China bleibt trotz Rekorden kritisch

China bleibt trotz Rekorden kritisch
von Jochen Steffens
 
Es ist eine spannende Meldung: Im Januar 2009 hat China die USA als größtem Automarkt abgelöst. So wurden in China 790.000 Kraftwagen verkauft, in den USA hingegen lediglich 657.000 (Quelle: China Daily und GM-Experten).
Es scheint zunächst ein weiteres Beispiel dafür zu sein, dass China auf der Leiter zur neuen Weltmacht weitere Sprossen nach oben steigt. Doch es ist auf der anderen Seite mehr noch ein Beispiel für die Auswirkungen der aktuellen Krise auf die US-Automobilindustrie. Das letzte Mal, dass in den USA so wenig Kraftwagen wie in diesem Januar verkauft wurden, war vor 26 Jahren!
 
China auch auf Jahressicht vorne
 
Experten schätzen, dass im Gesamtjahr 2009 in China insgesamt 10,7 Millionen und in den USA 9,8 Millionen Kraftfahrzeuge verkauft werden. Damit hätte China die USA auch auf Jahressicht vom Platz 1 der Autoverkäufe verdrängt.
Als Grund für den Absatzanstieg 2009 in China wird eine Senkung der Verkaufssteuer für Kleinwagen unter 1,6 Liter von zuvor 10 % auf nunmehr 5 %  angegeben, die am 20. Januar 2009 in Kraft trat. Zudem wird der Absatz durch einen chinesischen Sonderfonds in Höhe von 730 Millionen Dollar begünstigt, der für die Erneuerung des Landmaschinenparks bestimmt ist.
 
China könnte zudem Exportweltmeister werden
 
Auch ein anderer Titel könnte durch die aktuelle Krise in Gefahr geraten. So vermutet Axel Nitschke, Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), dass Deutschland 2009 den Titel Exportweltmeister an China abgeben muss. Hintergrund sei, dass die bisherigen Prognosen nach unten revidiert werden müssten. Seit nunmehr 6 Jahren streitet sich Deutschland mit China um diesen Titel, konnte diesen aber bisher jedes Mal verteidigen. Nitschke hofft jedoch, dass sich die deutschen Exporteure diesen Titel bald zurückerobern werden.
 
Chinesische Wirtschaft in der Krise
 
So positiv sich diese Nachrichten auch anhören, China hat gleichzeitig mehr Probleme, als man nach diesen Nachrichten denken könnte. Am eindrucksvollsten werden diese, wenn man sich den Chart anschaut, hier am Beispiel des ShangHai A:  
 
 
Die chinesischen Indizes sind nach den Hochs im Jahr 2007 massiv eingebrochen. Solche  Kursrückgänge gehen grundsätzlich mit einem dramatischen Rückgang des  Wirtschaftswachstums einher. So ging Chinas Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2008 um 6,8 % zurück. Das führte dazu, dass die Wirtschaft auch im Gesamtjahr lediglich um 9 % gewachsen ist, und damit so schwach wie seit sieben Jahren nicht mehr.
Aktuell startet nach diesem Einbruch eine kleine Rally, so dass die Frage berechtigt ist, ob die chinesischen Indizes nun ihre Erfolgsstory wieder aufnehmen.
 
Weltwirtschaftskrise und deren Folge
 
Das Problem ist, dass die Folgen einer Weltwirtschaftskrise für China weitaus dramatischer werden können, als für westliche Industrieländer:
 
Nach offiziellen Angaben sollen in China im Zuge der Krise bereits jetzt rund 20 Millionen Wanderarbeiter ihren Job verloren haben. Das sind rund 15 % der offiziell 130 Millionen Wanderarbeiter. Es gibt auch andere, inoffizielle Zahlen: Nach diesen existieren in China um die 300 Millionen Wanderarbeiter. Es kann also gut sein, dass bereits 45 – 60 Millionen chinesische Wanderarbeiter ohne Job sind – Tendenz steigend. Das birgt natürlich enormen sozialen Sprengstoff. Es gibt in China kein ausgereiftes soziales System, das arbeitslose Wanderarbeiter auffängt. Hunger war in der Geschichte immer wieder Ursache für Unruhen und Umstürze.
 
Militär wird auf Linie gebracht
 
Kein Wunder also, dass China mittlerweile sein Militär auf Linie bringt. So wurde bei einem Treffen der zentralen Militärkommission unter Leitung von Präsident Hu Jintao unlängst gefordert, das Militär zum absoluten Gehorsam gegenüber der Kommunistischen Partei zu verpflichten.
 
Da man sowieso davon ausgeht, dass das Militär in China der Partei absolut gehorsam  ist, muss man diese Forderung als Hinweis auf die große Sorge der chinesischen Regierung vor Unruhen und Umstürzen werten, die schlechtesten Falls sogar auf das Militär übergreifen könnten. Besonders besagte Wanderarbeiter aber auch Studenten, die unzufrieden mit ihren Zukunftsaussichten sind, gelten dabei als potentielle Unruhestifter. Man geht zurzeit davon aus, dass 7 Millionen Jungakademiker in China auf Jobsuche sind. Auch das ist ein gefährliches Potenzial.
 
