Sind Anleihen Konkurrenz für Aktien?
Ausgabe vom 16.09.2026 von Clemens Schmale
In der Eurozone können Anleger zwischen 3,5 und 4,5 % Rendite bei Anleihen erwarten, in den USA fast 5 %, in Großbritannien 5,3 % und selbst in Japan 3 %. Ist das ernstzunehmende Konkurrenz?
In der Theorie sollte die Frage einfach zu beantworten sein. Sind Anleihen sicher, wovon man in vielen Fällen noch ausgehen kann, ist eine Rendite von 5 % attraktiv. Je nach Land sind die Renditen so hoch wie seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr. Der Aktienmarkt hält sich trotzdem wacker. Woran liegt das? Sind Anleihen keine Konkurrenz für Aktien?
Darüber, wie sicher Anleihen sind, kann man streiten. Eine 10-jährige Anleihe, die heute ausgegeben wird, dürfte allerdings in den meisten Fällen zurückgezahlt werden können. Mit überschaubarem Risiko können Anleger fast 5 % pro Jahr in Dollar erwirtschaften. Werden Kupons wieder angelegt, können in zehn Jahren 62 % Gesamtrendite anfallen. Zum Vergleich: Der S&P 500 müsste auf 12.540 Punkte und der DAX auf fast 42.000 Punkte steigen.
Es ist nicht offensichtlich, dass Aktienindizes dieser Sprung gelingt. Anleihen sollten eigentlich sehr attraktiv wirken. Dies gilt nicht zuletzt auch deswegen, weil man mit Anleihen eine höhere Rendite erzielt als mit Dividenden. Will man Dividenden und Anleiherenditen miteinander vergleichen, geschieht dies über die nominale Dividendenrendite und die reale Anleiherendite.
Die reale Anleiherendite wird als Vergleichsmaßstab verwendet, weil man davon ausgehen kann, dass Dividenden zumindest mit der Inflation ansteigen werden. Der Vergleich ist für den US-Markt besonders schmerzhaft. Einen so großen Vorteil hatten Anleihen schon lange nicht mehr.

Ist die reale Anleiherendite deutlich höher als die Dividendenrendite, gibt es noch weniger Argumente für Aktien. Aktien sind bei negativer Differenz tendenziell zu hoch bewertet. Es macht wenig Sinn, eine unsichere zukünftige Performance gegen eine solide sichere Rendite zu tauschen, also Aktien anstatt Anleihen zu kaufen.
Was in der Theorie Sinn macht oder unsinnig ist, muss in der Praxis nicht viel bedeuten. Bis zur Finanzkrise war es der Normalfall, dass Anleiherenditen höher waren als die Dividendenrendite. Der Aktienmarkt konnte dennoch steigen. Auch die Dotcom-Blase verhinderte es nicht.

Es gibt keinen Grund, weshalb Aktien nicht gut performen sollten, wenn Anleiherenditen deutlich höher sind als Dividendenrenditen. Kurzfristig kann ein schneller Anstieg von Anleiherenditen auf dem Aktienmarkt für Unruhe sorgen. Das bedeutet nicht, dass Anleger deswegen Aktien den Rücken kehren. Anleiherenditen sind kein Argument gegen Aktien.
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