Deutsche Industrie vor Neuerfindung?
Ausgabe vom 21.08.2026 von Clemens Schmale
Die deutsche Industrie hat es selbst in die US-Finanzmedien geschafft, ausnahmsweise positiv. Bewundernd wird festgestellt, dass die Industrie zunehmendem Gegenwind trotzt. Über den Berg ist die Industrie deswegen nicht.
Die einzelnen Industriezweige entwickelten sich lange Zeit ähnlich. Stieg der Auftragseingang in einem Industriezweig, stieg er auch in den meisten anderen. Das änderte sich 2022 zunächst in der Chemie und in der Metallverarbeitung. Der Grund dafür waren gestiegene Energiekosten. Beide Branchen sind energieintensiv. Bei dieser Divergenz bei diesen zwei Sektoren blieb es nicht. Es folgte der Fahrzeugbau 2023.
Deutsche Autobauer sind seit Jahren in der Krise. Die Konkurrenz aus anderen Ländern, nicht zuletzt China, macht der Branche zu schaffen. Ein ähnliches Schicksal erlitt der Maschinenbau, wenn auch nicht ganz so dramatisch. Die Vorzeigebranchen sind Schlusslichter geworden. Dafür können andere Branchen nun glänzen. Vor allem diejenigen, die indirekt vom KI-Boom profitieren. Dazu gehört alles, was mit elektrischer Ausrüstung oder elektronischen und optischen Erzeugnissen zu tun hat.

Es wirkt, als hätte sich die Industrie neu erfunden und einen Weg aus der Krise gefunden, indem sich die Produktion von einem Industriezweig in andere verlagert. Die Industrie hat den KI-Boom nicht erfunden. Es ist mehr Zufall, dass einige Industriezweige einen hohen Auftragsbestand haben. Es hilft auch der Industrie insgesamt nur bedingt.
Der Auftragsbestand steigt seit zwei Jahren an. Im gleichen Zeitraum geht die tatsächliche Produktion aber weiter zurück. Eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau ist greifbar. Das ist allerdings kein nennenswerter Erfolg.

Anleger scheinen an die Neuerfindung zu glauben. Die Divergenz zwischen Produktion und Dax vergrößert sich weiterhin. Jahrzehntelang galt eine positive Korrelation. Dass sie aktuell nicht gilt, haben Anleger dem KI-Boom zu verdanken. Infineon, Siemens, die Versorger und Rüstungsunternehmen konnten den Bedeutungsverlust der Chemie- und Autoindustrie mehr als ausgleichen. Allein Siemens Energy hat eine Marktkapitalisierung, die fast der gesamten Autoindustrie nahekommt.

Der Bedeutungsverlust der Chemie wird praktisch im Alleingang von Infineon ausgeglichen. Das zeigt, wie stark der Dax inzwischen ein Index geworden ist, der von KI abhängt. Der KI-Boom hält den Dax über Wasser. Eine Neuerfindung der Industrie hat nicht stattgefunden. Einige Industriezweige produzieren lediglich zufällig das, was der KI-Boom benötigt. Flacht der Boom ab, müssen andere Industriezweige wieder liefern. Danach sieht es nicht aus. Es bleibt dabei, dass der Dax eine der ineffizientesten Indizes ist, wenn man sein Vermögen anlegen will.
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