Rohstoffe und Konjunktur
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Rohstoffe und Konjunktur
von Torsten Ewert
Verehrte Leserinnen und Leser,
vermutlich haben Sie auch ein Reserverad in Ihrem Auto. Und Sie haben sicherlich auch schon die (fiktive) Anekdote von dem Sicherheitsfanatiker gehört, der – nachdem ihm auf einer Fahrt unglücklicherweise zwei Reifen geplatzt sind – stets zwei Reserveräder mitnahm. Bis ihm dann jedoch der Keilriemen riss...
Die Unternehmen legen das Reserverad zurecht
In einer ähnlichen Situation befindet sich derzeit die Wirtschaft. Sie wurde 2008 durch den Ausbruch der Finanzkrise urplötzlich in den Abgrund gerissen. Aufgrund geeigneter Maßnahmen, Unterstützung durch Politik und Notenbanken sowie natürlich des kaum unterbrochenen Booms in den Schwellenländern erholten sich die (westlichen) Unternehmen vergleichsweise rasch von diesem dramatischen Einbruch.
Seit dem Crash im August verfolgt uns nun die Furcht vor einem erneuten Rutsch in die Rezession. Auch diesmal wäre der Finanzsektor der Auslöser, diesmal allerdings nicht der US-amerikanische (Immobilien- und Subprimekrise), sondern der europäische (Euro-Schuldenkrise).
Allerdings dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Unternehmen diesmal schneller ihr „Reserverad“ bei der Hand haben. Laut Medienberichten sind in deutschen Konzernen erste Krisenstäbe bereits mit entsprechenden Notfallplänen beschäftigt...
Kommt es wieder einmal anders, als alle denken?
Die Anleger an den Aktienmärkten trauen diesen Vorbereitungen offenbar nicht, denn die Börsen bleiben weiterhin schwach. Aber vielleicht fürchten sie auch nur, dass nicht der „Reifen“, sondern der „Keilriemen“ ausfällt.
Das hat eine gewisse Logik, denn bekanntermaßen kommt es an den Börsen erstens immer anders und zweitens als man denkt. Und geht es nach den Rohstoffmärkten, dann ist eine Rezession tatsächlich eher unwahrscheinlich.
Betrachtet man nämlich wichtige, konjunkturabhängige Rohstoffe, z.B. Rohöl und Kupfer (siehe folgender Chart), dann sieht man, dass deren Preise in Rezessionen deutlich nachgeben:

Quelle: MarketMaker
Rohstoffe als Konjunkturindikatoren
Nun hatten wir in den vergangenen gut zwanzig Jahren allerdings nur drei Rezessionen (grau) im engeren Sinne. Auch die mehr oder weniger verhaltene Gegenreaktion der Preise (gelbe Ellipsen) nach einem durchaus merklichen Preiseinbruch ist noch kein belastbares Indiz für eine Entwarnung.
Sehen wir uns also die Konjunkturzyklen an, wie sie die Unternehmen erleben, gemessen am deutschen ifo-Geschäftsklima und dem ISM-Index aus den USA:
Quellen: ifo-Institut, Institute for Supply Management, MarketMaker
Hier ergibt sich ein deutlicheres Auf und Ab, aber auch dabei erkennen wir eine klare Korrelation des „Konjunkturrohstoffs“ Kupfer, vor allem in den Abschwungphasen (rot).
Die Stahlindustrie, das Konjunktursensibelchen
Und dabei fällt auf, dass die jüngste Stimmungseintrübung bei den Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks bisher nicht mit einen nachhaltigen Einbruch der Kupferpreise einhergeht. Im Gegenteil, der Kupferpreis bleibt trotz einer erkennbaren Konsolidierung auf hohem Niveau und notiert dabei weiterhin im Bereich der Hochs aus der vorherigen Boomphase 2006 /07!
Und auch ein anderer, noch sensiblerer Indikator zeigt keinerlei Schwächezeichen:
Quellen: www.stahlbroker.de, ANCOTECH GmbH
Die Stahlindustrie ist seit jeher extrem konjunktursensibel, und damit sind die Stahlpreise sehr volatil. Ein – wenn auch nur bevorstehender – Konjunktureinbruch sollte damit auf Stahlproduktion und Stahlpreise einen deutlichen Einfluss haben.
Erstaunlich – Stahlkocher ohne Rezessionsängste!
Doch davon ist nichts zu sehen. Die Stahlindustrie meldet für August sogar steigende Mengen und sieht ihre Erwartungen weiterhin bestätigt. Der Stahlpreis (blau) ist seit 2010 auf hohem Niveau konstant, und die Schrottpreise (rot) als sehr sensible Indikatoren steigen sogar weiter. (Hinweis: Dass insbesondere die Aktien der Stahlhersteller seit längerem sehr schwach sind, hat hingegen andere, nämlich marktpolitische Gründe.)
Geht es also nach den Rohstoffmärkten, dann ist das Gerede von einer neuerlichen Rezession eindeutig verfrüht. Das heißt natürlich nicht, dass die Schuldenkrise nicht doch das Zeug hat, die Wirtschaft wie 2008 auszubremsen.
Allerdings sind inzwischen viele Eventualitäten bereits weitgehend eingepreist, z.B. auch eine Pleite Griechenlands. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass (fast) alle falsch liegen: Die Unternehmen, die nun ihr zweites „Ersatzrad“ zurechtlegen und auch die Anleger, die sich auf das Reißen des „Keilriemens“ gefasst machen.
Können Anleger nun langsam Gas geben?
Natürlich ist wie immer alles möglich, z.B. auch, dass stattdessen die „Zylinderkopfdichtung“ platzt. Als langfristiger Anleger können Sie solchen Risiken nicht vollständig aus dem Weg gehen (es sei denn, die verabschieden sich komplett von der Börse). Was bleibt uns also übrig?
Bei launischen Oldtimern wie bei unberechenbaren Märkten gilt: Nur behutsam agieren! Also langsam Gas geben (investieren) und dabei immer auf die Untertöne hören! An den Börsen sind die Rohstoffe ein wichtiger Hinweis, und hier ist wie gesagt noch kein Stottern zu hören...
Mit besten Grüßen
Ihr Torsten Ewert
