Dieses Mal ist alles anders

 
Dieses Mal ist alles anders
US-Konjunkturdaten

Dieses Mal ist alles anders
von Jochen Steffens

Um den Reigen der Texte in dieser Woche rund zu machen, möchte ich zum Abschluss auch die bearishe Alternative beleuchten. Sie wissen, ich versuche die Börse immer von allen Seiten zu betrachten, um mich dann für das wahrscheinlichste Szenario zu entscheiden.

Ein gefährlicher Satz

„Dieses Mal ist alles anders!“ Dieses Satz gilt als einer der gefährlichsten Sätze an der Börse. Immer wenn Sie diesen Satz in den letzten 100 Jahren in den Medien oder in Büchern gelesen haben, war es ein Zeichen dafür, dass ein Extrem erreicht wurde. Der Beweis, dass es dieses Mal dann doch nicht anders ist, folgte meist unmittelbar.

Vielleicht werden sich noch einige an die Medien und die Bücher um das Jahr 2000 erinnern, in denen versucht wurde darzulegen, warum dieses Mal das Wirtschaftswachstum unbegrenzt weiter gehen wird. Die Notenbanken hätten in den letzten 100 Jahren viel gelernt, das Internet werde die Welt revolutionieren, die Technologie und das Know-How der Menschen hätten nun den Stand erreicht, der es ermöglicht, alle Krise zu meistern und ein langanhaltendes Wachstum für alle zu schaffen.

Wie naiv, aber jetzt ist alles klarer?

Eine solche Euphorie mag aus heutiger Sicht, zehn Jahre später und um zwei Mega-Crashs erfahrener fast ein wenig naiv klingen. Wer konnte nur so einen Quatsch glauben, fragt sich der geneigte Börsianer heute. Doch damals fielen diese Thesen auf fruchtbaren Boden. Damals wurden die Skeptiker ausgelacht und als Dauer-Pessimisten und Ahnungslose bezeichnet. Nein, die Euphorie war in dieser Zeit ebenso wie die gnadenlose Selbstüberschätzung grenzenlos.

Heute ist die Welt eine andere. Nach gerade einmal einer Dekade ist wieder zu lesen, dass dieses Mal alles anders sei. Die Krise sei eine andere. Das ehemals hochgelobte System als solches wird in Frage gestellt. Die Institutionen scheinen nicht mehr in der Lage, die drohende Mega-Krise zu bewältigen.

Im direkten Vergleich fällt jedem deutlich auf, wie extrem diese beiden Sichtweisen doch sind. Dabei stießen bzw. stoßen beide auf die Zustimmung der Massen, sind also keineswegs nur akademische Geplänkel. Diese völlige Kehrtwendung innerhalb von vergleichsweise kurzer Zeit ist schon höchst bemerkenswert!

Die Börse ist wie ein Alkoholiker, dem Rausch folgt der Kater, folgt der Rausch. Aktuell sind wir in tiefster Katerstimmung.

Eine Frage, die man sich stellen muss

Und trotzdem stellt sich natürlich die Frage, ob nicht dieses Mal doch alles anders ist. Die Situation in den USA ist ohne jede Frage dramatisch. Vielleicht erinnern Sie sich noch, ich war einer der ersten, der bereits mit Beginn der Krise vor einer langen Deflation in den USA gewarnt hat. Das zu einer Zeit, in der alle anderen von Inflation redeten. Ich erntete viel Kritik, doch mittlerweile zeigt sich, dass diese Deflation zur Realität geworden ist. Mittlerweile versuchen selbst die bekannten Börsenzeitschriften mit dem Titel „Deflation“ zu schrecken.

Und tatsächlich, sollte die USA es nicht schaffen, die Deflation zu bekämpfen, werden wir zwar auch weitere Aufwärtsbewegungen erleben, allerdings könnten diese unter Umständen nur Aufwärtsbewegungen in einem langfristigen Abwärtstrend sein (siehe Nikkei-Chart weiter unten)! Die US-Wirtschaft würde dann möglicherweise in einen langanhaltenden Prozess der deflationären Stagnation verfallen. Ein deflationäres Siechtum sozusagen.

Das Beispiel Japan

Die letzte große Deflation war und ist noch in Japan nach dem Platzen der dortigen Immobilienblase und der folgenden Finanzmarktkrise zu erkennen. Japan hatte dabei das Glück, dass seine deflationäre Phase in eine Zeit fiel, in der die Weltwirtschaft boomte (1990-2000). Ich frage mich, wie die Entwicklung in Japan ausgesehen hätte, wenn diese Deflation auch noch in einer Phase weltwirtschaftlicher Schwäche aufgetreten wäre.

 


Und jetzt 20 Jahre später, sehen wir, wie sich die Deflation in Japan trotz dieser positiven Randbedingungen auf den Aktienmarkt insgesamt ausgewirkt hat: Ein großer breiter Abwärtstrend ist entstanden. Das Pech Japans war es, dass die Weltwirtschaft zu dem Zeitpunkt, als Japan die Deflation hätte besiegen können, selbst in eine Krise überging. Nämlich zwischen 2005 und 2010.

