Der Abwertungswettlauf

 
 
Der Abwertungswettlauf
von Jochen Steffens
 
Es wird viel über die Länder in der EU geschrieben, die zurzeit Schwierigkeiten haben. Mittlerweile hat sich sogar eine immer öfter verwendete Abkürzung gebildet: PIGS (engl. Schweine). Portugal, Italien oder Irland, Griechenland, Spanien. Oft ist zu lesen, dass die Nachrichten aus diesen Ländern den Euro erheblich belasten. Ein Grund zur Sorge?
 
Charttechnisch lässt sich eine „erhebliche“ Belastung jedoch bisher wenig erkennen:
 
 
Wir sehen hier das Euro/Dollar-Verhältnis bis 1980 zurückgerechnet. Man kann in diesen Verlauf einen Bereich einzeichnen (hier grün dargestellt) in dem sich der Euro zum Dollar die meiste Zeit aufgehalten hat. Das ist offenbar der sozusagen „faire“ Bereich. Er liegt zwischen 1,05 und 1,35 Dollar. Trotz der Krise der PIGS befinden wir uns zurzeit immer noch oberhalb dieses Bereichs.
 
Zudem kann man einen breiten Aufwärtstrendkanal erkennen (hier blau dargestellt). Auch hier befinden wir uns immer noch in der oberen Hälfte dieses Trends.
 
Selbst wenn man einen sehr steilen Aufwärtstrend einzeichnet (hier rot dargestellt), ist dieser noch intakt. Krisen sehen meines Erachtens anders aus. Aber gut, wir könnten natürlich den Anfang einer größeren Krise sehen. Doch für ein solches Szenario gibt es aus charttechnischer Sicht noch zu wenige Hinweise
 
Seitwärtsbewegung im Euro / Dollar erwartet
 
Schon am 10. Juni 2009 hatte ich in einer Kolumne geschrieben, dass ich nach dem starken Einbruch des Euros im Zusammenhang mit dem Finanzmarktcrash mit einer längeren Seitwärtsbewegung im Euro/Dollar-Verhältnis rechne. Diese Seitwärtsbewegung sollte die Kurse in den nächsten Jahren zur unteren Trendlinie des breiten Aufwärtstrends (blau) führen. Als Widerstandsmarke hatte ich explizit auch die 1,50 Dollar Marke genannt. Doch nicht nur charttechnische Faktoren sprachen für eine Seitwärtsbewegung.
 
Der Abwertungswettlauf
 
Es war davon auszugehen, dass die Staaten in und nach der Weltwirtschaftskrise alles tun würden, um ihre eigene Währung zu schwächen. Eine schwächere Währung wirkt sich positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Produkte auf dem Weltmarkt aus und unterstützt damit das eigene Wirtschaftswachstum. Wenn sowohl der Dollar als auch der Euro abwertet, wäre eine Seitwärtsbewegung die logische Folge. Nur was sollte eine Euroabwertung verursachen?
 
Gegen die Nullzinspolitik der Fed hatte die EU oder die EZB kaum eine Chance. Zudem sprachen zu viele fundamentale Gründe dafür, dass der Dollar schneller abwertet als der Euro. Vor der Euro-Krise vermutete ich noch, dass die EU versuchen werde, die Leitzinsen deutlich später als die USA anzuheben, um so die Rally des Euros zu stoppen.
 
Ein Segen, eine Krise
 
Die Frage, was den Euro belasten könnte, ist mittlerweile geklärt. In diesem Kontext stellt sich natürlich direkt die Frage, ob die Schwächung des Euro über Themen wie Griechenland und Portugal nicht absichtlich herbeigeführt wurde. Gerade am Wochenende hat diese Vermutung neuen Nährboden erhalten: Die New York Times enthüllte, dass Griechenland mit Hilfe von Goldman Sachs vor dem Beitritt in die EU seinen Haushalt aufgehübscht hat. Ohne diese offenbar erhebliche Bilanzkosmetik wäre Griechenland gar nicht erst in die EU aufgenommen worden.
 
Gängige Praxis in der EU?
 
Schlimm genug, sollte man denken. Aber Griechenland war nicht der einzige Staat, der sich solcher Tricks bedient hat. Auch andere Länder der EU haben ebenfalls ihre Schulden „frisiert“, um unter die Defizitquote der EU zu kommen. Die Regierungen in Belgien und Portugal verbrieften im Jahr 2001 Forderungen gegen säumige Steuerzahler, Italien nutzte zukünftige Lotterieeinnahmen und Hypotheken zur Verbriefung. Und Deutschland verbriefte 2004 Forderungen auf Russland-Schulden und 2006 Forderungen an Post und Telekom für künftige Beamtenpensionen.
Ein einfaches Modell. Der Staat gliedert diese Forderungen aus dem Haushalt aus und platziert sie als mit Forderungen unterlegte Anleihen (Asset Backed Securities, ABS). Diese verbucht der Staat dann nicht als Kredit. Dieses Spiel kennen wir doch so ähnlich von den Banken, die so in der Lage waren, mehr Kredite zu vergeben, als ihre Eigenkapitalquote eigentlich zugelassen hätte. Und genau das war einer der Grundlagen für den Kreditexzess, der zur Kreditkrise eskalierte.
 
