Die Krise – zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit
von Torsten Ewert
Verehrte Leserinnen und Leser,
die jüngsten, schon recht drastischen Maßnahmen der Fed hinterlassen einen gewissen Nachgeschmack. Und dies insbesondere auch deshalb, weil Fed-Chef gerade ein paar Tage vorher in einem Fernsehinterview noch ganz anders getönt hatte. Prompt haben ihm die Kollegen von sentix auch den Titel „Wackel-Dackel des Jahres“ verliehen...
Politisches Kalkül der Fed?
Aber vielleicht steckt hinter der unterschiedlichen Darstellung auch ein ganz klares politisches Kalkül. Nämlich der Versuch zu verhindern, dass die negative Wirtschaftsentwicklung sich auch wirklich nachhaltig auf die Stimmung der Verbraucher niederschlägt.
Natürlich hat die Stimmung gerade in den USA angesichts der Krise und der wachsenden Arbeitslosigkeit schon merklich gelitten. Dennoch müssen die Verantwortlichen daran interessiert sein, diese Verschlechterung wenigstens zu bremsen. Ob das gelingt bleibt abzuwarten. Aber das Fed-Chef Bernanke sich dabei dem Verdacht kundiger Marktbeobachter aussetzt, als inkonsequent zu erscheinen, ist in jedem Fall bedenklich...
Stell‘ dir vor es ist Krise und keiner geht hin...
Diese relativ abgegriffene Floskel zum Thema hatte ich hier bereits vor zwei Wochen eher scherzhaft mit einfließen lassen. Andererseits hatte ich in meinem persönlichen Umfeld schon länger den Eindruck, dass viele Leute die Krise wenig beeindruckte.
Wer keine Aktien hatte oder keine Lehman-Zertifikate, konnte dem Treiben an den Börsen relativ gelassen zusehen. Außerdem sind Bochum, Rüsselsheim, Eisenach und Herzogenaurach weit weg, genauso wie viele der insolventen Automobilzulieferer, aber auch Märklin, Schiesser oder Rosenthal. Also könnte es sein, dass ich zufällig in einem Tal unbekümmerter Glückseligkeit wohne, während anderswo...
Doch nun zeigen neueste Umfrageergebnisse, dass in Deutschland das Krisenbewusstsein tatsächlich wenig ausgeprägt ist. Oder nein, das ist eigentlich nicht ganz richtig: Krisenbewusstsein schon, aber ohne nennenswerte persönliche Auswirkungen.
Vogel-Strauß-Verhalten in der Bevölkerung
So ergab nämlich eine Umfrage von infratest dimap, dass zwar gut 80 % der Befragten davon ausgehen, dass uns der schlimmste Teil der Krise noch bevorsteht. Das sind immerhin 8 % mehr als im Februar. Trotzdem glaubt insgesamt nur gut die Hälfte der Leute, dass sie sich deswegen Sorgen um ihre persönliche wirtschaftliche Zukunft machen müssen, das ist ein Anstieg nur von 2 % der Befragten seit Februar. Noch weniger, nämlich gerade einmal 38 % und damit gerade 1 % mehr als im Februar, haben in diesem Zusammenhang konkrete Befürchtungen über die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze.
Nun geht es mir nicht darum, Panik zu verbreiten. Natürlich wünsche ich niemandem, dass er seinen Job verliert oder auf der sozialen Leiter absteigt. Doch die Diskrepanz in diesen Aussagen ist offensichtlich. Damit wird entweder die Krise nicht so schlimm wie angenommen oder die Bevölkerung frönt dem Vogel-Strauß-Verhalten.
Volkes Stimme zu ignorieren, ist meist nicht ratsam, allerdings tendieren wir häufig auch dazu, uns die Situation schön zu reden. Im konkreten Fall hoffen die meisten wohl auf Vater Staat als Helfer in der Not. Auch das brachten die Umfragen zutage. So wuchs das Vertrauen in Bundesregierung und selbst die politischen Parteien insgesamt seit Herbst letzten Jahres stetig an, während die Wirtschaft und natürlich erst recht die Banken in dieser Hinsicht Federn lassen mussten. Eine klare Mehrheit befürwortet zudem auch die stärkere Einmischung des Staates in die Wirtschaft.
