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von Torsten Ewert

Der Gesundheitskonzern Fresenius gab am Donnerstag eine Gewinnwarnung heraus und kassierte dabei seine mittelfristigen Gewinnziele. Im kommenden Jahr, so Fresenius, werden Umsatz und Gewinn auf dem aktuellen Niveau stagnieren; erst 2020 sei wieder mit Wachstum „aus eigener Kraft“ zu rechnen – und das auch eher verhalten.

Was der Langfristchart verrät

Der Kurs brach daraufhin um bis zu 20 % ein. Eine Analystenstudie sieht daher bei der Aktie nun eine „außergewöhnlich attraktive Bewertung“. Das ist korrekt: Gemessen am KGV ist sie so niedrig wie seit mindestens 2012 nicht. Aber soll man deswegen jetzt bei Fresenius zugreifen?

Fresenius - Monatschart seit 2005

Formal charttechnisch ist die Aufwärtsbewegung seit 2009 noch intakt, denn der Kurs notiert weiterhin über dem 61,8%-Niveau des vorangegangenen Anstiegs. Doch der jahrelange Aufwärtstrend seit 2009 ist klar gebrochen und die Kursverluste seit dem Hoch haben an Dynamik gewonnen: Nach dem Rückfall vom Allzeithoch bei 80 € im Jahr 2017 lief der Kurs monatelang seitwärts (siehe blaues Rechteck, bevor er – gerechnet von seinem Jahreshoch 2018 aus – fast ein weiteres Drittel verlor. Und in der Vorwoche brachen nun erneut 20 % weg.

Fresenius läuft damit in einem breit gefassten Abwärtstrend (rot), den die Aktie nicht so bald verlassen sollte. Das sagt übrigens auch die eingangs erwähnte Studie: So sei bei Fresenius Geduld gefragt und Investoren bräuchten bei der Aktie einen langen Atem. Man sei aber der Meinung, dass sich „das Warten lohnt“.

Diese Punkte sprechen gegen einen Einstieg

Mag sein, aber aus charttechnischer Sicht spricht gegen einen sofortigen Einstieg, dass mit dem dynamischen Abwärtsimpuls seit Oktober erst die zweite von drei möglichen Abwärtswellen begonnen hat. Auch gemäß der alten Trader-Regel, dass das erste Tief selten das letzte ist, muss man sich mit einem Neueinstieg nicht beeilen.

Zwar könnte es nun eine Erholung bis an die 50€-Marke oder auch das Tief von 2016 (hellgrüne Linie) geben, aber neue Tiefs bei 35/36 € oder auch 30 € sind noch drin (siehe gestrichelte Prognoselinien). Dann kann man je nach Marktsituation unter Umständen einen Einstieg erwägen.

Eine schwere Hypothek

Zudem schleppt Fresenius auch eine schwere fundamentale Hypothek mit sich herum: So hat der Konzern den zweitgrößten Goodwill aller 30 DAX-Unternehmen in seiner Bilanz, der allein 10 % des Goodwills aller DAX-Werte entspricht (Goodwill ist die Übernahmeprämie, die ein Unternehmen beim Kauf eines anderen zahlt – z.B. weil es sich Synergien oder einen höheren Marktanteil verspricht.)

Der Goodwill macht bei Fresenius knapp 50 % der Bilanzsumme, also aller Vermögenswerte des Unternehmens, aus. Eine solche Größenordnung erreicht sonst nur SAP, aber bei SAP übersteigt wenigstens das Eigenkapital den Goodwill – wenn auch nicht allzu üppig.

Aber bei Fresenius macht der Goodwill satte 185 % des Eigenkapitals aus – ein Ergebnis der ausufernden Shoppingtour, die das Unternehmen in den vergangenen Jahren unternommen hat und die das Wachstum bisher hauptsächlich getrieben haben!

Warum der hohe Goodwill ein massives Problem ist

Warum ist das ein Problem? Weil der Goodwill – anders als früher – nicht mehr kontinuierlich abgeschrieben wird, sondern nur nach Belieben des Unternehmens. Wenn also eine Firma der Meinung ist, der gezahlte Goodwill könne sich noch realisieren, besteht kein Grund, ihn abzuschreiben. Nur: Die meisten Unternehmen missbrauchen diese großzügige Bilanzregel, den Goodwill solange in voller Höhe in den Büchern zu lassen, bis es wirklich nicht mehr anders geht. Und dann werden die Aktionäre von plötzlichen Wertberichtigungen „überrascht“.

Die in letzter Minute geplatzte Übernahme des US-Gesundheitskonzern Akorn durch Fresenius zeigt aber, dass sicherlich auch der bisher hochgelobte „Deal Maker“ Fresenius bei seinen Übernahmen nicht immer ein glückliches Händchen hatte. Bisher sind eventuelle Probleme noch unter der Oberfläche geblieben. Aber wer weiß, was z.B. in einer späteren Rezession hochkocht?

Fresenius braucht nur 54 % seines Goodwills abschreiben zu müssen – und dann ist das gesamte Eigenkapital futsch, also de facto das, was den Aktionären am Unternehmen gehört. Eine solche Größenordnung ist zwar unwahrscheinlich, aber der Hebel „Goodwill zu Eigenkapital“ von 1,85 wirkt auch bei geringeren Abschreibungsbeträgen. Und alle Löcher, die auf diese Weise in die Bilanz gerissen werden, wird man unweigerlich auch im Chart sehen – in Form (weiter) fallender Kurse.

Die bessere Alternative zur Fresenius-Aktie

Ja, am reinen KGV gemessen, ist Fresenius tatsächlich so attraktiv wie seit Jahren nicht mehr. Aber charttechnisch und bilanziell ist die Aktie immer noch reine Spekulation.

Aus diesem Grund habe ich die Aktie auch Ende 2017 aus dem langfristigen Musterdepot meiner Leser verbannt. Die jüngsten Kursverluste habe ich ihnen damit erspart. Schauen Sie doch mal in meinen Geldanlage-Brief, was ich aktuell meinen Lesern empfehle. Es lohnt sich, denn unser Musterdepot ist nahezu auf dem gleichen Stand wie zu Jahresbeginn, während Fresenius mehr als 15 %, der DAX sogar fast 35 % tiefer steht als Ende 2017!

Über den Autor: Torsten Ewert ist Chefredakteur der Börsenbriefe Geldanlage-Brief und Aktien-Perlen. Mehr über Torsten Ewert erfahren Sie hier.

Quelle der Charts: Tradesignal Online. Tradesignal® ist eine eingetragene Marke der Tradesignal GmbH. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.


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