Schafft es die USA, aus der Deflation?

Und damit sind wir auch schon bei den vielen Fragen zum Thema Deflation in den USA, die ich hier nur anreißen kann und gegebenenfalls in den nächsten Wochen im Steffens Daily weiter aufgreifen werde:

Kann die Weltwirtschaft, vielleicht aufgrund eines asiatischen Booms, trotz der schwierigen Situation in den USA weiter wachsen? Das würde den USA auch im Falle einer Deflation sicherlich helfen und könnte dazu führen, dass den USA deren Bekämpfung leichter fällt.

***

Die Situation in Japan war allerdings in vielen Bereichen auch ganz anders als die in den USA. Gerade viele gesellschaftliche Dogmen haben in Japan dazu geführt, dass die Deflation sich derart verfestigte. Firmen wurden am Leben erhalten, damit die Geschäftsführung keinen Gesichtsverlust erleidet, Angestellte wurden aus ähnlichen Gründen weiterbeschäftigt etc. Das ist natürlich in den USA ganz anders. So gesehen hat es die Fed etwas einfacher. Wird die Fed, die momentan von einem Wissenschaftler geführt wird, der sich intensiv mit dem 1929er Crash und auch mit dem Thema Deflation in Japan beschäftigt hat, die Deflation wirksam bekämpfen (können)?

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Wird der US-Arbeitsmarkt, der bereits in dem letzten Aufschwung nach 2003 schon nicht mehr zu alter Kraft zurückfand, wieder ein Niveau erreichen, welches die Binnenkonjunktur in den USA unterstützt? Auch das ist eine entscheidende Frage. Wie hier schon beschrieben, ist der US-Arbeitsmarkt ein nachlaufender Faktor. Das werden wir also schlussendlich erst beurteilen können, wenn die US-Wirtschaft weiter wachsen sollte.

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Wird sich der US-Immobilienmarkt bei aktuell immer weiter fallenden US-Hypothekenzinsen wieder fangen? Das wäre ein recht einfacher Weg, die Deflation in den USA zu bekämpfen. Denn wenn die Immobilienpreise wieder anziehen, würden auch bei den Banken die Last der faulen Kredite sinken, die Zwangsvollstreckungen würden rückläufig werden und neue Jobs, sowohl in der Baubranche, als auch im Dienstleistungssektor rund um die Immobilie (Makler, Banken, etc.) würden wieder entstehen.

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Werden die langfristigen Stimulationen durch die Fed und die US-Regierung zu einer Roosevelt-Depression führen? Die Roosevelt-Depression war Folge des New-Deals. Der New-Deal war in den 30er Jahren ein gigantisches Konjunkturprogram. Als dieses zurückgeführt wurde, entstand aufgrund der fehlenden Stimulation eine zweite Depression, die nach dem damaligen US-Präsidenten benannt wurde.

Viele Frage, die schwierig zu beantworten sind

Sie sehen, es gibt noch viele Fragen, und fast scheint es so, als wären die Probleme zu übermächtig, als dass sie gelöst werden könnten. Aber auch das ist normal für die großen Krisen. Unterschätzen Sie aber auch nicht die Selbstheilungskräfte des Marktes, von denen zurzeit verständlicherweise niemand mehr redet.

Letzten Endes weiß also niemand, ob es nicht dieses Mal doch alles anders ist. Und es ist nicht so, dass ich all diese Probleme nicht sehe. Wie gesagt, einige dieser Probleme habe ich hier im Steffens Daily noch vor allen anderen Analysten prognostiziert. Doch wir müssen weiter gehen, weiter nach vorne schauen und nicht beim JETZT stehen bleiben.

Nach den Wahrscheinlichkeiten

Als Trader setzen wir bei Stockstreet, egal was wir auch denken und fühlen mögen auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Glauben, vermeintliches Wissen oder überkommene Überzeugungen.

Und aus Sicht der Wahrscheinlichkeit steht die Chance dafür, dass es dieses Mal wieder nicht anders ist als in den anderen Krisen, einfach sehr hoch. Es hat sich gerade auch in den vergangenen sehr schwierigen zehn Jahren gezeigt, dass einfaches Festhalten an Wahrscheinlichkeiten deutlich lukrativer ist, als den Gefühlen, Stimmungen und Ängsten, die uns der Markt suggerieren will, zu folgen.

Viele Grüße

Ihr

Jochen Steffens


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US-Konjunkturdaten
von Jochen Steffens

Der endgültige Verbraucherstimmungsindex der Uni Michigan notiert im August bei 68,90 Punkten, nach 69,60 in der vorläufigen Fassung. Analysten hatten Werte zwischen 69,4 bis 69,6 erwartet. Im Monat zuvor hatte der Index bei 67,8 gestanden. Der Markt reagierte auf die Revidierung nach unten zunächst geschockt, konnte sich dann aber doch wieder deutlich erholen.

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