Der Nikolaus als Ökonom
von Torsten Ewert
Verehrte Leserinnen und Leser,
am letzten Novemberwochenende kam der Nikolaus bei uns vorbei. Wenig begeistert ließ ich ihn ein. „Du bist aber früh dran, alter Knabe“, sagte ich mit einem leisen Vorwurf in der Stimme. Er schien auch etwas gereizt. „Na, irgendwo muss ich ja anfangen“, blaffte er zurück. „Dieses Jahr seid ihr eben dran.“ Auch gut, dachte ich, dann haben wir es hinter uns. Der Nikolaus kam nämlich, um unsere Weihnachtsgeschenk-Wünsche aufzunehmen.
Ja, ich weiß, Sie müssen wahrscheinlich noch diese altmodischen Wunschzettel ausfüllen. Aber wir nehmen seit einigen Jahren an einem Pilotprojekt teil. Es ginge um einen EU-Initiative zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur, erklärte uns der Nikolaus später. Man erhoffe sich seitens der Politik mehr und größere Geschenke, wenn ein Abgeordneter des Weihnachtsmannes persönlich bei den Bürgern erscheine. (Anfangs hatte der Schlawiner noch versucht, uns seinen Besuch als Service-Offensive der skandinavischen Geschenke-Industrie zu verkaufen.)
Doch die Aktion schien eine Pleite zu werden. Auch dieses Jahr war es nicht anders. „Ich hab doch schon alles, Junge“, jammerte die Schwiegermutter. Selbst unsere 16jährige Tochter zeigte wenig Begeisterung. „Ich krieg ja doch nicht, was ich will.“, maulte sie und verzog sich. Ich hab vergessen, wie das Teil hieß, das sie angeblich unbedingt brauchte, und wozu es gut war. Glücklicherweise ist mir inzwischen auch der unverschämte Preis entfallen...
Aber einen Teenager, der schon Fernseher, Stereoanlage, einen eigenen Computer, ein Klavier und eine schon recht stattliche Handtaschensammlung besitzt, kann man mit materiellen Dingen nur noch schwer zufriedenstellen.
Der Nikolaus kannte dieses Ritual schon. Er versuchte gar nicht mehr, uns zu überreden. „Überall dasselbe“, murmelte er resigniert und kopierte auf seinem Laptop einfach unsere Wünsche der letzten Jahre auf seine aktuelle Liste (Pralinen für die Schwiegermutter, Kosmetik für die Hausfrau, einen Büchergutschein für die Tochter und Socken für mich).
Weil das so schnell ging, hatten wir noch Zeit für einen wärmenden Whisky (da sagt das Schlitzohr auch bei diesen milden Temperaturen nicht nein). Der Alkohol löste seine Zunge, und der Nikolaus klagte uns sein Leid. Völlige Zeitverschwendung seien seine Besuche, meinte er. Die Nettoumsätze des Weihnachtsmannes wären trotz des persönlichen Einsatzes nicht mal so gestiegen, dass es wenigstens den zusätzlichen Aufwand lohne. Wenn man noch die Rückgabeaktionen nach Weihnachten mit berücksichtige, stöhnte der Nikolaus, sei das Ganze ein einziges Verlustgeschäft. „Und dann noch der ganze Papierkram für Brüssel!“, stöhnte er. Ohne Technik sei das gar nicht mehr zu schaffen, fügte er entschuldigend hinzu und wies auf seinen Laptop.
Das kannten wir schon. Das Ding hasste er wie die Pest. Er hielt es für unter seiner Würde, mit „so neumod’schem Kram“ durch die Gegend zu ziehen. Er versuchte, aus der Not eine Tugend zu machen. Seine WLAN-Antenne hatte er einfach verlängert, so dass sie auf den ersten Blick als Rute durchgehen konnte. Und der Stress der letzten Jahre hatte seinen runden Bauch gehörig schrumpfen lassen. So konnte er einen Rucksack vorne umschnallen und darin den Laptop verstauen, ohne dass es allzu sehr auffiel.
