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Die wundersame Rückkehr des Value-Faktors
Ausgabe vom 23.09.2026
Die wundersame Rückkehr des Value-Faktors
von Stockstreet-Team
Mit fundamental "günstigen" Aktien war lange Zeit kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Doch seit einem Jahr explodieren Value-Aktien geradezu.
Lange schien die Sache klar: Wer mit systematischen Anlagestrategien den Gesamtmarkt schlagen wollte, machte am besten einen weiten Bogen um fundamental günstig bewertete Aktien ("Value-Aktien") und setzte stattdessen auf Hype-Werte und Momentum-Aktien, also auf Papiere, die bereits zuvor eine technische Outperformance gezeigt hatten.
Value-Aktien sind plötzlich wieder gefragt
Beim sogenannten Factor Investing werden Aktien nach bestimmten Eigenschaften ausgewählt. Momentum-Strategien setzen auf Titel mit einer besonders guten Kursentwicklung in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten. Beim Value-Faktor zählt dagegen eine niedrige Bewertung, etwa gemessen an den Gewinnen (KGV) oder am Buchwert eines Unternehmens (KBV). Die Hoffnung: Früher oder später entdeckt der Markt die vermeintlichen Schnäppchen.
Die folgende Tabelle vergleicht verschiedene Faktor-Strategien wie Value und Momentum und erläutert, nach welchen Kriterien Aktien im Zuge der Strategien ausgewählt werden.
| Faktor | Beschreibung |
| Value | Gekauft werden fundamental günstig bewertete Aktien, zum Beispiel ausgewählt über ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) und/oder ein niedriges Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV). |
| Growth | Gekauft werden Aktien von Unternehmen mit einem starken Umsatz- und Gewinnwachstum (die aber dafür anhand von Kennzahlen wie dem KGV oder KBV oft teuer bewertet sind) |
| Quality | Gekauft werden Aktien qualitativ hochwertiger Unternehmen. Die Auswahl erfolgt zum Beispiel über hohe Kapitalrenditen, überdurchschnittliche Ergebnismargen, eine positive Gewinnentwicklung und/oder eine geringe Verschuldung. |
| Momentum | Gekauft werden Aktien, die in den vergangenen sechs bzw. zwölf Monaten eine besonders positive Kursperformance verzeichnet haben. |
| Low Volatility | Gekauft werden Aktien mit niedriger Volatilität, also geringen Kursschwankungen. |
| Size | Gekauft werden Aktien von kleineren Unternehmen (Small und Mid Caps), weil diese langfristig eine Überrendite gegenüber Blue Chips versprechen. |
Wie eindrucksvoll Value-Strategien zuletzt andere Faktoren outperformten, zeigt ein Vergleich von fünf iShares-ETFs auf Aktien aus den Industrieländern. Vom 22. September 2025 bis zum 22. September 2026 legte der Value-ETF um 56,31 % zu. Der ETF auf den breiten MSCI World Index schaffte hingegen nur 20,60 %. Das entspricht einem Vorsprung von 35,71 Prozentpunkten für den ETF, bei dem Aktien nach Value-Kriterien ausgewählt und gewichtet werden.

Auch über fünf Jahre liegt Value inzwischen klar vorn. Der entsprechende ETF gewann 132,41 % und damit deutlich mehr als Momentum mit 88,00 % oder der MSCI World mit 79,21 %. Wer auf fundamental günstige Aktien setzte, konnte sein Geld in diesem Zeitraum mehr als verdoppeln.

Was genau steckt im Value-ETF?
Angesichts der deutlichen Outperformance des Value-ETFs lohnt sich ein genauer Blick darauf, was im Rahmen des ETFs eigentlich als Value gilt. Der gezeigte iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF (ISIN: IE00BP3QZB59) folgt dem MSCI World Enhanced Value Index. Nach der MSCI-Methodik zählen das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis erwarteter Gewinne und das Verhältnis von Enterprise Value zu operativem Cashflow als Auswahlkriterien, um möglichst günstige Aktien zu finden. Dabei zeichnen sich "günstige Aktien" durch einen möglichst niedrigen Wert bei allen drei Kennzahlen aus.
Wichtig beim Auswahlprozess: Verglichen werden die Aktien innerhalb ihrer jeweiligen Branche. Deshalb finden sich im Value-Portfolio durchaus auch Technologiewerte. Laut MSCI-Factsheet war der Speicherchiphersteller Micron Ende August 2026 mit 14,06 % sogar die mit Abstand größte Position im Value-Index. Im breiten MSCI World Index betrug sein Gewicht lediglich 1,18 %. Value und KI-Boom können also zumindest im Einzelfall durchaus zusammenpassen. Bei Micron hat die fundamentale Bewertung im Zuge des Booms tatsächlich abgenommen, weil die Unternehmensgewinne noch stärker gestiegen sind als der Kurs.
Der Value-Index von MSCI war unterdessen Ende August auf Basis erwarteter Gewinne weiterhin deutlich günstiger bewertet als der Gesamtmarkt: MSCI bezifferte das KGV des Value-Index auf 10,10, gegenüber 18,55 beim gesamten MSCI World. Dafür sorgen auch regelmäßige Neuzusammensetzungen, in deren Rahmen teure Aktien verkauft und fundamental günstige Aktien neu ins Portfolio aufgenommen werden.
Langfristig hat Momentum weiter die Nase vorn
Trotz der starken Performance des Value-Faktors vor allem im letzten Jahr liegt langfristig weiterhin Momentum ganz vorn.
Seit Oktober 2014 liegt Value mit einem Plus von 277,39 % sogar weiterhin hinter dem MSCI World mit 313,23 % und ist damit auf lange Sicht ein Unterperformer. Momentum führt über diesen Zeitraum mit 435,24 %. Wie erfolgreich eine Faktorstrategie ist, hängt also erheblich vom betrachteten Zeitraum ab.

Fazit: Der Value-Faktor, der auf fundamental günstig bewertete Aktien setzt, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten eindrucksvoll zurückgemeldet. Langfristig bleibt Value allerdings noch ein Unterperformer, was vor allem an der schlechten Performance von Value-Aktien zwischen der Finanzkrise von 2008 und dem Corona-Crash von 2020 lag. Damals lag der Fokus des Marktes auf schnell wachsenden Growth-Aktien und die fundamentale Bewertung wurde oft kaum noch beachtet. Spätestens seit der Inflations- und Hochzinsphase ab 2022 stehen Value-Aktien aber wieder stärker im Fokus, wobei sich vor allem in den vergangenen zwölf Monaten eine starke Outperformance gezeigt hat. Dabei spielte durchaus auch der KI-Boom eine gewisse Rolle, da davon auch Unternehmen wie Micron profitieren konnten, die auf Basis erwarteter Gewinne und im brancheninternen Vergleich "günstig" sind.
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