Militärausgaben werden weiter erhöht
 
Um den wachsenden Problemen im eigenen Land Herr zu werden, erhöht die chinesische Regierung unter anderem ihre Militärausgaben. So soll der Militärhaushalt nach offiziellen Angaben 2008 um 17 % auf 61 Mrd. US-Dollar angestiegen sein. Nach inoffiziellen Schätzungen sollen die Militärausgaben sogar weitaus höher liegen. Das macht Sinn, wenn man sich anschaut, dass es 2006 (neuere offizielle Zahlen liegen mir zurzeit nicht vor) nach offiziellen Angaben über 80.000 Verstöße gegen die öffentliche Ordnung gegeben hat. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Für das Jahr 2009 werden nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua noch mehr Konflikte und Zusammenstöße als in den letzten Jahren erwartet, die zu einer größeren Herausforderung für die Regierung und offizielle Stellen werden könnten.
 
Existenzielle Bedrohung
 
Fasst man diese Informationen zusammen, wird deutlich, dass für China eine Weltwirtschaftskrise zur existenziellen Bedrohung werden kann. Es wird davon abhängen, wie lange die weltweite Rezession anhalten wird. China wird zunächst wie auch die westlichen Industrieländer alles tun, um durch Konjunkturprogramme und andere Maßnahmen die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln. Es geht darum, Massenarbeitslosigkeit und damit soziale Unruhen zu verhindern.
 
Da die chinesische Regierung dazu bisher keine Schulden machen muss, hat sie gegenüber den westlichen Industrieländern zunächst einen entscheidenden Vorteil. Dieser könnte jedoch schnell wieder durch andere Faktoren aufgezehrt werden:
 
Militärstaat frisst Wirtschaft
 
Nehmen wir an, die chinesische Regierung weitet die Militärausgaben aus Sorge um den inneren Frieden massiv aus. Dann kann es zu einem sich selbsterhaltenden Prozess kommen: Auf der einen Seite fehlen Gelder, die das Militär verschlingt, um infrastrukturelle und andere die Wirtschaft fördernde Maßnahmen zu finanzieren. Auf der anderen Seite kann eine extreme Ausweitung der Militär- und Polizeipräsenz zu einem Anstieg der Repressalien führen, die ein gesundes Wirtschaftswachstum abwürgt. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und irgendwann entlädt sich die Situation in Form von stärkeren Unruhen, die wahrscheinlich zunächst die weit entfernten Provinzen heimsuchen und dann unter Umständen auch auf das Kern- und Küstenland Chinas übergreifen könnten. Das ist, wie gesagt, nur eine theoretische Möglichkeit.
 
Ohne die USA wird es schwer
 
Wahrscheinlicher ist ein anderes Szenario: Konjunkturelle Maßnahmen haben meistens nur einen kurzfristigen Effekt. Ohne ein Wirtschaftswachstum in den USA als Lokomotive der Weltwirtschaft wird auch in China trotz aller Konjunkturprogramme kein nachhaltiges Wachstum stattfinden. Das bedeutet, dass der Vorteil Chinas, Konjunkturprogramme ohne Verschuldung starten zu können, quasi daran scheitert, dass die USA diesen Vorteil nicht hat. Eigentlich müsste China also die US-Wirtschaft direkt subventionieren. Das ist natürlich absurd. Aber keine Frage, China wird weiterhin brav US-Staatsanleihen erwerben, um einen völligen Zusammenbruch der USA zu verhindern, der direkt auch zu einem Zusammenbruch des eigenen Wirtschaftswachstums oder sogar der Gesamtwirtschaft führen würde. 
 
Für uns als Anleger
 
Für uns als Anleger stellt sich demnach auch bei Investitionen in China die Frage: Kommt es zu einer langanhaltenden Weltrezession oder schaffen es die USA wieder zu einem akzeptablen Wirtschaftswachstum zu finden. Wenn Sie diese Frage lösen, wissen Sie, ob die kleine Rallye, die wir aktuell in den chinesischen Indizes sehen, nur ein Strohfeuer oder der Anfang eines längeren Aufwärtstrends wird. Damit fällt aber China als Diversifikation zu den anderen Indizes meines Erachtens weg. Der einzige Unterschied wird sein, dass die chinesischen Indizes um ein Vielfaches stärker reagieren werden, als die anderen Indizes – allerdings wahrscheinlich in beide Richtungen.
 
Ob sich demnach längerfristige Investitionen in China aufgrund des höheren Risikos wirklich lohnen, muss angesichts der aktuellen Situation in Frage gestellt werden. Sollte sich jedoch ein verlässlicher Boden in den weltweiten Indizes abzeichnen und die wirtschaftlichen Indikatoren eine Erholung anzeigen, kann man China wieder durchaus beimischen.

Viele Grüße

Jochen Steffens 

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