Der Deal des Jahrhunderts?




Der Deal des Jahrhunderts?
von Torsten Ewert

Verehrte Leserinnen und Leser,

stellen Sie sich vor, Sie erhalten das Angebot, sich an einem Unternehmen zu beteiligen, das so verschwiegen ist wie Apple, so geheimnisvoll wie De Beers, so legendär wie Warren Buffetts Finanzholding und so erfolgreich wie alle zusammen. Zudem ist es seit Jahrzehnten in der vermutlich aussichtsreichsten Branche der Welt in den kommenden Jahren tätig.

Als Sahnehäubchen gibt’s noch einen Hauch Anrüchigkeit, denn der Gründer dieser Firma war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Wirtschaftshalbwelt in den vergangenen Jahrzehnten, eine Mischung zwischen ebenso genialem wie skrupellosem Geschäftemacher, Playboy, Mäzen und Philanthrop, aber auch Wirtschafts- und Umweltterrorist (je nach Standpunkt des Betrachters).

Der unbekannte Gigant

Genau eine dieser seltenen Gelegenheiten (einige Analysten sprechen im offensichtlichen Überschwang bereits vom „Deal des Jahrhunderts“...) haben Sie voraussichtlich demnächst beim Börsengang von Glencore. Was klingt wie der einfallslose Name einer zweitklassigen schottischen Whisky-Brennerei ist nicht weniger als eine der einflussreichsten Rohstoffholdings weltweit, die aus steuerlichen Gründen in einem Dorf in der Schweiz residiert (und weil sich besagter Gründer dort vergleichsweise sicher fühlte).

Viele werden von dieser Firma noch nie gehört haben, dabei handelt es sich um das umsatzstärkste Unternehmen der Schweiz. Selbst in Deutschland läge Glencore auf dem zweiten Platz und ließe damit zum Beispiel Siemens hinter sich. Weltweit gehört es zu den nach Umsatz fünfzehn größten Konzernen!

Wer ist nun dieses unbekannte Wesen? Gegründet Mitte der 1970er Jahre von dem berühmt-berüchtigten New Yorker Rohstoffhändler Marc Rich (dem „Erfinder“ des Rohöl-Spotmarktes, der als Sohn deutscher Eltern tatsächlich mit dem bezeichnenden Namen „Reich“ zur Welt kam) ging das Unternehmen Anfang der 1990er Jahre als Glencore (Global Energy, Commodity and Ressources) in die Hände des Managements und der leitenden Mitarbeiter über.

Handeln, fördern, beteiligen

Wie sein Gründer konzentrierte sich Glencore zunächst auf den Handel mit physischen Rohstoffen (also nicht mit Futures oder anderen Derivaten!). Doch schon bald baute es Beteiligungen in der Rohstoffförderung auf, anfangs vor allem im Öl- und Kohlesektor. Später kamen auch andere Bereiche (z.B. Bergbau und Metallerzeugung), Engagements in der Rohstoffverarbeitung (z.B. Raffinerien, Schmelzen) sowie Beteiligungen im Agrarsektor hinzu.

Die größten und wichtigsten Beteiligungen bestehen heute an dem schweizerischen Rohstoffkonzern Xstrata und dem weltweit größten Aluminiumkonzern, der russischen RUSAL. Letztlich handelt und erzeugt Glencore jedoch alles, was die Menschheit an Ressourcen benötigt: Aluminium, Eisenerz, Kupfer, Kohle, Getreide,  Zucker usw. Bei Erdöl ist Glencore sogar der größte unabhängige Händler der Welt.

Die Verschwiegenheit und das Understatement der Firma sind legendär. Sie gehen auf den Gründer Marc Rich zurück. Er handelte seinerzeit mit jedem, der ihm lukrative Geschäfte versprach – egal ob tyrannischer Diktator, hungerndes Ostblockland oder Regime, die weltweit auf den Embargolisten des Westens standen. Das ging natürlich nur bei der entsprechenden Vertraulichkeit.

Öffentlichkeitsscheu als Geschäftsprinzip

So ist Glencore bis heute öffentlichkeitsscheu bis zur Intransparenz. Übertroffen wird diese Zurückhaltung allenfalls noch durch die Verschrobenheit der US-Firma Mars (ja, genau – die mit den Schoko-Riegeln), der Aldi-Brüder oder gar des Medion-Phantoms Gerd Brachmann. Das ist natürlich ein idealer Nährboden für allerlei Gerüchte und Legenden.

