Zwischen Flucht und Hoffnung

Hinweis: Da Herr Steffens nun auch Opfer der Erkältungswelle geworden ist, heute direkt zum Text von Torsten Ewert.
 
Zwischen Flucht und Hoffnung
von Torsten Ewert 
 
Verehrte Leserinnen und Leser,
 
in der letzten Woche schwang sich der Goldpreis fast 7 % in die Höhe. Allein der Freitag trug dazu gute 5 % bei. Dabei überstieg Gold auch kurzzeitig wieder die Marke von 900 Dollar.
 
Was macht Gold jetzt wieder so attraktiv?
 
Natürlich war Gold schon lange als attraktives Investment ausgemacht. Analysten priesen das Edelmetall als einen der Krisengewinner. Dennoch fiel der Goldpreis zunächst parallel mit dem Aktienmarkt. Doch nach dem Ausbruch aus dem Abwärtstrend Ende 2008 und dem lehrbuchreifen Rücksetzer (Pfeil) scheint nun der Bann gebrochen. Warum?
 
 
 
Gold ist doch die klassische Fluchtburg bei Inflation. Die mag zwar in den nächsten Jahren in die Höhe schnellen, weil dann auch die Staatsschulden explodieren. Derzeit ist davon aber noch nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Konjunkturforscher machen jetzt eher die Deflation als Gefahr aus. Gegen Deflation ist Gold aber nur bedingt ein Schutz. Und zwar dann, wenn diese zu sozialen Konflikten oder gar Unruhen führen sollte. Davon sind wir aber im Moment noch meilenweit entfernt.
 
Was ist dann der Grund für den jüngsten Run auf Gold?
 
Staatsanleihen – die nächste Blase?
 
Inzwischen haben sich nämlich die Staatsanleihen zum Liebling der Börsianer gemausert. Dazu haben nicht nur die massiven Zinssenkungen der Notenbank im Zuge der Finanzkrise beigetragen. Auch ihre klassische Funktion als „sicherer Hafen“ hat den kräftigen Kursaufschwung beflügelt.
 
In den letzten Wochen haben Anleger in den USA schon Zinsen von Null oder knapp darunter akzeptiert, wenn sie Anleihen gekauft haben. Sprich, sie waren bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass der Finanzminister ihr Geld unter seine Fittiche nimmt. Das sind schon recht deutliche Zeichen für Irrationalität, also eine mögliche Blase.
 
Das lässt sich natürlich auch bereits in den Charts ausmachen, selbst hier in Europa. So notierte der Bund-Future, der die Kursentwicklung langlaufender Staatsanleihen des Bundes widerspiegelt, kürzlich bei 126 Punkten auf einem absoluten Allzeithoch. Der vorangegangene Anstieg seit etwa Anfang November sieht verdächtig nach einer Fahnenstange aus. Die Kursentwicklung seit Dezember wiederum weist eine Keilformation auf. Besonders alarmierend: Der komplette Anstieg seit November geht mit sinkendem Volumen einher (selbst wenn man den normalen Rückgang zum Jahresende berücksichtigt)! Das alles können Hinweise auf einen bevorstehenden Kursrückgang sein.
 
 
Es ist also kein Wunder, dass die Anleger nun in den Rentenmärkten Gewinne mitnehmen. Und offensichtlich schichten sie ihre Gelder nun verstärkt in Gold um.
 
Aktien bleiben immer noch links liegen
 
So verständlich der Rückzug aus Anleihen derzeit ist, es verwundert, dass davon der Aktienmarkt so wenig profitiert. Stattdessen eben diese Flucht in Gold. Offenbar halten die großen Adressen Aktien noch nicht für das geeignete Investment. Und das, obwohl bereits einige Substanzwerte geradezu makaber unterbewertet sind. 
 
Doch es gibt natürlich weiterhin belastende Faktoren. Das haben nicht nur die dramatischen Verluste der Banken (z.B. Deutsche Bank, Royal Bank of Scotland) in den letzten Tagen gezeigt. Nach und nach wird auch immer mehr deutlich, wie stark die gesamte Wirtschaft in diesem Kredit-Monopoly des Finanzsektors verstrickt ist.
 
Entscheidende wirtschaftliche Belastungsfaktoren
 
So ist z.B. immer wieder von einer Kreditklemme bei den Unternehmen die Rede. Die Banken bestreiten das natürlich und verweisen auf Zahlen, nach denen das Kreditvolumen sogar leicht steigt. Doch mittlerweile wird klar, wie diese unterschiedliche Wahrnehmung zustande kommt.
 
