Beeinflussen die US-Praesidentschaftswahlen die Boerse mehr als allgemein angenommen?

22.07.2008


Beeinflussen die US-Präsidentschaftswahlen die Börse mehr als allgemein angenommen?
von Jochen Steffens

Mit zunehmendem Interesse verfolge ich ein Thema über das ich bereits am 10 Juli geschrieben hatte. Mir war aufgefallen, dass das letzte Hoch im S&P500 am 19.05.08 interessanterweise genau zu dem Termin ausgebildet wurde, als nahezu sicher feststand, dass Barack Obama sich als Präsidentschaftskandidat der Demokraten durchgesetzt hatte. Anschließend kam es zu konsequent fallenden Kursen.

Der Beitrag ist im Stockstreet-Archiv nachzulesen:

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Ich hatte mich damals gefragt, ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht oder alles nur ein Zufall sei.

Umfragewerte für Obama verschlechtern sich

Und dann passierte folgendes: Am Sonntag, den 13. Juli 2008 wurde eine neue Umfrage zur Präsidentschaftswahl im Nachrichtenmagazin „Newsweek“ veröffentlicht, nach der Barack Obama nur noch mit drei mickrigen Prozentpunkten vor McCain liegen würde (44 % für Obama / 41 % für McCain). Angesichts einer Umfrageungenauigkeit von 3 % wäre dieser Unterschied statistisch zu vernachlässigen.

Am Mittwoch, dem 16.07.08 folgte eine Umfrage von Reuters, nach der Obama immerhin noch sieben Prozentpunkte vor McCain liegt (47/40). Allerdings hat nach dieser Umfrage Obama den kompletten Vorsprung bei den unentschlossenen Wählern eingebüßt, die bei der Präsidentschaftswahl im November das Zünglein an der Wage werden könnten. Also insgesamt sieht die Situation seit letzter Woche ganz anders aus:

Signal für die US-Märkte?

Schaut man sich jetzt den S&P500-Chart an, könnte man stutzig werden.

Genau am Dienstag dem 15.07.08, also zwei Tage nach der Veröffentlichung der oben genannten Umfrage in der Newsweek, bildete sich ein Boden im S&P500 (siehe Chart). Damit haben wir nun schon zwei Wendepunkte im Zusammenhang mit Nachrichten zur US-Präsidentschaftswahl. Wir wissen, die US-Börsen präferieren normalerweise den republikanischen Kandidaten, aber sollte hier tatsächlich ein derartig augenfälliger Zusammenhang bestehen? Das würde bedeuten, dass Finanzmarktkrise, Rezession, Inflation, etc gar nicht die entscheidenden Faktoren wären, sondern es tatsächlich fast nur um die Präsidentschaftswahl geht.

Aus diesem Grund bin ich ganz froh, dass das Tief nicht am Montag und auch nicht am Mittwoch ausgebildet wurde, sondern am Dienstag, also genau zwischen diesen Veröffentlichungen. Somit ist dieser Zusammenhang nicht ganz so eindeutig. Trotzdem müssen wir die Ereignisse unbedingt im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Umfragen beobachten. Sollte sich nun noch eine dritte Bestätigung finden, ist tatsächlich - und bisher komplett unbemerkt von den Massenmedien - die Präsidentschaftswahl in den USA das eigentliche Thema, das die Börsen bewegt!

Allerdings notieren die Wettquoten in den USA noch eindeutig zugunsten Obamas und auf diese kann man sich normalerweise verlassen. Also noch muss man mit dieser Theorie vorsichtig bleiben, aber sie wurde um einen weiteren Hinweis erweitert.

Börsen zunächst mit Abgaben

Viele schlechte Unternehmensnachrichten aus den USA (u.a. Apple und Texas Instruments mit schwachem Ausblick) und eine Aussage von Charles Plosser, zurzeit stimmberechtigtes Mitglied im geldpolitischen Ausschuss der US-Notenbank (FOMC), haben heute den Markt zunächst belastet.

Charles Plosser sagte, dass die Fed die Zinsen eher früher als später anheben solle. Das Wirtschaftswachstum in den USA werde sich im laufenden Jahr erholen. Wenn das passiert müsse sich die Fed auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren, da die Inflation zurzeit zu hoch sei. Zinserhöhungen sollten beschlossen werden, bevor sich der Arbeitsmarkt und die Finanzmärkte komplett erholt hätten.

Verbale Zinserhöhungen

Diese Aussage muss man im Kontext sehen. Die USA muss zurzeit alles tun, um den Dollar zu stützen. Eine weitere Abwertung des Dollars würde den Inflationsdruck massiv erhöhen. Also werden nun sogenannte „verbale“ Zinserhöhungen vorgenommen. Diese haben, insbesondere im Währungsbereich, oft eine ähnliche wenn auch meist etwas schwächere  Wirkung als reale Zinserhöhungen. Eine solche Maßnahme ist dann angesagt, wenn reale Zinserhöhungen noch nicht möglich sind, da das Wirtschaftswachstum noch von dem stimulierenden Effekt niedriger Zinsen abhängig ist. Also redet man von baldigen Zinserhöhungen, die Börse preist daraufhin solche bereits ein. Das so etwas funktioniert, zeigt sich daran, dass der Dollar heute wieder Stärke zeigt.

Wahrscheinlich ist nun, dass der Dollar mit den Märkten läuft. Je stärker der Markt ist, desto wahrscheinlicher werden Zinserhöhungen in den USA.

Dax: Noch kein nachhaltiger Bruch der 6400-Punkte-Marke

Der Dax hatte gestern die 6400-Punkte-Marke überwunden, konnte das Niveau aber nicht halten (und wieder ein Fehlsignal. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht immer wieder vor solchen Fehlsignalen im Sommer gewarnt). Ich gehe weiterhin davon aus, dass das Hin und Her bei den Unternehmensnachrichten aus den USA die Kurse jetzt in eine Spanne zwischen 6200 und 6400 Punkte zwängen kann, vielleicht aber auch mit leicht aufwärtsgerichteter Tendenz:

Gerade hat der Dax das Gap oberhalb der 6400 Punkte-Marke geschlossen (rotes Rechteck). Überwindet er nun das obere Niveau des Gaps muss man den blauen Trend als bestätigt ansehen. In diesem Fall wäre auch die 6400er Marke nachhaltig überwunden worden, ein erstes (!) bullishes Signal in einem neuen Aufwärtstrend.

Wirklich deutlich bullisher wird es erst, wenn das Hoch vom 19.05.08 bei 7231 Punkten nachhaltig gebrochen wird. Der große Aufwärtstrend seit 2003 wird allerdings erst über 8151 Punkten (Hoch vom 13.07.07) wieder aufgenommen.

Viele Grüße

Jochen Steffens

 

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