Der verhinderte Gewöhnungseffekt
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Der verhinderte Gewöhnungseffekt
Der verhinderte Gewöhnungseffekt
von Jochen Steffens
Das eigentliche Problem an den Märkten ist zurzeit, dass die Anleger kaum eine Chance haben, sich an die jeweiligen Gegebenheiten zu gewöhnen. Heute waren es wieder Nachrichten aus Spanien und dem dortigen Bankensektor, die den DAX belasteten.
Der normale Werdegang einer schockierenden Nachricht
Normalerweise ist es EIN Ereignis, das die Börsen belastet. Es tritt plötzlich in Erscheinung. Die Trader und institutionellen Anleger, die meistens über schnelle Nachrichtenfeeds verfügen, reagieren als erste und verkaufen. Die Kurse fallen. Die etwas langsamer agierenden Anleger sehen die fallenden Kurse und suchen nach Gründen. Gleichzeitig erreichen die Nachrichten auch die Medien, die diese zunächst textlich und dann auch für das Fernsehen aufbereiten müssen.
Nachdem der erste Schock vorüber ist, wird dieses Ereignis von den Medien und Kommentatoren in allen nur erdenklichen Facetten durchgekaut. Es gibt Sondernachrichtensendungen dazu, Diskussionsrunden im Fernsehen mit Spezialisten, Politkern und Wissenschaftlern. In dieser Zeit verkaufen auch die privaten Anleger, da die scheinbare „Bedrohung“ aufgrund der Medienpräsenz immer augenscheinlicher wird.
Meist bilden sich dann bereits der erste Bodenversuch in den Indizes aus. Das Ereignis ist bereits eingepreist. Weitere Nachrichten können allerdings zu erneuten Schockwellen führen. Doch mit der Zeit stellt sich einfach ein Gewöhnungseffekt ein. Neue Nachrichten führen zu immer schwächeren Reaktionen. Dieser Effekt ist für den erfahrenen Anleger meist der Hinweis darauf, wieder einsteigen zu können.
Ein Beispiel
Wir erinnern uns zum Beispiel an die nukleare Katastrophe in Fukushima. Die Börsen reagierten panisch, die Kommentare waren zum Teil dramatisch. Und dennoch, kurze Zeit später war das Thema für die weltweiten Börsen wieder erledigt. Heute hört man kaum noch etwas von den Folgen, die Japan immer noch belasten.
Eine etwas andere Konstellation
Doch die Krise in der EU ist anders. Und das liegt einfach daran, dass, sobald ein Thema vom Markt verdaut wurde, sofort ein neues auftaucht. Griechenland, Italien, Spanien und alle möglichen Nachrichten aus diversen EU-Ländern sorgen dafür, dass der Anleger nicht mehr zur Ruhe kommt. Ein Gewöhnungseffekt wird so verhindert oder zumindest stark erschwert.
Zu viele Faktoren für eine schnelle Gewöhnung
Ein wichtiger Punkt der Gewöhnung ist schließlich, dass ein Anleger immer und immer wieder mit der gleichen Situation konfrontiert wird. Bei der Krise in der EU geht es aber um viele verschiedene Krisenherde, die immer wieder neu aufflammen. Und es sind immer neue Nachrichten und unbekannte Situationen, auf die sich der Anleger einstellen muss. Und bis hier der Gewöhnungseffekt eintreten kann, wird es einfach eine ganze Weile dauern. Aber – und das mag keiner zurzeit glauben - der Zeitpunkt wird kommen. Irgendwann werden wir, wie nach jeder Krise, die Fokussierung verloren haben.
Das wird schneller gehen, wenn es den Verantwortlichen gelingen wird, eine massive Eskalation zu verhindern. Und es wird länger dauern, wenn diese Eskalation uns doch noch ereilt.
Bleiben Sie distanziert beobachtend…
Was genau geschehen wird, ist ungewiss. Auch wenn ich Ihren Mails entnehme, dass viele von Ihnen über die Art und Weise des Ausgangs spekulieren, einige sogar mittlerweile zu festen Überzeugungen gelangt sind - glauben Sie mir, der Ausgang bleibt ungewiss. Zu viele Einflussfaktoren sind variabel und dadurch nicht vorhersehbar.
Und gerade als Trader sollten Sie alles tun, um Überzeugungen zu vermeiden. Der Markt gibt vor, was mit den Kursen weiter geschieht – nicht die Medien, nicht die Kommentatoren, nicht mal die Ereignisse und schon gar nicht unser kleiner Verstand, der so gerne die Zukunft kennen will, weil er Angst vor dem Chaos hat.
Denn wie schrieb Markt Twain:
„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“
Viele Grüße
Jochen Steffens