Ich füllte sein inzwischen geleertes Glas nach. Er nickte mir dankend zu und erzählte uns wehmütig von seiner Tour im vergangenen Jahr. Damals musste er einen Kollegen in Afrika vertreten. Erst hatte er Bedenken wegen der Wärme dort und der fehlenden typischen Weihnachtsstimmung. Und dann die vielen fremden Menschen. Aber er kam richtig glücklich wieder zurück. Mit leuchtenden Augen berichtete er uns, wie begeistert die Leute dort zum Beispiel von ihrem ersten Handy waren.
„Aber das ist ja auch kein Wunder!“, dozierte er. „Für einen afrikanischen Bauern, der damit die aktuellen Reispreise abfragen kann, hat auch das einfachste Gerät zigmal mehr Nutzen als für euch das x-te Handy mit ein paar weiteren zweifelhaften Funktionen.“ Er begann sich zu ereifern: „Wer schon zwanzig Paar Schuhe hat, wird sich beim einundzwanzigsten eher um zunehmenden Platzmangel kümmern müssen, als lange in Freude über den Neuerwerb zu schwelgen.“ Ich seufzte und dachte an den Stapel nie getragener Socken in meinem Schrank, der mir immer wieder in die Quere kam.
„Eigentlich dürfte ich das in meiner Position gar nicht laut sagen“, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, um gleich darauf wieder loszupoltern: „Aber ich verstehe diese Ökonomen nicht, die dem Westen ständig einreden wollen, die Seligkeit liege in der ständigen Steigerung des Konsums! Dabei lernt ja schon ein Volkswirtschaftsstudent in seinen ersten Semestern, dass immer mehr von einer Sache dem Menschen immer weniger Nutzen und damit immer weniger Befriedigung bringt.“
Plötzlich bedauerte ich es, mir im letzten Jahr nicht Ersatz für meine defekte Videokamera gewünscht zu haben. Ein Nikolaus, der in meiner Küche ökonomische Lektionen hält, hätte sicher allerbeste Chancen auf einen Spitzenplatz bei YouTube...
Der Alte war tatsächlich nicht mehr zu bremsen. „Und überhaupt“, dröhnte er, die Amis haben ja schon den Konsum auf 70 % ihrer Wirtschaftsleistung hoch geprügelt. Davon ist das meiste auf Pump finanziert. Wird denn diesen ‚Konsum-Propheten‘ nicht mal in der Wirtschaftskrise klar, wie wenig belastbar so ein Kartenhaus ist?“
„Na gut“, warf ich ein, „aber wenn die Amis nicht mehr so viel konsumieren, geht’s der Wirtschaft erst recht schlecht.“ Aber das ließ der Nikolaus nicht gelten. „Ja, klar“, wischte er diesen Einwand vom Tisch, „weil diese ganze Konsumfixiertheit eben nur kurzfristige Effekte bringt. Jede gute Hausfrau weiß, dass es immer unvorhergesehene Dinge geben kann. Also ist man gut beraten, nicht all sein Geld jeden Monat auf Teufel-komm-raus auf den Kopp zu kloppen. Schon gar nicht kann man dauerhaft über seine Verhältnisse leben. Entweder man spart vorher oder hinterher, wenn man sich mal was außer der Reihe leisten will. Das ist in der Volkswirtschaft nicht anders!“
„So eine Hausfrau kann natürlich immer noch ihren Göttergatten antreiben, mehr Geld zu verdienen. Oder selbst einen Job übernehmen“, sagte ich mit einem kurzen Seitenblick auf meine Frau.
„Ja, mehr arbeiten ist natürlich die einfachste Variante, um sich mehr leisten zu können“, bestätigte der Nikolaus, „siehe China. Womit übrigens auch die gerne verbreitete Mär widerlegt wäre, dass Arbeitszeitverkürzung zu mehr Wachstum führt. Dadurch wird auch nur wieder der Kuchen anders verteilt.“
„Na, das ist ja ein starkes Stück!“, fuhr meine Frau den Alten an. „Erzähl das mal den vielen Kurzarbeitern und Hartz-IV-Empfängern.“ „Tja, das ist natürlich besonders bitter: Deine Firma hat Produkte, die nicht gefragt sind, die Politik fördert alte Branchen und der Arbeitsmarkt manövriert dich ausbildungsmäßig in die Sachgasse.“ „Aber“, fügte er nach kurzem Blick auf ihre frisch gestylten Haare verschmitzt hinzu, „es gibt offenbar immer noch genug Produkte und Dienstleistungen, die die Leute kaufen – zum Beispiel weil sie dadurch hübscher aussehen.“
Meine Frau strahlte und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich hatte ihre neue Adventsfrisur wohl nicht ausgiebig genug gewürdigt. Ein wenig verstimmt über den flirtenden Nikolaus schob ich die Whiskyflasche etwas von ihm weg.
