In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Der Anstieg der Ölpreise ist für die aktuell höheren Inflationsraten verantwortlich. Doch eine steigende US-Ölproduktion wirkt dämpfend auf die Inflation. ...
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Nach der gestrigen Börse-Intern erhielten wir mehrere Mails, in denen sich Leser über die Konzentration der Notenbanken auf die „Kerninflation“ beschwerten. Diese würde die wirkliche Inflation nicht sauber darstellen, da gerade Lebensmittel und Energiepreise doch sehr entscheidenden Faktoren des täglichen Konsums seien.

Die Volatilität von Lebensmittel- und Energiepreisen

Die Kritik ist sicherlich auf den ersten Blick berechtigt, aber sie geht am eigentlichen Kern des Themas vorbei. Das entscheidende Problem bei Energie und Lebensmitteln ist, dass deren Preise sehr volatil sind. Wie man im vergangenen Jahr gesehen hat, können die Ölpreise rapide fallen und steigen. Derweil sind die Lebensmittelpreise stark von den Wetterverhältnissen und Ernteerträgen abhängig. Und eben diese beiden Faktoren, die bei den Preisen zu hoher Volatilität und bei der Inflation zu Verzerrungen führen, werden bei der Kerninflation herausgenommen. Die Inflation wird dadurch geglättet.

Und das war auch die Aussage in der gestrigen Börse-Intern: Im Moment steigt die Inflation hauptsächlich aufgrund von steigenden Energiepreisen und nicht aufgrund einer steigenden Nachfrage nach Produkten oder ähnlichem. Zuvor hatte der Einbruch der Ölpreise einen stark dämpfenden Effekt auf die Inflation, weshalb es zwischenzeitig sogar zu negativen Inflationsraten gekommen war.

Den Notenbanken geht es um die langfristige Steuerung der Inflation

Es ist also durchaus sinnvoll, den Einfluss von sehr volatilen Faktoren auszugrenzen, um einen klareren Blick auf den nachhaltigen Anstieg der Preise zu erhalten. Es geht den Notenbanken beim Blick auf die Inflation zudem nicht um die Frage, wie viel Geld den Verbrauchern zum Konsumieren bleibt, sondern um die Frage, wie niedrig bzw. hoch der Zinssatz sein muss, um auf der einen Seite eine wirtschaftsschädigende Deflation zu vermeiden und auf der anderen Seite eine zu hohe Inflation zu bekämpfen, die ebenfalls gefährlich wäre. Und hier liefert die Kerninflation oft die besseren Ergebnisse.

Kurz: Es ist also keineswegs so, dass die Notenbanken mit Blick auf die Kerninflation am realen Alltag vorbei entscheiden, wie es in den Lesermails bemängelt wurde.

Aktuelle Entwicklungen bei der Ölproduktion

Um in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Erwartung für die Zukunft zurückzukommen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf die aktuellen Entwicklungen bei der Ölproduktion, um daraus Rückschlüsse auf den Ölpreis und dementsprechend auf die Inflation ziehen zu können.

In der gestrigen Börse-Intern war auch zu lesen, dass die EZB für die Eurozone in ihren jüngsten Prognosen eine Inflationsrate von 1,3 Prozent für das laufende Jahr veranschlagt und die Bundesregierung sowie die Wirtschaftsweisen für Deutschland im laufenden Jahr eine Inflationsrate von im Durchschnitt 1,6 Prozent erwarten. Damit würden die Raten unter den Niveaus vom Januar liegen.

