Von allerlei Rezessionsindikatoren
Von allerlei Rezessionsindikatoren
von Torsten Ewert
„Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“, schwadronierte einst Wilhelm Busch. Was damals nur eine Volksweisheit war, ist heutzutage teilweise Grundlage für ökonomische Betrachtungen. Allerdings sind die Ergebnisse oft wenig verlässlich. Doch immerhin haben solche mehr oder weniger skurrile Rezessionsindikatoren durchaus einen gewissen Unterhaltungswert:
Naschen gegen die Rezession?
So soll nach einhelliger Meinung neben Likör auch Süßes ein beliebtes Mittel gegen Depressionen sein. Nach dem Motto: „Futtern gegen die Krise“. Warum nicht? Bei Liebeskummer greifen ja ebenfalls viele zu Schokolade und Co. ...
Doch scheint sich die These auch zu bewahrheiten? Immerhin 3,2 % mehr Umsatz mit Süßigkeiten kann zum Beispiel die US-Süßwarenindustrie vermelden. Das sieht eigentlich nicht nach Frust-Futtern aus. Doch wenigstens hat die Branche einen Umsatzanstieg in der Krise vorzuweisen – das gelang zuletzt nur den wenigsten. Und schließlich gibt ja auch noch genügend standhafte Zeitgenossen, die sich in der Krise diese süßen Leckereien als vermeintliche Luxusartikel versagen.
Doch ein guter Indikator sollte klarere Signale geben. Vielleicht zeigt ja der Zuckerpreis ein Rezessionsmuster? Schließlich müssten die Unternehmen mehr Zucker einkaufen, wenn verstärkt genascht wird.
Doch auch hier zeigt sich kein überzeugendes Muster, das als Rezessionsindikator taugt (Rezessionsperioden in den USA sind rot schattiert). Der Ausbruch aus dieser langjährigen Seitwärtsbewegung, den wir kürzlich erlebt haben, beruht auf anderen Ursachen (geringere Ernten in Indien, verstärkter Zuckerrohreinsatz als Ethanolquelle in Brasilien und natürlich der Dollarverfall).
Keine süße Zukunft für Genussaktien?
Und was sagt die Börse? Sind wenigstens die Investoren von den Genussaktien überzeugt? Auch hier finden wir eher ein klares Negativ-Signal. Die Papiere von Nestlé, Lindt, Kraft und anderen hinken der Entwicklung der Märkte hinterher.
Anleger, die seit März auf ein Comeback der Nahrungsmittelbranche gesetzt haben, können sich zwar über zweistellige Gewinne freuen, aber jedes Engagement in einen großen Indexfonds hat mehr Ertrag gebracht.
Doch immerhin glauben die Unternehmen selbst noch an ihren Markt. So will der US-Multi Kraft Foods (Milka, Philadelphia) die britische Cadbury (Schweppes) übernehmen. Vielleicht in der Hoffnung, so in dieser Krise den Grundstein für einen langfristig prosperierenden Konzern zu legen. Ein prominentes Vorbild gibt es dafür: Konkurrent Hershey begann seinen Siegeszug in der Depression der 30er Jahre ...
Die Krise wegzappen
Ein anderer beliebter Rezessionsinkator ist der sogenannte „Box-Office-Indikator“. Gemeint ist damit die Zahl der Ticketverkäufe an den Kinokassen. Das Kalkül dahinter: Wer in der richtigen Welt tagtäglich der Rezession ins Auge sieht, flüchtet häufiger in eine Scheinwelt.
Doch auch der Box-Office Indikator hat seine Tücken, wie der folgende Chart zeigt.
Quelle: Box Office Mojo
Zwar erkennen wir in früheren Rezessionen durchaus einen gewissen Anstieg der Kartenverkäufe, aber gerade in der aktuellen Phase (2008) sanken die Besucherzahlen weiter (2009 ist ja noch nicht beendet, daher sagt der aktuelle Wert noch nicht sehr viel aus). Doch vielleicht ist die Rezession ja so gravierend, dass die Zahl derer, die sparen müssen, die zusätzlichen Kinogänger überkompensiert? Oder aber die Leute setzen sich lieber vor den Fernseher, als ins Kino zu gehen.
Medienaktien auf dem Weg aus dem Jammertal?
Auch hier deshalb wieder der Blick auf das Börsengeschehen. Medienaktien sind ja seit Jahren die Prügelknaben der Anleger. Die Misere beim Bezahlsender Sky (früher Premiere) ist ja fast schon sprichwörtlich. Aber auch andere traditionelle Medien kämpfen mit neuer Konkurrenz und alten Problemen.
Doch im Gegensatz zu Nahrungsmittelaktien haben die Anleger hier zuletzt kräftig zugegriffen. Sky-Aktien vervierfachten sich zwischenzeitlich beinahe seit ihrem Tief im März, die Papiere der Mediengruppe Pro/SAT1 schafften sogar eine Verzehnfachung seit ihrem Absturz in den Penny-Stock-Bereich.
Ob damit die Krise der Medienwerte vorbei ist, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall zeigt uns auch dieses Beispiel, dass solch ungewöhnlichen Indikatoren einen großen Nachteil haben: Sie liefern – wenn überhaupt – ihre Signale viel zu spät!
Dem Börsianer bleibt es also nicht erspart, rechtzeitig eigene Schlüsse zu ziehen – und vor allem danach zu handeln. Dann sind solche Statistiken natürlich mitunter hilfreich, und zwar als Gedächtnisstütze. Doch die eigentliche Arbeit, nämlich die Analyse der Branchen bzw. Unternehmen sowie ihrer Charts, ersetzen sie nicht.
Amüsant und anregend sind sie, wie gesagt, aber allemal.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert
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