So soll das Unternehmen im Juni 2009 von seiner Beteiligung RUSAL tausende Tonnen Aluminium aufgekauft haben. Von bis zu 900.000 Tonnen wurde in der Branche gemunkelt. Jedenfalls war damals der weltgrößte Aluminiumproduzent, die bereits erwähnte Glencore-Beteiligung RUSAL, plötzlich nicht mehr lieferfähig. Quasi mitten in der Krise verkündeten die Russen, sie seien ausverkauft. Die Folge: Der Aluminiumpreis stieg kräftig. In die steigenden Preise hinein soll Glencore seine Lagerbestände wieder verkauft haben – mit satten Gewinnen natürlich (siehe Chart).

Aluminiumpreis 

Quelle: MarketMaker

Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich leider nicht überprüfen, weil die vermeintlich Beteiligten in dieser Sache mit keinem Sterbenswörtchen dazu herausrückten. Gewisse Zweifel sind aber angebracht, denn eine solche Spekulation – der klassische Corner – lässt sich in der Regel nicht kurzfristig und lautlos über die Bühne bringen:

Von Legenden, Mythen und Gerüchten

Der berühmteste Corner, die Silberspekulation der Gebrüder Hunt in den 1970er Jahren erstreckte sich über mindestens fünf Jahre und erforderte den Aufkauf von mehr als einer kompletten Jahresproduktion des Edelmetalls. Die oben genannte Maximalmenge von 900.000 Tonnen entspricht beim Aluminium noch nicht einmal 2,5 % der Jahresproduktion von 2009. Damit schafft man keine große Marktbewegung...

Für RUSAL (die sich vielleicht nur kapazitätsmäßig verkalkuliert hatten) und Glencore (die dadurch weiter an ihrem Nimbus feilten) kam dagegen ein solches Gerücht sehr gelegen, und jedes Dementi hätte nur den Zauber zerstört.

Zumindest Glencore soll allerdings tatsächlich ein unglaubliches „Händchen“ bei seinen Deals haben. Wenn man dem Branchenklatsch glauben darf, steht das Unternehmen fast immer auf der richtigen Seite eines Geschäfts. Folgerichtig umgibt die Firma eine Aura aus Neid und Ehrfurcht, die durch gezielte Verschwiegenheit nur gefördert wird. Ein Glencore Manager wird denn auch mit den Worten zitiert: „Kommuniziert wird nur, wenn dies auch Vorteile bringt“ (Quelle: Ralph Pöhner, Peer Teuwsen „Sie versetzen Berge...“, in: DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41).

Der Rohstoffsektor – eine geschlossene Gesellschaft

Fakt ist jedenfalls, dass Glencore im Rohstoffbereich bestens vernetzt ist (und dadurch sowie durch seine mitunter verschwörerisch wirkende Diskretion und seine Historie perfekt in das Klischee des zwielichtigen Spekulanten passt). Das mag vielleicht hier und da einen kleinen Informationsvorsprung bringen. Allerdings ist der Rohstoffhandel eine Art geschlossene Gesellschaft, in der man immer wieder auf dieselben Figuren trifft. Vermutlich sind also die wirklich wichtigen Informationen ohnehin bald Allgemeingut.

Hinzu kommt, dass das Rohstoffgeschäft extrem langfristig angelegt ist. Egal ob Ölfeld, Kupfermine oder Wald – bis ein Investment Früchte trägt, vergehen Jahre oder gar Jahrzehnte. Und wahrscheinlich liegt das Erfolgsgeheimnis von Glencore darin, dass sie diese Besonderheit ihrer Branche wirklich verinnerlicht haben. Mitarbeiter steigen unten ein und arbeiten sich dann nach oben (oder nicht). Quereinsteiger auf Führungspositionen? Fehlanzeige.

Auch die Produktions- und Verarbeitungsaktivitäten sind langfristig ausgelegt. Im Jahr 2008, als die Kupferpreise infolge der Krise in den Keller gingen, übernahm Glencore Kupfer- und Kobaltminen im Kongo. Das sieht in der Rückschau erneut wie ein genialer Deal aus, aber sicherlich hätte Glencore nicht anders gehandelt, wären die Preise seitdem weiter gefallen. Nur hätte man dann davon nicht so viel gehört...

Der Börsengang – eine einmalige Chance für Anleger?

Aufgrund dieser scheinbar so makellosen Erfolgsbilanz sollte der bevorstehende Börsengang also tatsächlich eine einmalige Gelegenheit für Anleger sein. Schließlich kann man sein Geld endlich in Rohstoffinvestment stecken, bei dem noch mit „richtigen“ Sachwerten gehandelt wird. Aber diese entscheidende Frage, wie aussichtsreich nämlich ein Investment in Glencore ist, wird derzeit kontrovers diskutiert.

Geht es nach Glencore, dann ist natürlich gerade die für die Branche eher unübliche Verbindung von Rohstoffhandel und -produktion bzw. -verarbeitung ein Vorteil, kommt sie doch dem vermeintlichen Informationsvorsprung zugute. Außerdem könnten die langen Zyklen z.B. in der Produktion die schnellen, konjunkturanfälligen im Handel ausgleichen.