Wenn aber die Staaten selbst ähnlich agierten wie die Banken, versteht man, dass die Politik nicht auf diese destruktive Praxis der Banken vorher reglementierend reagiert hat. Besonders wenn Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan selbst wiederum Staaten geholfen haben, ihren Haushalt zu frisieren. Umso interessanter ist, dass viele Politiker nach der Kreditmarktkrise lauthals gegen die Banken gewettert haben – wer im Glashaus sitzt, sollte doch eigentlich nicht mit Steinen werfen? Aber das ist ein anderes Thema.
 
Was wussten die EU-Staaten?
 
Solchen staatlichen Verbriefungen schob die europäische Statistikbehörde Eurostat bereits im Juni 2007 einen Riegel vor. Wenn mehrere EU-Staaten getrickst haben und wenn sogar Eurostat bereits im Jahr 2007 darauf reagierte, ist es dann nicht naheliegend, dass die EU auch über Tricksereien in Griechenland bereits 2007 Bescheid wusste, oder zumindest etwas geahnt hat? Zumal ich das Gerücht gehört habe, dass Griechenland nicht einmal sonderlich vorsichtig vorgegangen sein soll.
 
Wie passt das alles zusammen? Ein mögliches Szenario
 
Die EU sah sich einem steigenden Euro gegenüber, welcher der Wettbewerbsfähigkeit der EU auf dem Weltmarkt empfindlich geschadet hat und gerade den schwächeren Ländern das Leben zusätzlich erschwerte. Gleichzeitig waren andere Maßnahmen zur Unterstützung der Konjunktur, wie niedrige Zinsen und Konjunkturprogramme bereits ausgeschöpft. Das Interesse an einem schwächeren Euro, um die Wettbewerbsfähigkeit in der aktuellen Krise positiv zu beeinflussen, muss entsprechend groß gewesen sein. So gesehen könnte die Krise in Griechenland der EU also gerade Recht gekommen sein, um eine nachhaltige Rally des Euros zu unterbinden.
Das würde auch erklären, warum die EU bisher keine wirklichen Maßnahmen beschlossen hat, um Griechenland nachhaltig zu helfen. Man könnte meinen, die EU hat überhaupt kein Interesse daran, dass die Krise zu schnell vorbei geht. Das würde sich doch lediglich positiv auf den Euro auswirken.
 
Verschwörungstheorie
 
Wie hier schon geschrieben ergibt sich daraus schnell eine „verschwörerische“ Theorie. Eine, die voraussetzt, dass kluge Köpfe in der EU im geoökonomischen Kontext die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen hätten. Eigentlich kaum vorstellbar. Doch je mehr Nachrichten zu dieser Krise eintreffen, desto deutlicher wird zumindest, wie gelegen diese Krise der EU kommt.
 
Schwache Reaktion des Euros?
 
Schaut man sich dann wiederum den oben dargestellten Euro / Dollar Chart an, verwundert es also nicht mehr, dass der Euro nicht stärker unter Druck gekommen ist. Offensichtlich sehen die großen Adressen im Devisenhandel noch nicht das nötige Gefahrenpotenzial, um größere Währungsumschichtungen einzuleiten.
 
Sollte diese spitzfindige Theorie stimmen und wäre sie geplant gewesen, hätte die EU endlich gelernt, sich auf dem internationalen Parkett der Tricksereien und hintergründigen Strategien im geoökonomischen Umfeld zu behaupten. Eine Fähigkeit, die angesichts der neuen Gegner auf diesem Gebiet (z.B. China) sicherlich mehr als notwendig ist. Es wäre ein nahezu perfekter Schachzug, solange die Situation nicht außer Kontrolle gerät.

Aber vielleicht hat die EU einfach auch nur im richtigen Moment „Glück“, um eine weitere Aufwertung des Euros zu verhindern. Von Glück könnte man, wenn keine Absicht dahinter stecken würde, aus Sicht der EU natürlich nur so lange reden, wie sich aus der aktuellen Krise keine größere, die EU und den Euro nachhaltig bedrohende Krise entwickelt. Ich bin demnach gespannt, wie es weiter geht und ob weitere Nachrichten die oben genannte verschwörerische Theorie unterstützen.
 
Viele Grüße
 
Jochen Steffens

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