Politik und Börse




Politik und Börse
von Torsten Ewert

Verehrte Leserinnen und Leser,

in den vergangenen zwölf Jahren mussten wir Anleger von so einigen lieb gewordenen Regeln Abschied nehmen. „Emittentenrisiko“ bei Zertifikaten, „Bonitätsabstufung“ bei Staatsanleihen oder gar „Hyperinflation“, „Währungsreform“ und „Staatsbankrott“ waren lange Begriffe aus einer anderen Welt.

Die angeblich kurzen Beinen politischer Börsen

Und so wundert es nicht, wenn auch eine andere Regel immer offensichtlicher ihre Gültigkeit verliert: „Politische Börsen haben kurze Beine“, lautet eine Börsenweisheit, die immer dann Anwendung fand, wenn sich – z.B. bei einer Wahl – zwei etwa gleich starke politische Gegner mit sehr unterschiedlichen (ökonomischen) Ansichten gegenüberstanden. Das zwang die Börsen im Vorfeld der Wahlentscheidung in eine gewisse Starre, kümmerte sie jedoch kaum mehr, wenn alles vorüber war.

Diese gelegentlichen politischen Nebenwirkungen an den Börsen wurden inzwischen von einem massiven Staccato von Ereignissen, Beschlüssen und Maßnahmen abgelöst. Im Abstand weniger Wochen oder Monate führen politische Vereinbarungen zu erheblichen, mitunter auch völlig gegensätzlichen Auswirkungen für Wirtschaft und  Börsen.

Allerdings ist dies bei Lichte besehen keineswegs eine so neue Entwicklung, wie es scheinen mag. Politische Einflussnahme gab es zu allen Zeiten, und in der Regel waren die Auswirkungen sogar ausgesprochen langfristiger Natur.

Die Politik setzt meist langfristige wirtschaftliche Akzente

Das Goldverbot in den USA von 1933 und das Abkommen von Bretton Woods 1944 (Festlegung von Wechselkursbandbreiten für die wichtigsten Währungen) beeinflussten ganze Märkte nachhaltig und für Jahrzehnte. Und der bekannte Präsidentschaftszyklus der USA ist sogar ein Beispiel für den immer wiederkehrenden Charakter politischen Wirkens...

Die üblichen politische Maßnahmen, meist Handelsrestriktionen oder Subventionen, hatten jedoch beschränktere, wenngleich ebenso nachhaltige wirtschaftliche Folgen z.B. für Solartechnikanbieter (positiv) oder Gentechnikfirmen (negativ). Das alles gehörte aber irgendwie zum „Spiel“. Die jüngsten politischen Aktionen, z.B. zur Bekämpfung der Finanz- und Schuldenkrise, scheinen dagegen von anderem Kaliber.

Sie entstehen, weil sich die Welt scheinbar urplötzlich einer Reihe komplexer Herausforderungen und Risiken gegenüber sieht. Dafür hat bisher niemand schlüssige und allgemein akzeptierte Lösungen parat – auch die Politik nicht. Diese steht damit vor einem klassischen Reaktionsdilemma.

Krisen: Die Politik im Reaktionsdilemma

Beschränkt sie sich wie üblich auf eine relativ passive Rolle in diesem Prozess, läuft sie Gefahr, für untätig gehalten zu werden. Insbesondere nach einschneidenden Ereignissen neigt sie andererseits je-doch notgedrungen zu Aktionismus und fast schon autoritären Maßnahmen. Nicht erst seit dem 11. September 2001, aber bis in die jüngste Zeit lassen sich dafür etliche Beispiele finden.

Dass viele der jetzt hastig gefassten Beschlüsse mehr oder weniger Folge früherer Versäumnisse sind, steht auf einem anderen Blatt. Wichtiger für uns als Anleger ist, dass dieses Reagieren in „Notsituationen“ vielfach als Zeichen politischer Schwäche interpretiert wird. Und zwar nicht nur an den Stammtischen im Land, sondern vor allem von den Regierungen der aufstrebenden Länder. Diese agieren inzwischen deutlich selbstbewusster und erzeugen damit weiteren Druck auf die Regierungen des Westens.

Egal ob Klimakonferenz, Welthandel oder Neubesetzung des IWF-Chefpostens – China und Co. fordern unmissverständlich ihre Interessen ein. Damit entstehen für die Politiker des Westens ständig neue „Baustellen“, was die Gefahr neuer politischer Hau-Ruck-Aktionen erhöht. Eine endgültige Lösung dieser verschiedenen Interessengegensätze und Krisen ist bis auf Weiteres noch nicht in Sicht.

Eine neue alte Strategie für Langfristanleger

Damit bleibt uns Langfristanlegern die Sprunghaftigkeit politischer Aktionen auch in absehbarer Zeit erhalten. Um dabei mit unseren Investments nicht unter die Räder plötzlicher Richtungswechsel zu kommen, empfiehlt sich eine entsprechend angepasste Strategie.

So wird die Charttechnik derzeit wichtiger als fundamentale Betrachtungen, die ja „per Dekret“ jederzeit außer Kraft gesetzt werden könnten. Branchenentwicklungen, die z.B. sehr gut anhand einschlägiger ETFs verfolgt werden können, sind neben der allgemeinen Marktentwicklung ein besonders hilfreiches Werkzeug dazu.

Weil aber durch unvorhergesehene Ereignisse auch das Timing schwieriger wird, kommt der alte, vielfach verpönte Sparplan wieder zu Ehren: Der schrittweise Einstieg in volatile Märkte sichert marktgerechte Einstandskurse und damit ein günstiges Chance-Risiko-Verhältnis. Der (teilweise) Ausstieg an alten Hochs, nach dem Bruch wichtiger Unterstützungen oder Trends sichert Gewinne – während die Weiterführung des Sparplans dafür sorgt, dass Sie auch angemessen von einer überraschenden Weiterführung des Trends profitieren.

Es versteht sich von selbst, dass dies am besten mit kompletten Märkten statt einzelnen Aktien funktioniert. Was den Vorteil hat, dass Sie sich die Mühsal der Einzeltitelauswahl schenken können. Und so hat selbst diese neue, wenig erfreuliche Situation ihr Gutes...

Viel Erfolg bei Ihren Investments wünscht Ihnen

Ihr Torsten Ewert




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