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Dräger: Kunde droht mit neuem Auftrag

Ausgabe vom 17.03.2020 von Torsten Ewert

von Torsten Ewert

Für Börsianer gibt es nur wenige gute Nachrichten in diesen Tagen. Eine kommt aus der Hansestadt Lübeck: Das dort ansässige Medizintechnikunternehmen Dräger erhält von der Bundesregierung einen Auftrag über 10.000 Beatmungsgeräte.

Der Aktienkurs, der sich zuvor schon sehr robust hielt, verdoppelte sich daraufhin fast in den vergangenen zwei Handelstagen. Die Euphorie hielt aber nicht lange an – denn die Probleme für Dräger beginnen jetzt erst.

Corona-Krise beschert Dräger Großauftrag

Dräger ist ein Medizintechnikunternehmen, das Produkte für Krankenhäuser, Feuerwehren, die Öl-, Gas- und Bergbauindustrie sowie für andere industrielle Bereiche herstellt. Zu den wichtigsten Produkten gehören Schutz- und Atemmasken sowie Beatmungsgeräte für die Medizin.

Für die Bekämpfung der neuen Viruskrankheit COVID-19 soll Dräger nun im Auftrag der deutschen Bundesregierung 10.000 Beatmungsgeräte liefern. Diese werden benötigt, um die Beschwerden der schwer an COVID-19 erkrankten Patienten zu behandeln.

Die Behandlung erfolgt in der Regel auf Intensivstationen, für die normalerweise 0,8 Beatmungsgeräte pro Intensivbett vorgesehen sind. Da Experten die Zahl der in Deutschland vorhandenen 28.000 Betten auf den Intensivstationen für zu gering halten, wenn die Krankheit massenhaft ausbrechen sollte, will die Regierung die Bettenzahl möglichst rasch erhöhen. Dafür sind neue Beatmungsgeräte zwingend nötig.

Jetzt fangen die Probleme erst an!

Für Dräger ist der Auftrag über diese 10.000 Geräte der größte Einzelauftrag seiner bis 1889 zurückreichenden Firmengeschichte. Das Auftragsvolumen wird von Branchenkennern auf rund 200 Mio. Euro geschätzt. Das wären rund 7,2 % des von Dräger für 2019 ausgewiesenen Umsatzes – ein Großauftrag im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch für Dräger geht es dabei nicht nur ums Geld, sondern vor allem um die Kapazitäten. Der Auftrag übersteigt die übliche Jahresproduktion dieser Geräte bei Weitem. Medizintechnikprodukte halten gewöhnlich Jahre oder gar Jahrzehnte. Der Bedarf an Geräten für Austausch oder Neuanschaffung ist entsprechend gering. Die Produktion erfolgt daher noch weitgehend in Handarbeit. Es gibt also kein Band, bei dem man einfach die Taktzahl erhöhen oder ein zweites daneben stellen kann. Und neue Mitarbeiter für die Fertigung müssten erst angelernt werden.

Das alles ist aber noch nichts gegen die Probleme, welche die Beschaffung der notwendigen Teile bereiten dürfte. Mehr als die Hälfte davon kommt von Zulieferern, die ebenfalls nicht für derartige Stückzahlen gerüstet sind.

Hoffentlich macht Corona keinen Strich durch die Rechnung

Verschärft wird das alles durch die Corona-Krise selbst, die mit den Geräten ja bekämpft werden soll. Sie führt zu Unterbrechungen von womöglich zu verzweigten Lieferketten oder zu personellen Ausfällen in den verschiedenen Stufen der Produktion. Am fatalsten wäre nun, wenn Dräger-Angestellte direkt Opfer des Coronavirus werden sollten.

Und selbst, wenn all diese Schwierigkeiten gemeistert werden, drohen am Ende zwei weitere Probleme: Beatmungsgeräte unterliegen strengen Vorschriften und müssen daher aufwändig getestet werden. Das übernehmen normalerweise spezielle Prüfstände – über die Dräger aber bisher auch nicht in der nun notwendigen Anzahl verfügt.

Und bevor die Geräte schließlich in den Krankenhäusern zum Einsatz kommen können, müssen sie vor Ort von Medizinern eingestellt werden. In der Regel machen das die Anästhesisten. Bei einer Epidemie dürften diese aber ebenfalls knapp sein.

Warum Dräger in jedem Fall gewinnen sollte

Für Dräger und das deutsche Gesundheitswesen ist die Abwicklung dieses Auftrags daher eine ziemliche Herausforderung. Das haben auch die Anleger auch gemerkt - und ihre Euphorie schnell wieder gezügelt:

Dräger - Tageschart Seit August 2019

Knapp 51 % Kursgewinn verbleiben aber trotzdem. Und die Luft in der Nähe der runden 100€-Marke haben die Bullen immerhin auch schon mal geschnuppert. Und wer weiß: Wenn Dräger diesen Auftrag erfolgreich durchzieht, profitiert nicht nur die Bilanz, sondern auch das Unternehmen selbst.

Das Knowhow, das ein solches Projekt ins Unternehmen trägt, dürfte jedenfalls unbezahlbar sein. Davon sollte Dräger auch später Vorteile haben – vor allem gegenüber Konkurrenten, die eine solche Gelegenheit nicht haben.

Solidaritätsaktion aus China?

Übrigens, die Beatmungsgeräte sind, wie gesagt, nur ein Teil eines intensivmedizinischen Krankenhausplatzes. Die Hersteller der anderen Geräte und Systeme für die offenbar geplanten mindestens 10.000 Plätze dürften sich ähnlichen Probleme wie Dräger gegenübersehen.

Vielleicht erleben wir daher demnächst einen chinesischen Solidaritätseinsatz im deutschen Gesundheitswesen. Schließlich hat China in der Corona-Krise innerhalb weniger Tage ganze Krankenhäuser aus dem Boden gestampft.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Über den Autor: Torsten Ewert ist Chefredakteur der Börsenbriefe Geldanlage-Brief und Aktien-Perlen.

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