Quartalszahlen und Börsenkurse




Quartalszahlen und Börsenkurse
von Torsten Ewert

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

die aktuelle Quartalssaison neigt sich dem Ende zu. Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Doch das ist nicht so einfach. Während die Zahlen offen auf dem Tisch liegen, bereitet ihre Interpretation Schwierigkeiten. Noch schwieriger wird es, wenn man diese Zahlen mit den jüngsten Kursbewegungen in Übereinstimmung bringen will.

Ein positives Quartal neigt sich dem Ende zu

Aber der Reihe nach. Inzwischen haben nahezu alle Unternehmen im S&P 500 (470 bzw. 94 %) ihre Zahlen zum dritten Quartal vorgelegt. Die Gewinne (die bisher vorgelegten sowie die noch erwarteten) werden dann voraussichtlich um über 17 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sein. Dieser Wert betrug noch Anfang Oktober nur gerade einmal 13 %. Die Unternehmen haben also alle übertriebenen Rezessionsbefürchtungen Lügen gestraft!

Oder doch nicht? Schließlich haben nur 309 der 470 Unternehmen die Erwartungen erfüllt, während 114 sie verfehlten. Nur mit den verbliebenen 47 Unternehmen, die genau den Schätzungen gemäß berichteten, steigt der „Erfüllungsgrad“ auf 3,1 (also das Verhältnis von Unternehmen, welche die Erwartungen erfüllten oder übererfüllten zu denen, die sie verfehlten).

Außerdem sinken die Gewinnerwartungen für das vierte Quartal von den oben genannten 17 % auf nur noch 13 % – und das, obwohl das vierte Quartal für viele Unternehmen (Stichwort Weihnachtsgeschäft!) häufig das stärkste ist!

Für 2012 sinken die Erwartungen der Investoren

Ähnlich sieht der Vergleich für das Gesamtjahr aus: Für 2011 werden noch knapp 17 % höhere Gewinne erwartet, für 2012 dagegen nur noch eine Steigerung von knapp 10 % gegenüber 2011.

Aber immerhin: Uns Anlegern wird eine fast zweistellige Gewinnsteigerung für das kommende Jahr in Aussicht gestellt und das, obwohl die Gewinnerwartungen für 2012 zuletzt deutlich nach unten korrigiert wurden (siehe Grafik).

Allerdings fielen durch den August-Crash auch die Kurse. Und so kommt es, dass die relativ moderate Korrektur der Gewinnerwartungen dennoch zu einem merklichen Rückgang des Kurs-Gewinn-Verhältnisses führte (von 13,6 im Juli auf aktuell 12,9, wobei es zwischenzeitlich sogar auf 11,8 rutschte).

Wie kam es zu der Oktoberrally?

Ist also die jüngste Zwischenrally vom Oktober darauf zurückzuführen, dass die Anleger den US-Markt als unterbewertet ansahen und daraufhin dort verstärkt investierten?

Das könnte sicherlich ein Grund sein, obwohl natürlich nach wie vor die Gefahr besteht, dass die Gewinnschätzungen weiter sinken. Immerhin fallen die Wachstumserwartungen für die wichtigsten Industrieländer nach den neuesten Schätzungen der Ökonomen unter die Wahrnehmungsschwelle. So liegt der monatlich ermittelte Konjunkturindikator des Manager-Magazins (in Zusammenarbeit mit Kiel Economics) inzwischen bei runden 0,0 % - nachdem er im August noch bei 1,7 % lag...

Offensichtlich sehen jedoch die Investoren die Sache anders, denn außer dem zuletzt stark gestiegenen Technologieindex NASDAQ 100 (+10,3 % seit dem Tief vom 4. Oktober) legten insbesondere die Mid Caps (S&P 400 +17,7 %) und die Small Caps (S&P 600 +19,7; Russell 2000 +19,5 %) sehr stark zu.

Einige überraschende Zahlen aus der zweiten und dritten Reihe

Kleinere und mittlere Unternehmen sind häufig innovativ wachstumsstark und daher vergleichsweise unabhängig von der Konjunkturlage. Allerdings profitieren sie meist noch nicht in dem Maße von globalen Trends wie die etablierten multinationalen Konzerne. Diese werden daher von den Anlegern in Krisenzeiten eher bevorzugt.

Dass dies derzeit anders ist, lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Erstens deutet sich eine mögliche Besserung der konjunkturellen Lage in den USA an, was vor allem den kleineren Unternehmen zugutekommen würde. Und zweitens erfolgen derzeit offenbar Umschichtungen aus dem europäischen in den US-amerikanischen Aktienmarkt.

Hintergrund für letzteres dürften die Krisenängste im Zusammenhang mit der Schuldenkrise in Euroland sein. Spätestens seit Mitte 2010 läuft der europäische Aktienmarkt den US-Börsen hinterher (siehe Chart).

Quelle: MarketMaker

Die Profis schichten um – folgen Sie diesem Trend!

Das Übergreifen der Krise auf Italien und möglicherweise andere große Länder der Eurozone macht Aktieninvestments hierzulande sicherlich noch schwieriger. Also flüchten die Anleger lieber in den liquideren und scheinbar weniger von politischen Querelen beeinflussten US-Markt.

Das macht aus Sicht des US-Präsidentschaftszyklus Sinn. Traditionell ist das Wahljahr (also 2012) ein vergleichsweise gutes Jahr für Aktien, vor allem, wenn die Investoren einen für die Wirtschaft günstigen Politikwechsel erwarten.

Also positionierten sich viele Anleger bereits auf zweierlei: Erstens eine mögliche kleine Jahresendrally in den USA, aber zweitens hauptsächlich auf einen guten Börsenverlauf für 2012. Und diese Überlegungen der Profis sollten auch Sie als Privatanleger in Ihre Anlageentscheidungen für das kommende Jahr mit einbeziehen.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert




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