Die Banken vergeben zwar Kredite, aber durchaus restriktiv und vor allem nur zu deutlich schlechteren Konditionen. Sprich, die Unternehmen müssen für neue Kredite erheblich höhere Zinsen bezahlen. Bankenvertreter begründen das mit einem vermeintlich höheren Risiko. Das mag zwar höher sein als noch vor zwei, drei Jahren. Die Frage ist jedoch, ob die Banken da nicht zu sehr mauern. 
 
 
Aber der breite Markt hat sich dieser Ansicht offenbar angeschlossen. So fiel der Kurs für europäische Unternehmensanleihen jüngst auf ein Allzeittief (Sie erinnern sich, Bundesanleihen notieren am Allzeithoch!). BMW z.B. begab Mitte November 2008 eine Anleihe und musste dafür den Rekordzins von 8,875 % bieten. Das bedeutete gegenüber Bundesanleihen einen Aufschlag (Spread) von über 5 %! Selbst in der schlimmsten Phase der Internetblase 2002/03 stieg dieser Spread nicht auf 3 %.
 
Wir haben es hier entweder mit einer massiven Übertreibung oder einem wirklichen Problem zu tun. Ein Problem könnte es auf jeden Fall werden, wenn dieser Zustand anhält. Denn die Wirtschaft ist nun einmal auf Kredite angewiesen. Erste Unternehmen sind bereits an zu restriktiven Kreditkonditionen Pleite gegangen. Eine anhaltende Blockadepolitik der Banken und des Marktes könnte die Situation im Jahresverlauf weiter verschlimmern.
 
Problem: Produktblase
 
Leider ist das alles nicht nur ein Bewertungsproblem. Es gibt durchaus einen wirtschaftlichen Hintergrund für dieses Verhalten. Denn ohne Zweifel hat sich in den letzten Jahren des Booms eine „Produktblase“ entwickelt. Die Möglichkeit für die Unternehmen, verhältnismäßig leicht an Geld (Kredite) zu kommen, hat zu einer massiven Ausweitung der Kapazitäten geführt.
 
Volkswirtschaftlich wurden diese aber eigentlich nicht gebraucht. Deswegen hatten wir eine weltweite Überproduktion. Sichtbarer Ausdruck dessen waren rasend schnelle Produktwechsel, z.B. bei Kleidung, Elektronik, Autos. Auch Billig-Produkte und Ramsch aller Art – vom Discounter an der Ecke bis zum speziellen 99-Cent-Shop – offenbarten dieses Problem.
Gerade die Autoindustrie, die jetzt über Umsatzeinbußen klagt, hat dieses Problem jahrelang vor sich hergeschoben. Zuletzt gingen bei einzelnen Herstellern nämlich schon über zwei Drittel der Fahrzeuge in den Sekundärmarkt, also z.B. an Autoverleiher, Betriebsangehörige oder in den Konzernfuhrpark.
 
Faktisch war also kein wirklicher Bedarf für all diese Produkte da. Und das ist möglicherweise das eigentliche Problem. Denn wenn dieses Phänomen tatsächlich eine globale Bedeutung hat, dann wird es einige Zeit dauern, bis diese Exzesse abklingen. Denn Kapazitäten werden nicht über Nacht einfach abgebaut. Und wenn, dann hat das gravierende Auswirkungen auf die Bilanz und die Gewinnsituation der Unternehmen. Dann müssen etliche Prognosen, die schon jetzt stark zusammengestutzt wurden, nochmals revidiert werden.
 
Völlig unklar: Die Ausmaße dieser „Blase“
 
Das ist das eigentliche (negative) Überraschungspotenzial, das noch im Markt lauert. Dass dies nicht ganz von der Hand zu weisen ist, sehen Sie auch daran, dass sich viele Unternehmen mit einem Ausblick für 2009 selbst jetzt noch in der laufenden Berichtssaison sehr zurückhalten.
 
Daher sollten Sie mit Neupositionierungen im breiten Markt noch sehr vorsichtig sein. Auch wenn bereits erste Konjunkturindikatoren wieder drehen und so ein mögliches Ende der Rezession im Jahresverlauf verheißen: Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise sind immer noch nicht abzuschätzen. Hier gilt es weiterhin, sehr sensibel auf die verschiedenen Marktsignale zu achten. So wie eben beim jüngsten Anstieg von Gold ...
 
Mit besten Grüßen
 
Torsten Ewert
 
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