Weitergabe des Preisschubs begrenzen. Eine angekündigte Serie weiterer Schritte könnte hingegen schon nach wenigen Monaten unangemessen sein, sofern Energiepreise deutlich fallen und der binnenwirtschaftliche Preisdruck nachlässt.

 

 Argument für weitere ErhöhungenArgument für Zurückhaltung
GesamtinflationJuli bei 2,9 % und damit über dem ZielEnergie erklärt einen erheblichen Teil des Anstiegs
EnergieÖl und Kraftstoffe deutlich teurer als vor dem KonfliktÖlpreis zuletzt wieder gefallen
KerninflationVerzögerte Kostenweitergabe bleibt möglichZweitrundeneffekte bislang begrenzt
InflationserwartungenEine Entankerung bleibt ein RisikoszenarioLangfristige Erwartungen bei 2,0 %
KonjunkturWirtschaft zeigt bislang WiderstandskraftJahreswachstum bleibt schwach
GeldpolitikHöhere Zinsen können die Nachfrage und Preisweitergabe bremsenZu starke Straffung belastet Wachstum und Investitionen

Das Wachstum gibt der EZB Spielraum für einen weiteren Zinsschritt

Der Euroraum hat den Energieschock bislang besser verkraftet als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,4 %. Die Beschäftigung legte zugleich um 0,1 % zu.

Auch die jüngsten Unternehmensumfragen deuten nicht auf eine unmittelbar bevorstehende Rezession hin. Der vorläufige Einkaufsmanagerindex für den Euroraum stieg im August auf 52,1 Punkte. Der Index bündelt Unternehmensumfragen zu Produktion, Aufträgen und weiteren Geschäftsindikatoren. Werte oberhalb von 50 Punkten signalisieren steigende Aktivität.

Neue Aufträge nahmen so kräftig zu wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Exportbezogene Aufträge stiegen erstmals seit 2022 wieder. Für die EZB reduziert die robustere Nachfrage das Risiko, dass ein weiterer Zinsschritt die Konjunktur unmittelbar stark belastet. Der zugleich nachlassende Preisdruck spricht hingegen dafür, den weiteren Zinskurs nach September offen zuhalten.

Die kurzfristige Widerstandskraft ändert allerdings wenig an den schwachen Wachstumsaussichten für das Gesamtjahr. Die EZB erwartet für 2026 lediglich 0,8 % Wachstum. Die im Juli befragten professionellen Prognostiker rechnen sogar nur mit 0,6 %. Der Spielraum für mehrere zusätzliche Zinserhöhungen bleibt demzufolge begrenzt.

EZB und Finanzmärkte unterscheiden sich beim Zinspfad nach September

Reuters zufolge wollen mehrere Ratsmitglieder derzeit keine Serie weiterer Zinsschritte ankündigen. Aber wie sieht es der Markt? Investoren halten zusätzliche Erhöhungen für möglich. Derzeit liegt die eingepreiste Wahrscheinlichkeit laut Reuters bei rund 60 %, dass der Einlagenzins bis September 2027 auf 3,0 % steigt. Das wären also zwei Zinserhöhungen vom jetzigen Stand aus.

Ganz entscheidend ist die weitere Entwicklung in der Straße von Hormus. Hier würde eine Lösung des Konflikts den Druck für die Inflation erheblich mindern.

Ein September-Schritt begrenzt das Risiko stärkerer Zweitrundeneffekte

Die Erfahrung der Inflationsjahre 2021 bis 2023 dürfte die Reaktion der EZB beeinflussen. Damals unterschätzten Notenbanken zunächst Dauer und Breite des Preisanstiegs. Nachdem höhere Preise immer weitere Güter und Dienstleistungen erfasst hatten, folgten kräftige Zinserhöhungen.

Die aktuelle Ausgangslage unterscheidet sich allerdings deutlich. Die EZB geht in ihren Modellen davon aus, dass indirekte Effekte und Zweitrundeneffekte diesmal schwächer ausfallen könnten. Vor allem ist der Energieschock geringer ausgeprägt, die Nachfrage schwächer und die damaligen Lieferkettenprobleme wiederholen sich bislang nicht im vergleichbaren Umfang.

Gute Argumente für eine nur begrenzte Reaktion.

August-Inflation und neue Projektionen bestimmen den weiteren Kurs

Am 1. September veröffentlicht Eurostat seine erste Schätzung für die August-Inflation. Eine überraschend hohe Kerninflation oder stärker steigende Preise bei Dienstleistungen und Waren würden den Befürwortern zusätzlicher Zinserhöhungen Argumente liefern. Bleibt der neue Preisdruck überwiegend auf Energie konzentriert, stärkt das die Position jener Ratsmitglieder, die nach einem September-Schritt zunächst weitere Daten abwarten wollen.

Am 10. September folgen die neuen Projektionen des EZB-Stabs. Besonders relevant sind dabei die Projektionen für 2027 und 2028. Steigt die erwartete Kerninflation für diese Jahre deutlich, hätte die EZB stärkere Argumente für zusätzliche Zinserhöhungen.

Fazit

Die EZB dürfte den Einlagenzins im September um 25 Basispunkte auf 2,50 % erhöhen, der Markt erwartet das auch und es wird deswegen niemanden überraschen.

Auf der Prognose-Plattform Polymarket geht man Stand heute mit nahezu Sicherheit davon aus.

Die Inflation von 2,9 %, hohe Energiepreise und die bislang robuste Konjunktur liefern dafür einigermaßen gute Argumente. Eine längere Serie von Zinserhöhungen kann man daraus aber derzeit nicht ableiten. Angenommen, die Straße von Hormus würde wieder frei befahrbar. Dann würde schon alleine dieses Ereignis der EZB wieder mehr Luft verschaffen.

Der KI-Boom ist ein weiterer Inflations-Treiber. Im Laufe der Zeit wird sich allerdings nach meiner Überzeugung der deflatorische Teil der KI-Revolution immer mehr durchsetzen. Es kann aber durchaus noch 2-3 Jahre dauern, bis der Wendepunkt kommt.

Von Daniel Kühn

 

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