Zu gierig nach unten und warum sich niedrige Zinsen auch deflationaer auswirken koennen

 
 
Zu gierig nach unten und warum sich niedrige Zinsen auch deflationär auswirken können
von Jochen Steffens
 
Es ist eine seltsame Stimmung am Markt. Viele haben den Anstieg im DAX nicht mitgemacht und stehen unter Performancedruck, dabei sind solche Bärenmarktrallys immer äußerst schwer zu packen. Mein Kollege Daniel Wilhelmi hat es perfekt formuliert: In solchen Phasen neigt man dazu, zu gierig nach unten zu sein. Das bedeutet, man sieht, dass Aktien ein Aufwärtspotenzial haben, will sie aber noch billiger bekommen oder in einer Konsolidierung zu guten Kursen. Doch der Markt rennt einfach vorher los und die Konsolidierungen bleiben aus.
 
Auf der anderen Seite kann der Markt jederzeit die Rally beenden und höchst dynamisch nach unten laufen. Das sehen wir heute. Der DAX stürzte urplötzlich um über 180 Punkte ab. Ich hatte in den letzten Tagen geschrieben, dass sich Umkehrsignale zeigen. Aber der DAX hat heute zunächst einmal das gestrige Umkehrsignal nach oben aufgelöst und mit einem neuen Hoch bei 4.980 Punkten die 5.000-Punkte-Marke testen wollen. Das Überwinden des gestrigen Tageshochs war eigentlich ein bullishes Zeichen, doch es gibt noch eine andere Betrachtung:
 
 

Wenn die Kerzen anfangen, lange Dochte nach oben auszubilden, muss man immer vorsichtig werden. Häufig ist das ein Warnsignal dafür, dass zumindest ein kleinere, wenn nicht sogar große Konsolidierung folgt. Im Moment kann es gut sein, dass wir lediglich den Test an das letzte Hoch bei 4.675 Punkten sehen. Das muss abgewartet werden. Wenn anschließend die Kurse in den Bereich der 5.200 Punkte laufen und dort wieder einbrechen, wird das Szenario einer längeren Fluktuation um die 5.000-Punkte-Marke extrem wahrscheinlich (siehe Steffens Daily vom Montag).
 
EZB senkt Zinsen
 
Etwas zur Verunsicherung beigetragen hat die EZB. Sie hat zwar, wie erwartet, ihren Hauptrefinanzierungssatz um 25 Basispunkte auf ein Prozent gesenkt. Interessanterweise hat sie aber den Spitzenrefinanzierungssatz nicht wie erwartet um 25 Basispunkte, sondern um 50 Basispunkte gesenkt. Damit signalisierte die EZB, dass sie noch keine nachhaltige Erholung in der europäischen Wirtschaft erkennt, sondern davon ausgeht, dass noch weitere Maßnahmen notwendig werden. Zudem wurde bekannt, dass sie weitere Zinsschritte entgegen ihren bisherigen Aussagen nicht mehr unbedingt ausschließen kann. Ebenfalls schloss sie die Möglichkeit nicht mehr aus, selbst in Euro emittierte besicherte Anleihen aufzukaufen.
 
Gleichmütige Uneinigkeit

Dabei sollen sich nach informierten Kreisen die EZB-Ratsmitglieder uneins wie nie zuvor gewesen sein, ob es eine Deflation geben wird. Diese Diskussion ist also nicht nur unter den Börsenkolumnisten entbrannt, sondern offenbar auch unter den Entscheidungsträgern bei der EZB.
 
Ich bleibe dabei, noch kann man nicht erkennen, ob es zu einer Deflation wie in Japan kommen wird, die durch eine Geldmengenausweitung nicht zu bekämpfen ist, oder ob es zu einer Inflation oder zu einer Inflation nur in bestimmten Bereichen (z.B. im Aktienmarkt) kommen wird. Es wird darauf ankommen, wie die Notenbanken reagieren, wie schnell sich die US-Wirtschaft und besonders der US-Immobilienmarkt erholen können.
 