Die Wirtschaft erwacht aus ihren Träumen
Psychologisch ist das auch völlig verständlich. Die Politiker sagen uns – gerade in einem Wahljahr – natürlich immer gern das, was wir gerade hören wollen. Dass unsere Spareinlagen sicher sind zum Beispiel. Oder dass man sich bemüht, Opel zu retten.
Dabei sagte mir jüngst ein Mitarbeiter aus der Opel-Produktion, dass er und die seinen, den wohlfeilen Sprüchen ohnehin nicht mehr glauben: „Man muss immer zwischen den Zeilen lesen.“ Und hier geben nicht nur die Opel-Offiziellen Anlass zu der Vermutung, dass unsere Wirtschaft wohl langsam aus ihren wohligen Tagträumen erwacht.
Die Autoindustrie hat sich ja lange gegen die Einsicht gesträubt, dass sie riesige Überkapazitäten mit herumschleppt. Die dramatischen Absatzeinbrüche der letzten Monate führten da wohl zu einem jähen Erwachen. Inzwischen widerspricht zum Beispiel Opel-Chef Hans Demant nicht mehr der Einschätzung, dass allein Opel Überkapazitäten von rund einer halben Million Fahrzeugen angehäuft hat. Auch Werksschließungen sind da wohl kein Tabu mehr, obwohl er natürlich (noch zu findende) Maßnahmen bevorzugt, „mit denen wir unterm Strich genauso viel einsparen wie mit Werksschließungen.“ Und dabei hieß es noch vor einigen Wochen aus dem Mund von GM-Europachef Carl-Peter-Foster, dass „hoffentlich nicht mehr als 3.500 Stellen“ abgebaut werden müssten, eher weniger...
Doch nicht nur die Automobilindustrie hatte solche Wahrnehmungsschwierigkeiten. Auch Deutschlands zweite große Branche, der Maschinenbau wiegte sich noch vor Monaten in wohliger Unbetroffenheit. Vor Weihnachten zeigte beispielsweise sich der Branchenverband VDMA überzeugt, dass es 2009 allenfalls zu einer Stagnation in der Produktion kommen würde. Anfang Februar dagegen kassierten sie diese Prognose und senkten sie auf ein Minus von 7 % im Jahresverlauf ab. Der klassische Werkzeugmaschinenbau sieht sich sogar einem Minus von 15 % auf Jahressicht entgegen.
Die beiden deutschen Großbranchen im Krisensog
Nun könnten wir darüber schulterzuckend hinweggehen, denn auch andere Branchen waren nicht besser. Selbst Börsenprognosen zeichnen sich ja aktuell eher durch große Bandbreiten aus...
Doch wir sprechen hier von den zwei großen deutschen Megabranchen, die alleine für gut 4 % der deutschen Beschäftigung verantwortlich sind und auf viele andere Bereiche ausstrahlen – denken Sie nur an das Transportgewerbe.
Natürlich kommen beide Branchen von einem sehr hohen Niveau. Da ist es insgesamt sicherlich nicht tragisch, wenn wir zeitweise auf den Level der Vorjahre zurückkommen. Doch diese Kapazitäten, das heißt die Investitionen, die für diese höhere Produktion aufgebaut wurden, müssen trotzdem bezahlt werden. Die Kredite hierfür laufen weiter oder müssen eventuell sogar neu finanziert werden – bekanntlich kein einfaches Unterfangen zurzeit.
Andererseits hilft den Unternehmen sicherlich die Kurzarbeiterregelung, und glaubt man den Konjunkturindikatoren geht es spätestens ab Herbst wieder aufwärts...