Kritiker bezweifeln aber gerade letzteres und verweisen darauf, dass natürlich auch die Förderung in einem Konjunkturloch zurückgeht. Dagegen stehen im Gegensatz zum Handel hohe Investitionen, die dann brach lägen. Synergiegewinne lassen sich aus der Kombination von Handel und Förderung von Rohstoffen also kaum ziehen.

Die Börse erlaubt keine Zurückhaltung

Fraglich ist allerdings auch, ob die Firmenkultur von Glencore zur Börse passt. Sein gegenwärtiger Chef, der Südafrikaner Ivan Glasenberg – Anfang 50 und seit fast 30 Jahren bei Glencore – ist wie alle Manager des Unternehmens kein Mann der Öffentlichkeit. Fotos sind Mangelware, und sogar über sein Geburtsjahr finden sich widersprüchliche Angaben.

Die Firmen-Webseite bietet in der Rubrik „Über uns“ unter dem Stichwort „Management“ drei dürre Absätze, welche die aktuelle Eigentümerstruktur preisen und ohne jegliche Namensnennung (geschweige denn Details oder Fotos!) das „zentrale Management-Team“ an nur einer Stelle überhaupt erwähnt. Kaum vorstellbar, dass in einer solchen Umgebung frisch von der Uni kommende Aktienanalysten, die eine Kohlegrube bestenfalls von Fotos kennen, aber alle drei Monate jede Menge Fragen stellen, sehr willkommen sind...

Aber vielleicht ist ja der Börsengang auch ein Zeichen ganz anderer Art. Gesetzt den Fall, dass Glencore tatsächlich so einen guten Riecher beim Timing seiner Geschäfte hat, wäre der Verkauf der Firma aus antizyklischer Sicht ein Warnsignal, dass der Rohstoffzyklus möglicherweise vor einem zyklischen Höhepunkt steht.

Deal des Jahrhunderts –aber für wen?

Glencore wäre nicht das erste Unternehmen, das zur Unzeit für die Anleger, aber zum Wohl der Alteigentümer aufs Parkett geht. Mitte 2007, also just zum Ausbruch der Finanzkrise, brachte ebenfalls eine Legende, der Hedgefondsmanager Stephen Schwarzman, seine Blackstone Group mit einem IPO (Initial Public Offering) an die Börse. (K)ein guter Deal für die (Anleger) ihn (siehe Chart):

Blackstone 

Quelle: MarketMaker

Bei genauerer Überlegung passt diese These sogar zur aktuellen Lage: Möglicherweise ist nämlich der laufende Boom nach der vorangegangene großen Krise an seinem ersten vorläufigen Ende angekommen. Das schwer verdauliche Gemisch aus riesigen Schulden (bei Staaten, Banken, Privaten), politischem Hick-Hack in aller Welt, geopolitischen Krisen sowie Natur- und Technikkatastrophen entfaltet ja bereits jetzt einige Bremswirkung.

Auch die Börsen stagnieren aus diesen oder anderen Gründen bereits seit geraumer Zeit. Aus antizyklischer Sicht passt in dieses Bild, dass ausgerechnet in der vergangenen Woche IWF und Bundeswirtschaftsministerium die Konjunkturprognose für Deutschland erhöht haben...

Ein Anlegerdilemma – und Ihr Ausweg!

Damit stehen Sie als Anleger nun vor einem klassischen Dilemma: Glauben Sie an die besonderen Fähigkeiten von Glencore bei geschäftlichen Deals, dürften Sie Aktien nicht kaufen. Schließlich stünden Sie ja dann – á la Blackstone-IPO – auf der falschen Seite! Glauben Sie dagegen nicht an das glückliche Händchen, drängt sich ein Kauf natürlich erst recht nicht auf.

Es sei denn, Sie finden andere gute Gründe für einen Einstieg. Diese müssen nicht 100%ig richtig sein. Sie sollten sie jedoch von Zeit zu Zeit auf ihre weitere Gültigkeit prüfen und gegebenenfalls Ihr Investment anpassen (weshalb es sich empfiehlt, diese Gründe schriftlich festzuhalten!).

Lassen Sie sich also nicht „von außen“ irgendwelche Kaufgründe einreden. Oder verfahren Sie mit diesen wenigstens genauso, wie mit Ihren eigenen. Dann werden Sie bei gelegentlichen Börsengängen – wie diesem – und anderen Aktienkäufen ab und an ebenfalls ein glückliches Händchen haben. Und vielleicht ist eines Tages sogar wirklich der Deal des Jahrhunderts dabei.

Mit besten Grüßen

Torsten Ewert




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