Ein selten kommuniziertes Problem
 
Es gibt übrigens ein weiteres deflationär wirkendes Problem bei diesen niedrigen Zinsen, das selten genauer beschrieben wird. Wenn die Zinsen Richtung Null sinken, dann erwirtschaftet Vermögen keine Rendite mehr. Die Sparbücher, Tagesgeldkonten, Festgelder, etc, sprich das überwiegende Geldvermögen der Bürger (besonders in Deutschland) wirft keine Rendite mehr ab. Es wächst also nicht mehr. Und eben dieses Zinswachstum des Geldes wirkt sich normalerweise zusätzlich leicht inflationär aus. Zudem wird ein Teil des Zinsertrages normalerweise in den Konsum gesteckt, was wiederum die Nachfrage erhöht und sich damit preistreibend auswirkt.

Diese beiden Faktoren fallen bei einer Nullzinspolitik quasi weg und verstärken damit den sich selbst erhaltenden deflationären Effekt.
 
Cash ist fesh
 
Hinzu kommt, dass in einer Deflation Cash eine der wenigen vernünftigen Investitionen ist. Um das zu verstehen, muss man einfach bei der volkswirtschaftlichen Definition von Deflation den Fokus umkehren.
 
Volkswirte definieren Deflation als: „den volkswirtschaftlichen Zustand eines allgemeinen und anhaltenden Rückgangs des Preisniveaus von Waren, Dienstleistungen und Vermögenswerten.“ Kurz: Alles wird billiger
Hier ist die Definition auf den Preisrückgang ausgerichtet. Stellt man die Vermögenswerte (Aktien, etc.) in den Fokus, ergibt sich folgende für den Anleger viel besser verständliche Definition:
 
Die anlegerfreundliche Definition
 
Deflation ist der WERTVERLUST von Waren, Dienstleistungen und anderen Vermögenswerten im Vergleich zum Geld.
 
Kurz, quasi alles (Aktien, Immobilien, Rohstoffe) verliert im Vergleich zum Geld an Wert. Sprich Cash  ist fesch (bzw. Geld bei niedrigen Zinsen anzulegen ist eine gute Investition). Andere Investitionen und Spekulationen lohnen sich nicht. Das hat Folgen, denn auch das Geld, das ansonsten in Aktien, Immobilien, etc. investiert wird, steht damit dem wirtschaftlichen Kreislauf nicht mehr zur Verfügung.  Das verringert die Umlaufgeschwindigkeit, und eine sinkende Geldumlaufgeschwindigkeit wirkt sich wieder deutlich deflationär aus.

Unter anderem auch aus diesen genannten Gründen kann eine Nullzinspolitik zu einem Bumerang werden und eine Deflation sogar noch unterstützen. Das ist zum Beispiel einer der Faktoren, die Japan in der Deflation halten. Wie gesagt, diese Zusammenhänge werden gerne vergessen. Ich hoffe also, die EZB kommt nicht auf die Idee, die Zinsen nocweiter zu senken - das wäre ein wirklich schlechtes Zeichen. Wird dieses niedrige Niveau zu lange gehalten, kann es zudem kritisch werden.
 
Viele Grüße
 
Jochen Steffens
 
PS: Die US-Regierung will nach Börsenschluss in den USA die Ergebnisse des Stress-Tests bekanntgeben. Zuvor sind aber schon wesentlichen Informationen durchgesickert: Danach brauchen etwa die Hälfte der getesten 19 US-Großbanken frisches Kapital. Finanzminister Timothy Geithner betonte jedoch, dass keinem der Banke der Konkurs droht.

US-Konjunkturdaten 
von Jochen Steffens
 
Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sind um 34.000 auf 601.000 zurückgegangen. Analysten hatten dagegen mit einem Anstieg um 4.000 gerechnet. Der Wert für den gleitenden Vierwochendurchschnitt sank damit auf 623.500.

Mittlerweile sieht man, dass der anhaltende Anstieg bis zum Februar 2009 gestoppt wurde und die Erstanträge nachhaltiger zurückgehen. Trotzdem sind die Werte noch viel zu hoch.
 
Wirklich spannend werden die US-Arbeitsmarktdaten, die morgen gegen 14:30 Uhr veröffentlicht werden. Analysten gehen davon aus, dass es zu einem Rückgang von 610 000 Stellen kommen wird.
 
Die Produktivität außerhalb der Landwirtschaft ist im ersten Quartal dieses Jahres annualisiert um 0,8% gegenüber dem Vorquartal angestiegen. Analysten hatten lediglich mit einem Anstieg von 0,3 % gerechnet, nach einem Rückgang um 0,6 % im vierte Quartal 2008.

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