„Aber wie dem auch sei“, fuhr der Nikolaus fort (und jetzt wurde sein Tonfall oberlehrerhaft), „auf jeden Fall bringt mehr Arbeit einer Wirtschaft auch mehr Wachstum. Und wenn die Arbeitsleistung nicht erhöht werden kann, dann muss die Produktivität gesteigert werden. Und dabei muss gerade der Westen zusehen, dass er technologisch führend bleibt. Denn reich sparen kann man sich auch nicht.“
„Na ja“, sagte ich und stand auf, um die Diskussion zu beenden. „Aber zurzeit führen die neuen Produktivitätsfortschritte nur dazu, dass am Ende immer weniger Menschen arbeiten. Dann kommt der Konsum auch wieder nicht in die Gänge.“ „‘s is‘ leider so“, bestätigte der Nikolaus betrübt mit schwerer Zunge. „Und das Einzige, was der Politik dazu einfällt, ist eine Weihnachtsgeschenke-Ankurbelungs-Initiative“, ergänzte er bitter und knallte seinen ungeliebten Laptop zu.
Inzwischen war unsere Tochter wieder hereingekommen, wahrscheinlich weil sie nachschauen wollte, warum es noch kein Abendbrot gibt. Sie hatte die letzten Sätze wohl gehört und mischte sich mit der typischen Überheblichkeit des altklugen Teenagers in unser Gespräch.
„Ihr mit eurem Gefasel von mehr Konsum. In der Schule reden wir gerade über den Aufschwung in den Schwellenländern. Wenn die zwei Milliarden Menschen in China und Indien auch alle zwei Autos und drei Fernseher haben wollen, dann ist hier sowieso der Ofen aus. Dafür gibt’s doch gar nicht genug Rohstoffe oder nur zu Mondpreisen! Vom Klima gar nicht zu reden.“
„Siehst du“, sagte der Nikolaus, „deine Tochter hat’s begriffen. Wer den Konsum für die langfristige Lösung unserer Probleme hält, glaubt auch an den Weihnachtsmann!“ Der Alkohol tat sichtbar seine Wirkung bei ihm.
„Dann steht dein Job aber auch auf der Kippe, mein Freund“, sagte ich verdrossen. „Nö“, meinte der Nikolaus fröhlich, „ich bin seit 500 Jahren im Geschäft. Irgendwas geht immer: Äpfel, Nüsse, selbstgestrickte Socken. Und wenn’s ganz hart kommt, kann ich immer noch ein kleines bisschen Freude schenken.“
„Wenn ich’s recht bedenke“, fügte er noch nachdenklich hinzu, „war das nicht die schlechteste Zeit damals.“
Sprach’s, nahm noch einen letzten tiefen Schluck aus der Pulle, stopfte sich seinen Laptop in den Hosenbund und mit einem schallenden „Fröhliche Weihnachten allerseits!“ schwankte er hinaus in die Dunkelheit.
Ach ja – wir haben übrigens unsere Teilnahme an diesem Weihnachtsmann-Projekt beendet. Wenn Sie also den Nikolaus in den nächsten Wochen treffen und Lust auf seinen persönlichen Geschenkberatungsservice haben, dann fragen Sie ihn doch, ob der Platz noch frei ist. (Aber Achtung, immer genug Whisky parat haben!)
Meine Frau und ich haben übrigens beschlossen, uns ab jetzt wieder jeden Tag ein Lächeln zu schenken. Da haben wir das ganze Jahr was davon.
Wenn das mit den Nikolausbesuchen bei Ihnen nicht klappen sollte, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie in der Adventszeit genug Besinnung finden, um sich für Ihre Lieben eigene tolle Geschenke auszudenken.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert