Warum Ihr Zukunftsbild verzerrt ist

 
 
Warum Ihr Zukunftsbild verzerrt ist
von Jochen Steffens
 
Die meisten Menschen sind leider nicht in der Lage, emotional in die Zukunft zu planen. Emotional in die Zukunft zu planen? Was soll das heißen?
 
Nehmen wir als Beispiel Kopenhagen. Da streiten sich die Länder dieser Erde um „die Rettung des Klimas“, eigentlich sogar um die Rettung unseres Planeten. Lassen wir einmal die vielen Diskussionen zu dem Thema beiseite (was den Klimawandel wirklich verursacht, ob es einen solchen überhaupt gibt etc.) und stellen uns einfach einmal vor, alle wären sich einig, dass die Erde vor einer dramatischen Klimaerwärmung stände, die ausschließlich durch den C02-Ausstoß des Menschen verursacht wäre. Der Gipfel würde genauso ablaufen, wie er zurzeit abläuft - keine Frage. Aber warum?
 
Weil sich Menschen zwar die möglichen Szenarien in einer theoretischen Zukunft in ihren Köpfen vorstellen können, sie aber bei diesen Bildern nicht das fühlen, was sie fühlen würden, wenn sie die Folgen direkt am eigenen Leibe erfahren.
 
Der blinde Zukunfts-Fleck
 
Der Mensch besitzt einen blinden Fleck in seiner Zukunftswahrnehmung. Darüber sind sich die wenigsten Menschen bewusst. Eine potenziell negative Zukunft wird IMMER verzerrt wahrgenommen. Das ist ein Schutzmechanismus, der für den Menschen absolut dringend notwendig ist – ohne den er emotional nicht überleben könnte.
 
Denn was erwartet jeden Menschen, wirklich jeden Menschen, in seiner Zukunft? Der Tod. Da aber der menschliche Verstand aufgrund seiner Funktionsweise nicht in der Lage ist, sich mit etwas Absolutem wie dem Tod zu beschäftigen, blendet er das Thema aus. Das Nicht-Sein ist dem Sein unvorstellbar. Somit verzerrt der Verstand die Zukunft und legt eine „Weichzeichnung“ über dieses Thema.
 
Das führt zum einen dazu, dass wir alle so leben, als hätten wir unendlich viel Zeit zur Verfügung und als gäbe es keine Gefahren (zum Beispiel beim Autofahren, im Haushalt etc.). Zum anderen führt dieser Schutzmechanismus dazu, dass auch viele andere, potenziell existenzbedrohliche Vorstellungen von Zukunftsvariationen durch eben diese Weichzeichnung überblendet werden.
 
Wichtige und störende Eigenschaften
 
Menschen, bei denen dieser Filter nicht mehr richtig funktioniert, leiden nahezu sofort unter Depressionen und Angstzuständen. So gesehen können wir froh sein, dass wir über diesen starken Einflussfaktor verfügen. Nur in der Politik und der Planung der Zukunft wirkt er sich höchst störend aus. Und das ist tatsächlich einer der Hauptgründe, warum wir Menschen in so vielen Bereichen derart kurzsichtige Entscheidungen treffen.
 
Damit die Menschen eine Chance haben, diesen Filter zu umgehen, müsste man aus einem Thema
 
1.      die langfristigen Zukunftsperspektiven in die Gegenwart verlegen
2.      die möglichen Entwicklungen auf den eigenen Erfahrungsbereich projizieren
  
Beispiel:
  
Man müsste in Kopenhagen jedem Teilnehmer sein Kind oder seinen Partner zur Seite stellen und dann folgendes sagen: Wenn ihr nicht eine Einigung findet, wird euer Kind bzw. Partner ab sofort nichts mehr zu trinken bekommen (Ausbreitung der Wüsten), direkt ertrinken (Zunahme an Überschwemmungen und Anstieg des Meeresspiegels) oder verschüttet (Zunahme von Hurrikanen). Was glauben Sie, wie schnell sich alle einig wären.
 
Nun überlegen Sie sich einmal, was der Menschheit erspart geblieben wäre, wenn man im Laufe der Geschichte diesen Filter bei den jeweils Verantwortlichen ausgeschaltet hätte? Schon beeindruckend…
 
Wo bleibt die Börse?
 
Sie fragen sich natürlich zu Recht, was dieses Thema in einem Börsennewsletter soll.
  
Was glauben Sie, wie oft Ihnen dieser Filter bei Ihren langfristigen Investitionsentscheidungen im Wege steht? Oder wie oft Positionen zu weit ins Minus laufen, weil man sich einfach nicht vorstellen kann oder will, wie viel schmerzhafter es sein wird, wenn die Aktie noch weiter fällt.

Oder das Thema Altersversorgung: Niemand von den Jüngeren kann und will sich aufgrund dieses Filters vorstellen, wie es ist, 70 zu sein und nur von wenigen 100 Euro leben zu müssen. Würden wir jetzt spüren, wie sich das tatsächlich anfühlt, würden sich viel mehr Menschen sofort intensiv mit dem Thema Aktien, Anleihen, Immobilien und anderen Möglichkeiten einer breit aufgestellten Altersvorsorge beschäftigen.
 
Auch Altersarmut ist ein Thema, das vom Verstand weichgezeichnet gefiltert wird und somit immer wieder an der Politik vorbei läuft. Gäbe es diesen Weichzeichner nicht, könnte man Wahlen damit gewinnen.
 
Day-Trading als Lehrmeister
 
Interessant ist, dass man gerade im Day-Trading mit den Jahren lernt, all diese emotionalen Fallen zu enttarnen und zu umgehen. Man weiß, dass man sich mit jeder Position zu jeder Zeit auseinandersetzen muss. Man hat durch unzählige Rückschläge gelernt, dass jedes Verdrängen direkt zu Schmerzen führt. Doch das Beste ist, dass man immer sofort mit den Konsequenzen seines Handelns konfrontiert wird und nicht erst in einigen Jahren.
 
So wird einem immer mehr bewusst,  dass jeder Verlust nur noch mehr Arbeit bewirkt. Die Arbeit nämlich, das verloren Geld erneut verdienen zu müssen. Es entsteht eine direkte Verbindung zwischen aktuellem Handeln und zukünftigen Entwicklungen, die sich später auch auf Erfahrungen in anderen Bereichen überträgt. Das ist eine wichtige Erfahrung, die auch einigen Politikern gut tun würde. 
 
Vielleicht ist Day-Traden somit sogar eine der besten Lebensschulen unsere Zeit, wer weiß.
 
Viele Grüße
 
Jochen Steffens
 
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