Doch folgen wir auch hier dem Rat des schon erwähnten Opelaners und lesen zwischen den Zeilen. Opel-Chef Demant rechnet mit einem Andauern der Krise bis 2010 und ergänzt: „...dass wir selbst 2013, 2014 nicht mehr die Absatzzahlen erreichen werden, die wir vor der Krise hatten.“
Fünf magere Jahre?
Wie bitte? Fünf Jahre Stagnation? Selbst wenn wir unterstellen, dass dies teilweise auch Schwarzmalerei ist, um den Beschäftigten weitere Zugeständnisse abzutrotzen, deuten sich wohl mindestens für Opel schwächere Ergebnisse auch über 2010 hinaus an.
Und was für Opel gilt, wird auch mehr oder weniger für andere Hersteller zutreffen. Zudem sind Automobilindustrie und Maschinenbau traditionell stark verwoben. Beide Branchen profitierten zudem in den letzten Jahren extrem von dem weltweiten Aufschwung infolge überquellender Kapitaltöpfe. So lange auf diesen der Deckel drauf ist, wird es auch nichts mit den gewohnten Wachstumsraten und Produktionszahlen. Gerade korrigierte zum Beispiel die Commerzbank ihre Prognose für 2009 nach unten. Um 6 bis 7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr schrumpfen. Und auch für 2010 sehen die Commerzbanker „keine Aufwärtsbewegung [...], die den Namen Aufschwung verdient.
Also heißt es, sich auf geringeres Wachstum und von einem deutlich tieferen Niveau aus einzustellen. Das wäre nicht so schlimm, wenn wir dieses „tiefere Niveau“ schon erreicht hätten. Doch Zweifel sind angebracht, dass es schon so weit ist, wie eben die oben genannten Zahlen des VDMA zeigen.
Die Politik hält den Rückgang nicht auf
Aber was ist mit Vater Staat? Nützen seine Maßnahmen denn gar nichts? Nun, zumindest werden sie uns nicht wieder auf das Vorkrisenniveau hieven. Dafür sind viel zu gering. Inwieweit sie den Absturz verhindern, ist noch umstritten. Zum einen müssen die Maßnahmen ja erst wirksam werden (neue Bauprojekte) und dann betreffen sie häufig andere Branchen als die am stärksten betroffenen. Und wie lange der Staat – selbst in einem Wahljahr – noch bereit ist, die Kurzarbeiterregelung zu verlängern, ist ebenfalls völlig offen.
Heißt das nun, völlig in Apathie und Resignation zu verfallen? Nein, keinesfalls! Doch wir sollten uns nichts vormachen und lieber, genau wie die Kollegen von Opel, auf die Zwischentöne all der vollmundigen Bekundungen achten. Vielleicht finden Sie sogar die eine oder Möglichkeit, daraus auch im Job oder im täglichen Leben einen kleinen Vorteil zu ziehen. Das ist nicht leicht, ich weiß. Aber irgendwer muss schließlich zu den Gewinnern der Krise gehören...
Börsensignale kritisch beobachten
An der Börse sollten wir also damit rechnen, dass die hoffnungsvollen Zeichen der letzten Tage noch nicht der Auftakt zur großen Wende sind. Abgesehen davon, dass wichtige Widerstände in den Indizes immer noch nicht überwunden sind.
Für uns Börsianer bedeutet das zweierlei. Zum einen sollten wir jetzt nicht verzweifelt den Kursen und insbesondere dem Aktienmarkt hinterher laufen. Auch andere Märkte bieten attraktive Chance und haben unter Umständen ein überschaubareres Risiko.
Zum anderen empfiehlt es sich, die Chancen bei Aktien auf diesen tieferen Niveaus zu suchen, sprich Abstauberlimits in den Markt zu legen. Wenn Sie das bei jetzt schon unterbewerteten Aktien tun, haben Sie später ein zusätzliches Sicherheitspolster.
Auch hier gilt es also, die Börsensignale kritisch zu beobachten und sensibel auf Zwischentöne und Disharmonien zu achten.
Mit besten Grüßen
Torsten Ewert