Dies passt zu der Grafik aus der Börse-Intern vom 19. Januar, wonach die Inflation zum Jahresbeginn noch leicht anziehen sollte, dann aber auf ihrem erreichten Niveau verweilt bzw. sogar wieder leicht zurückgeht:

Szenarien für die Inflation bei steigendem Ölpreis

Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass die Ölpreise seit dem Zwischenhoch von Mitte Juni 2016 wieder leicht nachgegeben haben, was ebenfalls in der gestrigen Börse-Intern schon zu lesen war. Und es ist aktuell nicht zu erwarten, dass die Ölpreise signifikant weiter steigen können. Zwar peilt die OPEC mit ihrem jüngsten Beschluss zur Förderbegrenzung einen Ölpreis von 55 bis 60 US-Dollar an (wir berichteten), doch schon in der Börse-Intern vom 20. Januar war zu lesen, dass die US-Unternehmen inzwischen in der Lage sind, bei Ölpreisen über 50 US-Dollar profitabel zu fördern.

US-Rohölproduktion wieder auf dem Niveau von 2014

Dazu passt der aktuell zu beobachtende Anstieg der aktiven Ölbohrungen in den USA. Laut Baker Hughes sind diese jüngst um weitere 15 auf 566 gestiegen. In der Woche zuvor wurden mit 29 sogar so viele weitere Bohrlöcher wieder in Betrieb genommen wie seit vier Jahren nicht mehr. Und deren Anzahl war damit bereits auf das höchste Niveau seit November 2015 gestiegen.

Damit setzt die gesamte US-Rohölproduktion ihren Aufwärtstrend weiter fort. Zuletzt stieg sie auf knapp 9 Millionen Barrel pro Tag und ist damit wieder auf dem Niveau von 2014, als der Preisrutsch der Ölpreise begann. Zur Erinnerung: Das weltweite Überangebot drückte damals den Brent-Preis binnen eineinhalb Jahren von mehr als 100 US-Dollar auf zeitweise unter 30 US-Dollar.

Angebot deutlich höher als die Nachfrage

Und offenbar ist das Angebot deutlich höher als die Nachfrage. Denn wie das US-Energieministerium kürzlich berichtete, sind die US-Rohöllagerbestände in der vorvergangenen Woche um weitere 2,8 Millionen Barrel gestiegen. Damit zeigt sich, dass die OPEC und ihre Verbündeten ohne die USA nicht im Stande sind, das weltweite Überangebot an Rohöl einzudämmen.
Immerhin hatten Vertreter der OPEC und einiger anderer wichtiger Exportländer kürzlich mitgeteilt, dass von den vereinbarten Kürzungen von knapp 1,8 Millionen Barrel pro Tag bereits 1,5 Millionen erreicht worden seien. Doch wenn die USA gleichzeitig ihre Produktion derart ausweitet, ist dem Ölpreis damit nicht nachhaltig geholfen.

Eine signifikante Fortsetzung des Ölpreisanstiegs ist nicht zu erwarten

Und so hatte ich gestern geschrieben, dass der aktuell steile Anstieg der Inflation nur ein Strohfeuer sein wird, „sofern keine signifikanten Zweitrundeneffekte entstehen oder sich der Ölpreisanstieg fortsetzt“. Zweitrundeneffekte hatte ich gestern aufgrund der Unterauslastung in vielen Volkswirtschaften der Eurozone bereits ausgeschlossen. Mit den heutigen Informationen können Sie auch eine signifikante Fortsetzung des Ölpreisanstiegs auf absehbare Zeit ausschließen. Die Prognose einer anhaltenden Seitwärtsbewegung im Bereich der Zielmarke von 50 USD (siehe auch Börse-Intern vom 20. Januar) halte ich daher nach wie vor aufrecht.

Rohöl der Sorte WTI - Chartanalyse

Und damit scheinen auch die Inflationsprognosen plausibel und die aktuellen Befürchtungen eines weitergehenden Anstiegs der Inflationsraten unbegründet. Insofern gilt das Fazit der gestrigen Börse-Intern auch im Zusammenhang mit der Analyse zum Ölpreis unverändert. Dabei ist es egal, ob wir nun die gesamte Inflation oder nur die Kerninflation betrachten.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage
Ihr
Sven Weisenhaus
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