Die neue Phase der Schuldenkrise




Die neue Phase der Schuldenkrise
von Torsten Ewert

verehrte Leserinnen und Leser,

nachdem wir nun wissen, was die Märkte in der vergangenen Woche belastet hat (siehe Editorial von Jochen Steffens), können wir beginnen, die weiteren Auswirkungen abzuschätzen. Dies werden wir in den kommenden Wochen sicherlich fortsetzen und aktualisieren, aber grundsätzliche Tendenzen sind bereits jetzt erkennbar.

Neue Herausforderungen für Investoren

Speziell institutionelle Investoren stehen nun vor neuen Herausforderungen. Beispielsweise ist der „sichere langfristige Zins“, der bislang einfach mit dem Zinsniveaus lang laufender US-Staatsanleihen gleichgesetzt wurde, nun nicht mehr so einfach zu bestimmen. Auch andere Risikokategorien werden ab jetzt deutlich komplexer, die Finanzwelt damit noch komplizierter.

Außerdem können wir konstatieren, dass die Einschätzung, die Schuldenkrise ist eine Fortsetzung der Finanzkrise auf höherer Ebene, mit der Bonitätsabstufung der USA bestätigt wurde (siehe hierzu auch mein Interview mit dem Deutschen Anlegerfernsehen vor einiger Zeit). Schließlich begann auch die Finanzkrise als Schuldenkrise, und zwar auf dem US-Immobilienmarkt...

Zudem hat sich damit die Krise endgültig globalisiert, denn neben Europa und dem komplett überschuldeten Japan wurden nun auch die USA als bisheriges Gravitationszentrum der Finanzwelt in diesen Strudel gezogen. Folgerichtig verloren Euro und Dollar auch im Gleichschritt weiter an Boden...

S&P hinkt erneut der Realität hinterher

Die Begründung für die Herabstufung der USA gab S&P mit ungenügenden Einsparanstrengungen an. Das mag logisch klingen, ist aber realitätsfern. Denn Schulden machen ist deutlich einfacher, als Schulden abtragen. Privatleuten mag es zumutbar sein, über mehrere Jahre harte persönliche Einschnitte für eine Entschuldung hinzunehmen. Aber auch dann geht es am Ende meist nicht ohne einen Schuldenschnitt ab.

Auf staatlicher Ebene scheinen solche drakonische Maßnahmen aussichtlos, wenn darüber kein gesellschaftlicher Konsens erreicht werden kann. Und den gibt es weder in Europa noch in den USA. So logisch also die Forderungen nach noch mehr Sparen klingen, politisch durchsetzbar sind sie derzeit (noch?) nicht. Damit läuft die Ratingagentur trotz ihres scheinbar revolutionären Schritts ein weiteres Mal der faktischen Realität hinterher.

Für Anleger wird es nun noch schwieriger. Denn vorerst wird die Politik weiterhin an den alten, untauglichen Versuchen zur Eindämmung der Schuldenkrise festhalten und diese sogar forcieren, nämlich Geldspritzen und Rettungspakete auf der einen, Einsparungen und Steuererhöhungen auf der anderen Seite. (So wird z.B. bereits wieder ernsthaft über ein drittes QE-Paket – also eine neue Runde des Gelddruckens – durch die US-Notenbank spekuliert, deren Gouverneure sich in dieser Woche zu ihrer turnusmäßigen FOMC-Sitzung treffen.)

Greift nun die Erkenntnis um sich?

Während Geldspritzen unweigerlich zu neuen Schulden mutieren werden, schwächen Einsparungen die ohnehin schon angeschlagene Konjunktur. Denn notwendigerweise führen die Sparbemühungen auch zu Kürzungen bei den eigentlich unvermeidlichen Ausgaben, z.B. für Gesundheitsleistungen oder Infrastrukturerhalt. Somit sind bereits in den kommenden Monaten und Quartalen „überraschende“ Korrekturen bei den Unternehmensgewinnen möglich. Dies hätte natürlich weitere negative Folgen für die Aktienmärkte. (In der aktuellen Quartalsberichtssaison sind die Prognosen ja noch ausgesprochen optimistisch.)

Den Schuldenschnitt, der natürlich ohne Zweifel erhebliche Verwerfungen im globalen Finanzsystem hinterlässt,  wird solange auf sich warten lassen, bis der Leidensdruck für Politik und Gesellschaft hoch genug ist – oder schlicht die Mittel versiegen.

So weit ist es aber noch nicht. Gemessen an einem typischen Stimmungsfahrplan an den Märkten (siehe folgende Grafik) befinden wir uns bezüglich des Problembewusstseins hinsichtlich der Schuldenmisere bestenfalls am Anfang der Erkenntnisphase (grüner Punkt). Bis zu einer nachhaltigen Richtungsänderung ist es also noch ein weiter Weg.

Quelle: sentix

Die Krise ist noch lange nicht vorbei

Auf diesem sind weitere Ratingabstufungen sehr wahrscheinlich, auch der Ausschluss eines weiteren Staates aus dem Triple-A-Club. Wegen der „Ausgewogenheit“ dürfte das dann ein europäisches Land sein, und da käme dann unter anderem Frankreich in Frage. Was das für die Euro-Zone und den Rettungsfonds bedeutet, können Sie sich vermutlich vage ausmalen...

Für die Märkte werden nun die Konjunkturdaten, vor allem aus den Schwellenländern, sehr wichtig. Denn wenn in den überschuldeten Industriestaaten die Wirtschaft aufgrund der allgemeinen Sparbemühungen noch mehr aus dem Tritt kommt, werden die Geschäfte in den weiterhin boomenden Emerging Markets umso wichtiger.

Allerdings haben in dem jüngsten Crash vor allem die bisher davon profitierenden Konzerne, allen voran die deutschen Autobauer, verloren. Das deutet darauf hin, dass für die Investoren auch die Schwellenländer als weitere Gewinntreiber ausfallen – zumindest für westliche Unternehmen.

Wenn jetzt auch noch die Konjunktur einknickt

Denn China und Co. werden alles tun, um nicht in den möglichen konjunkturellen Abwärtsstrudel hereingezogen zu werden. Entfällt der Exportmarkt aufgrund der Schwäche des Westens noch mehr, bleibt nur die Besinnung auf die durchaus lukrativen und großen Binnenmärkte. Um dabei eine zu starke Konkurrenz ausländischer Konzerne zu verhindern, böte sich eine Abschottungspolitik an. Das wäre gleichzeitig hilfreich, um die großen, inflationstreibenden Kapitalströme aus dem Ausland abzuhalten.

Möglicherweise ist also der überproportional starke Einbruch der Börsen von Exportnationen wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz ein Hinweis darauf, dass dieses Szenario von den Investoren bereits gespielt wird. Dazu passt auch der starke Einbruch der Rohstoffpreise, der ebenfalls ein Hinweis auf drastisch reduzierte Konjunkturerwartungen sein könnte.

Die optimistischere Interpretation

Die alternative, ungleich optimistischere Interpretation dieser Kursverluste wären schlicht „Gewinnmitnahmen“, denn schließlich sind eben diese Werte zuvor am besten gelaufen...

Aber wie gesagt, das sind erste Interpretationen, kurz nach dem jüngsten Debakel. Erst eine mögliche Gegenbewegung oder ein erkennbarer Favoritenwechsel der Anleger wird uns in nächster Zeit weiteren Aufschluss geben. In Ihrem Steffens Daily halten wir Sie dazu auf dem Laufenden!

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

 




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