Traenen des Gluecks

 
Tränen des Glücks
von Jochen Steffens
 
Ja, dass es dann wieder so schnell geht, bis die 4.175-Punkte-Marke erreicht wird - wer hätte das gedacht. Der Dax war heute zeitweise über 10 % im Minus. Einige US-Futures standen heute Morgen sogar auf Limit Down (wurden also ausgesetzt, weil der Kursabschlag mit über 6 % außerhalb des regulären Handels zu groß war).
 
Man fragt sich, was man denn noch dazu schreiben soll. Man fragt sich auch, wer eigentlich noch verkauft. Wenn mir jemand noch vor einem Jahr eine Deutsche Bank für unter 30 Euro, eine Daimler bei 20 Euro und eine ThyssenKrupp für 13,30 Euro angeboten hätte, ich hätte Tränen des Glücks in den Augen gehabt. Wenige Monate später gibt es offensichtlich viele Menschen, die zu diesen Kursen verkaufen.
 
Rezession und Export
 
Aber es gibt halt zurzeit Probleme über Probleme: schlechte Unternehmensnachrichten, Horrormeldungen vom US-Bankensektor und die große Sorge vor einer ausufernden Rezession. Ich vermute allerdings, dass der Auslöser der aktuellen Abschläge mit anderen Entwicklungen zu tun hat. Nachdem sich die US-Indizes gestern vergleichsweise stabil gehalten hatten, machten sich über Nacht die Anleger in Asien Sorgen um den hohen Yen. Dazu folgender Chart:  
 
 
Sie sehen hier den Dollar/Yen-Chart. Der Dollar hat in den letzten Tagen massiv zum Yen abgegeben, was umgekehrt bedeutet, dass der Yen erhebliche Stärke zeigt. Er erreicht damit ein 13-Jahreshoch! Ein derart starker Yen belastet den Export in Japan. Das ist in der aktuell sowieso schon angespannten Situation quasi das Todesurteil für die japanische Wirtschaft, so die Analysten. Und somit kam es zu den starken Kursverlusten in Asien.
 
Ursache: Auflösung der Carry-Trades
 
Die unglaubliche Stärke des Yens liegt natürlich an der Auflösung der Carry-Trades. Zunächst war es nur eine Risikoaversion und ein Liquiditätsproblem, die zur Auflösung der Carry-Trades führten. Um diese aufzulösen, wird das geliehene Geld wieder nach Japan zurücktransferiert, es wird also der Yen zurückgekauft. Das führte zu der aktuellen Stärke der japanischen Währung. Durch diese Stärke werden aber die bestehenden Kredite immer teurer, so dass die Anleger quasi gezwungen werden, weitere Kredite aufzulösen, um Verluste zu vermeiden. Das führt wiederum zu einem noch stärkeren Yen - ein Teufelskreis.
 
[Carry-Trade: Wenn ich mir in einer Währung, zum Beispiel dem Yen, zu niedrigen Zinsen einen Kredit verschaffe und dieses Geld dann in einer anderen Währung, zum Beispiel dem Euro, zu hohen Zinsen anlege, kann ich mir die Zinsdifferenz als Gewinn einstreichen. Und das mit Geld, das ich gar nicht besitze. Aber auch hier gibt es ein Risiko: Wenn die Währung, in der ich mich verschuldet habe, stark ansteigt, frisst dieser Anstieg den Zinsgewinn wieder auf. Es besteht die Gefahr, dass ich einen Verlust mache. Ich muss also den Carry-Trade auflösen.]
 
Doch das ist nicht das Einzige: Viele große Investoren und Hedge-Fonds haben sich in Yen verschuldet, weil in Japan die Zinsen extrem niedrig waren. Mit diesen billigen Krediten haben sie ihre Leverage (eine Art Hebel) erhöht, um Aktien in Europa aber auch den USA zu kaufen. So konnten sie ihren Einsatz – quasi wie mit Optionsscheinen - hebeln. Blöd nur, wenn der Yen derart dramatisch steigt und dazu noch die Indizes entsprechend fallen. Das wird direkt doppelt teuer. Dann müssen die Investoren die Reißleine ziehen und ihre Aktienpositionen auflösen, um die Kredite zurückkaufen zu können. Und meines Erachtens ist dies zusätzlich zu den unter anderen Faktoren auch das, was heute die Kurse besonders in Europa derart belastet.
 
Wie geht es weiter?
 
Die 4.175-Punkte-Marke wurde im Verlauf des Tages nach unten durchgebrochen. Das ist zwar ein Warnzeichen, aber ich würde das noch nicht überbewerten. Bei derartigen Panikreaktionen und gerade im Bereich eines möglichen Bodens nach so starken Kursverlusten neigen die Kurse dazu, nach unten zu übertreiben. Zudem hat der Dax es tatsächlich geschafft, zum Schlusskurs wieder deutlich über diese wichtige Marke zu klettern. Jetzt muss man schauen, ob sich die Amis auch stabilisieren und wie es Montag weiter geht.

Die 4.175-Punkte-Marke ist nach wie vor derart wichtig, dass es hier zu einem Boden kommen kann. Also ist zurzeit erhöhte Aufmerksamkeit gefordert.
 
 
Viele Grüße
 
Und ein hoffentlich entspanntes Wochenende
 
Ihr
Jochen Steffens

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