Helfen niedrige Zinsen der Wirtschaft?

 
 
Helfen niedrige Zinsen der Wirtschaft?
von Torsten Ewert
 
kürzlich musste sich Fed-Chef Ben Bernanke vor dem Kongress „grillen“ lassen, wie die Amerikaner sagen. Führende Senatoren würden den Professor am liebsten aus dem Amt jagen. Passend dazu hat die Fed laut Umfragen in der Bevölkerung den bisherigen Tiefpunkt ihrer Glaubwürdigkeit erreicht.
 
Es scheint also en vogue, auf der Fed herumzuprügeln.
 
Keine Kritik an der Zinspolitik der Fed!
 
Erstaunlicherweise entzündet sich aber die offizielle Kritik nicht an der eigentlichen Zinspolitik der Fed. Der Hauptvorwurf geht dahin, dass die Fed die Blasen nicht verhindert hat, die letztlich ebenfalls massiv die Wirtschaft schwächten.
 
Allerdings führen insbesondere Ökonomen und Analysten inzwischen eine muntere Diskussion darüber, wie die Fed in Sachen Leitzinserhöhungen angesichts von horrenden Staatsschulden und möglicher Inflationsgefahren vorgehen soll. Schließlich dürfe ja auch der Aufschwung nicht beeinträchtigt werden.
 
Diese Diskussion über den „richtigen“ Zins ist so alt wie die Geschichte der Zentralbanken. Doch vor allem seit den 90er Jahren gewann die Diskussion aus verschiedenen Gründen an Schärfe. Mal wird Bernanke (bzw. seinem Vorgänger Alan Greenspan) vorgeworfen, die Zinsen nicht mutig genug gesenkt zu haben, mal wird eine zu schnelle oder zu starke Anhebung kritisiert.
 
Unabhängig davon scheint jedoch Übereinstimmung darüber zu bestehen, dass möglichst niedrige Zinsen gut für die Wirtschaft sind. Doch stimmt das überhaupt?
 
Dazu der folgende Chart:
 
 
Quellen: Bureau of Economic Analysis, Federal Reserve Bank
 
Zinsen und Wirtschaft – wo ist der Zusammenhang?
 
Hier sehen Sie die Entwicklung des realen US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) als blaue Kurve (linke Skala) im Vergleich zu den US-Leitzinsen der Fed (rot; rechte Skala). Zur Vermeidung unerwünschter statistischer Effekte habe ich die Darstellung in absoluten Zahlen gewählt und nicht die sonst üblichen Wachstumsraten in Prozent.
 
Die gestrichelten Linien ab Anfang der 80er Jahre beschreiben den mittleren Verlauf beider Kurven. Das BIP ist in logarithmischer Skalierung dargestellt. In diesem Fall entspricht die Gerade einem konstanten prozentualen Anstieg pro Jahr (ca. 3,1 % seit den 80er Jahren).
 
Auffallend ist insbesondere der massive Rückgang der Zinsen seit Anfang der 80er Jahre. Nun erkennen wir in diesem Zeitraum auch einen sehr gleichförmigen Anstieg des BIP, der über einen so langen Zeitraum und bei so geringen Schwankungen auf jeden Fall einzigartig ist.
 
Doch der obige Chart beweist auch etwas anderes: Eine seit fast dreißig Jahren andauernde Zinssenkungsphase konnte das Wachstum der US-Wirtschaft gerade mal konstant halten. Wären Zinssenkungen der Turbo, für den sie immer gehalten werden, hätte das Wachstum überproportional sein müssen (die gestrichelte Linie wäre zu einer aufwärts strebenden Kurve geworden)!
 
Zudem ist bemerkenswert, dass offenbar weder „hohe“ Zinsen noch steigende Zinsen ein Hindernis für eine stark wachsende Wirtschaft sind. Die Nachkrisenjahre 1975 bis 1979 (linkes gelbes Rechteck) bescherten den USA zum Beispiel ein überproportionales Wachstum – und das bei Leitzinsen deutlich über 5 %! (Hinweis: Die Verwendung des realen BIP, d.h. zu konstanten Preisen, eliminiert die damals herrschende Inflation weitgehend.)
 
Auch der Zinsanstieg 1987 bis 1990 von 6 auf fast 10 (!) Prozent würgte die Wirtschaft keineswegs ab – auch damals stieg das BIP überproportional („Schere“ zwischen blauer Kurve und Mittelungsgerade öffnet sich; s. hellblauer Bereich)
 
Auch in jüngster Zeit finden wir dazu Beispiele: Von 1994 bis 2001 lagen die Zinsen auf „hohem“ Niveau zwischen 5 und knapp 7 Prozent. Trotzdem boomte die Wirtschaft (die blaue Kurve verläuft auch hier steiler als die Mittelgerade). Und selbst der oft beklagte dramatische Anstieg der Leitzinsen zwischen 2004 und Ende 2006 schien der US-Wirtschaft nichts anhaben zu können – das Wachstum setzte sich in dieser Zeit exakt mit der langjähren Steigerungsrate fort. Auch im folgenden Jahr 2007 – als das „hohe“ Zinsniveau Bestand hatte – ging das Wachstum nach einem kleinen Dämpfer unvermindert weiter (blaue Kurve und gestrichelte Linie verlaufen parallel).
 
