Überraschung: Der Sell-America-Trade lebt!
Ausgabe vom 05.08.2026 von Clemens Schmale
An Aktienkursen kann man nicht erkennen, dass der Sell-America-Trade lebt. Auch der Dollar konnte in diesem Jahr wieder zulegen. Trotzdem gibt es eine Sell-America-Entwicklung.
Die Entwicklung erkennt man vor allem bei Anleihen. In der Zeit von 1967 bis zur Finanzkrise kauften ausländische Institutionen wie Notenbanken fleißig US-Staatsanleihen. Dafür gab es unterschiedliche Gründe. Zum einen waren es Petrodollars, die in US-Anleihen recyclet wurden. Zum anderen brauchte man Dollar als Währungsreserven.
Seit der Finanzkrise haben Institutionen ihren Bestand erst konstant gehalten und dann nach 2020 reduziert. Die Erholung seither ist zaghaft und seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump stockt die Erholung. Im Verhältnis zu den Staatsschulden ist der Anteil ausländischer Institutionen von 25 % auf weniger als 10 % gefallen.

Nun kann man sagen, dass der Trend schon vor langer Zeit begonnen hat. Das ist korrekt. Die Finanzkrise, eine Herabstufung der Bonität der USA im Jahr 2011, ein tieferer Ölpreis und die erste Amtszeit von Trump haben bereits vieles verändert. Mit der zweiten Amtszeit ist allerdings ein Phänomen aufgekommen, welches es bisher nicht gab.
Der Dollar und indirekt damit auch US-Anleihen waren in unsicheren Zeiten ein Zufluchtsort. Stieg die Unsicherheit z.B. im internationalen Handel, kaufte die Welt US-Anleihen. Selbst in der Zeit systematisch ansteigender Inflation sorgte erhöhte Unsicherheit für einen Renditerückgang bei langfristigen Anleihen.

Für andere Unsicherheitsindizes gibt es nur kürzere Zeitreihen. Auch hier ist das Phänomen deutlich zu erkennen. Stieg die Unsicherheit etwa in Bezug auf die Staatsverschuldung, wie nach der Herabstufung 2011, fielen Renditen.

Die Systematik gilt in Bezug auf alle Unsicherheitsfaktoren, auch die Wirtschaftspolitik. 2025 nahm die Unsicherheit wegen der Zölle stark zu, nicht nur in Bezug auf die Wirtschaftspolitik. Alle Unsicherheitsindizes stiegen an. Deswegen fielen allerdings die Renditen nicht.

Jahrzehntelang war die Systematik eindeutig. Steigt die Unsicherheit, sinken die Renditen. Diese Regel gibt es nicht mehr. Mehr Unsicherheit führt zu höheren Renditen. Die USA haben ihr wichtigstes Gut, Vertrauen, über viele Jahre verspielt. Die Geschehnisse der letzten 18 Monate haben das Fass zum Überlaufen gebracht.
Deswegen wird nicht aktiv verkauft. Es gibt keine Alternative zum Dollar. Dass sich das Ausland vom US-Staat abwendet, ist ein langer und schleichender Prozess. "Sell America" lebt und wird so umgesetzt, wie man es vernünftigerweise umsetzen kann, langsam.
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