In dieser Ausgabe von Börse - Intern lesen Sie: Überzeugungen sind an den Börsen ruinös ...
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Der Anstieg des DAX in den vergangenen Wochen hat sehr viele Anleger kalt erwischt. Viele waren noch im Bären-Modus und hatten gar keine Chance einzusteigen. Aber selbst die bullish ausgerichteten Anleger haben sich mit diesem dynamischen Anstieg schwer getan. Es ging einfach zu schnell.

Seltsam ungelenke Kommentare

Wenn Sie zurzeit Marktkommentare lesen, werden Sie bemerken, wie überrascht viele, besonders bearish orientierte Schreiber sind (wobei ja trotz dieses Anstiegs noch nichts entschieden ist). Und so werden Erklärungsversuche konstruiert, welche die eigene, zuvor selbstbewusst vorgetragene Meinung noch irgendwie retten kann. Frei nach dem Motto: Man hat zwar die falsche Prognose gewählt, liegt aber in der Sache (bearish) nach wie vor richtig. Andere versuchen den Anstieg als kleine Zwischenrally abzutun. Wieder andere suchen stumpf weitere Signale, die einen Einstieg auf der Short-Seite begründen können.

Es geht aber hier nicht um die Frage, ob man richtig oder falsch gelegen hat. An den Börsen liegt jeder irgendwann einmal richtig oder falsch. Interessanter ist, wie mühsam hier Überzeugungen „am Leben erhalten“ werden sollen. Geht es darum, sich nicht einzugestehen, dass man falsch gelegen hat? Schließlich tut das niemand gerne. Aber auch diese Frage führt in die falsche Richtung.

Der Kern des Problems

Der eigentliche Fehler ist es, überhaupt eine Überzeugung an der Börse zu haben. Nur wenn ich eine Überzeugung habe, muss ich diese verteidigen. Und zwar immer dann, wenn die Realität nicht mit der eigenen Überzeugung übereinstimmt. Und wenn man erst einmal anfängt, Überzeugungen zu verteidigen, schnappt die Falle zu.

Anstatt sich irgendwann einfach einzugestehen, dass die Überzeugung falsch war, wird alles getan, um diese irgendwie noch mit der Realität in Einklang zu bringen. Und mit „alles“ meine ich wirklich alles. Mit großer Mühe werden Begründungen, Hinweise, andere Überzeugungstäter, welche die gleiche Meinung haben, und so weiter gesucht, um an seiner Überzeugung festhalten zu können.

Und dann wird es meist traurig. Denn irgendwann steckt so viel Energie in dem System, dass es fast unmöglich ist, damit aufzuhören. (Bsp. Dauerbären/Permabullen). Stellen Sie sich vor, der Dauerbär wird auf einmal bullisch und der Markt bricht zusammen. Das ist für ihn der GAU. Doch als Anleger geht es nicht darum, eine Überzeugung zu festigen oder Recht zu haben, sondern darum, Geld zu verdienen. Und das ist schon schwer genug. Also sollte man doch darauf all seine Energie verwenden, statt irgendwelche Überzeugungen aufrecht zu erhalten.  

Die Lösung

Und so ist die Lösung nicht nur sehr einfach, sondern auch logisch: An den Börsen darf man einfach keine Überzeugung entwickeln – dann braucht man diese auch nicht zu verteidigen und gerät gar nicht erst in diese oft ruinöse Falle. Kurz: Sie sollten unter keinen Umständen eine Meinung haben, wohin die Märkte gehen. Oder wenn, dann sollten Sie bereit sein, diese in Sekunden wieder zu ändern, wenn der Markt Ihnen das Gegenteil beweist.

Und das ist genau das, was ich hier im Steffens Daily tue. Ich schreibe von den Wahrscheinlichkeiten, in dem Wissen, dass es bei der Wahrscheinlichkeit immer um ein Austarieren von mehreren Möglichkeiten geht. Und dann wird klar, dass in der jeweiligen aktuellen Situation immer alles möglich ist. Schließlich kann selbst bei einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent in einem von 1000 Fällen genau das Gegenteil von dem passieren, was so wahrscheinlich scheint.  

Die Reaktion der Leser

Aber natürlich ist es nicht einfach, in diesem großen Wust von Nachrichten, starken Meinungen und Kommentaren zum Thema Börse einer der wenigen zu sein, der einfach behauptet: Ich habe keine Meinung, ich handle nur Wahrscheinlichkeiten. Schließlich suchen so viele Anleger einen Halt in diesem scheinbaren Chaos, nach einem Guru, der ihnen den Weg zeigt.  Und so erhalten ich immer mal wieder Mails (zum Glück selten), in denen mir vorgeworfen wird, dass ich keine Meinung habe, sondern nur schreibe: Wenn das passiert, dann ist das wahrscheinlicher, wenn jedoch dies geschieht, etwas anderes.

Ein vermeintlicher Fehler ist die eigentliche Kompetenz

Doch wenn man genau hinsieht, ist genau das, was mir als vermeintlicher Fehler vorgehalten wird, nichts anderes als eine Kompetenz bzw. eine Qualität, die ich mir über viele Jahre mühsam angewöhnen musste. Und denken Sie nicht, dass das einfach gewesen wäre. Um so weit zu kommen, musste ich natürlich auch erst einmal auf Überzeugungen hereinfallen und damit meine schmerzhaften Erfahrungen (Verluste) machen.

Und so ist der Vorwurf in diesen Mails leider nichts anderes als der klare Hinweis, dass dem Vorwerfenden noch ein langer, mühsamer und oft teurer Weg bevorsteht. Aber ich habe mir abgewöhnt, auf solche Mails zu reagieren. Denn diese Überzeugungen kann man nur sehr schwer ändern.

Doch hin und wieder erhalte ich auch Mails, in denen Anleger, die mir diesen „Fehler“ vorgeworfen haben, einige Zeit später schreiben: Herr Steffens, Sie hatten Recht – ich verstehe jetzt, was Sie meinen. Das wiederum freut mich sehr, denn es belegt eben, dass man selbst an den chaotischen Börsen durch Lernen letzten Endes immer wieder zu ähnlichen Erkenntnissen kommt.

Und um den Abschluss in dieser Woche rund zu machen, habe ich das Ganze noch in nette kleine Regeln unterteilt:

1. Wir wissen niemals mit Sicherheit, wohin die Börse geht. Das ist das heilige, unumstößliche Gesetz des Traders.

2. Wir können uns nur über Wahrscheinlichkeiten der Realität annähern.

3. Wenn die Realität uns zeigt, dass unsere Annahmen nicht eintreffen, muss man sofort und ohne schlechtes Gefühl seine Meinung ändern, beziehungsweise neue Analysen erstellen.

4. Wenn man merkt, dass man mit seinen Trades nicht mehr synchron zum Markt läuft, sollte man sich zurücknehmen und langsamer oder gar nicht mehr handeln, statt krampfhaft zu versuchen, den Markt zu bezwingen.

5. Und das ist das Fazit: Stellen Sie sich immer „hinter“ den Markt.

Und wenn er einem mal, so wie in der vergangenen Woche, einfach davonläuft gilt:6. Neue Chancen kommen immer wieder.

Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. Advent,

Ihr

Jochen Steffens

P.S.: Unfassbar, dass schon wieder Weihnachten vor der Türe steht, war nicht gerade eben erst Sommer?


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