Und es ist auch nicht so, dass massive Zinssenkungen immer den gewünschten Wachstumsschub bringen, wie uns die aktuelle Krise zeigt. Dabei war der jüngste Zinsrutsch mindestens genauso massiv wie der ab 2001...
 
Was die Wirtschaft antreibt
 
Natürlich bevorzugt ein Unternehmer zunächst niedrige Zinsen. Die verschaffen ihm günstiges Geld für Investitionen. Es fragt sich nur, worin investiert wird. Während des Technologiebooms der 90er Jahre wurde das Geld in echte Innovationen gesteckt. Diese erwirtschaften in der Regel einen höheren Ertrag als bloße Erweiterungsinvestitionen in bestehende Technologien. In diesem Fall kann die Wirtschaft auch ein höheres Zinsniveau verkraften.
 
In den letzten Jahren vor der Krise wurde dagegen hauptsächlich in „alte“ Technologien, wie einfachste Immobilien, ineffiziente Automobiltechnik und Billigprodukte aus Schwellenländern investiert. Das leicht verfügbare Geld vernebelte den Entscheidern den Blick, denn es ließ Projekte machbar erscheinen, die sich unter normalen Umständen (höheren Zinsen) nicht gerechnet hätten. Zu allem Überfluss schien der Boom diese Strategie auch zu bestätigen.
 
Um wie viel schwieriger wäre es für die Unternehmen gewesen, Risikokapital für echte Innovationen einzuwerben – und damit auch noch kurzfristig Rendite zu erwirtschaften!
 
Das ist auch der Grund für den unterschiedlichen Verlauf der Rezessionen 2001/2003 und 2007/2009: Obwohl die Investitionen der 90er Jahre zum Großteil im Überschwang der Interneteuphorie getätigt wurden und damit ein wesentlicher Teil davon auch unsinnig war, sind sie deswegen aber nicht komplett nutzlos. Viele Vorteile wurden erst nach und nach realisiert und bremsten so den Einbruch.
 
Dagegen haben Fabriken, in denen spritschluckende Geländewagen oder der hundertste Billig-Akkuschrauber hergestellt werden sollten, auch auf mittlere Sicht keine Perspektive. Die dort installierten Anlagen können bestenfalls teuer auf neue Produkte umgerüstet werden.
 
Der Zins-Reflex der heutigen Ökonomengeneration
 
Woher kommt dann die Fixierung der Analysten auf niedrige Zinsen? Nun, seit fast 30 Jahren haben Generationen von Ökonomen die Erfahrung gemacht, dass regelmäßige kräftige Zinssenkungen und nicht zu hohe Zinsen die Wirtschaft hübsch gleichmäßig am Laufen halten. Die technologisch-ökonomischen Hintergründe dafür wurden nicht weiter hinterfragt.
 
Zyniker behaupten deshalb, die Zinspolitik der Notenbanken hätte die Wirtschaft inzwischen auf die „Niedrigzins-Droge“ gesetzt und nun gelänge es nicht mehr, den Patienten ohne gravierende Entzugserscheinungen davon abzubringen.
 
Das ist sicher überspitzt. Andererseits wird klar, dass eine Fortführung der Niedrigzinspolitik in der bisherigen Form tatsächlich Schwierigkeiten bereiten würde. Wie die aktuelle Krise zeigt, brauchen die Notenbanken bei den Zinsen ausreichend Spielraum (nach unten), um in Sondersituationen reagieren zu können. Eine weitere allgemeine Senkung des Zinsniveaus im Tempo der letzten Jahrzehnte würde diesen Spielraum weiter einengen (wir sind ja jetzt bereits quasi bei null angelangt).
 
Und insofern haben die eingangs erwähnten Fed-Kritiker Recht: Die Fed hat nicht nur die diversen Blasen der letzten Jahre nicht verhindert. Durch die Fixierung der Notenbankpolitik auf die Verbraucherpreis-Inflation und das BIP-Wachstum wurden die Verantwortlichen offenbar auch vom Blick auf andere Bereiche der Volkswirtschaft abgelenkt.
 
Denn bei verschiedenen Vermögenswerten (Aktien, Immobilien, Krediten) kam es durchaus – nicht zuletzt auch aufgrund der niedrigen Zinsen – zu gravierenden inflationären Erscheinungen. Diese können, wie wir gesehen haben, auch die Wirtschaft erheblich beeinflussen: Aus einer Immobilienkrise wird eine Finanzkrise wird eine Wirtschaftskrise. „Niedrige“ Zinsen sind also nicht grundsätzlich gut für die Wirtschaft – und schon gar kein Allheilmittel!
 
Wir dürfen also gespannt sein, inwieweit diese Erfahrungen die Fed-Politik in der Zukunft verändern werden.
 
 
Mit besten Grüßen
 
Torsten Ewert

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