Vor der Entscheidung




Vor der Entscheidung
von Torsten Ewert

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

die Entwicklung der Märkte in der jüngsten Zeit ist doch einigermaßen erstaunlich: Das Drama um Griechenland nahm eine völlig unerwartete Wendung, mit Italien gerät die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone ernsthaft unter den Druck der Spekulanten und eine – wenn auch fehlerhafte – Hiobsbotschaft nährt die Zweifel an der Bonität Frankreichs, der Nummer zwei in Euroland. Und dennoch bleiben die Aktienbörsen vorerst standhaft. Das ist ein wichtiges Zeichen für die Anleger!

Die merkwürdige Ignoranz der Märkte

Lassen Sie sich das einmal auf der Zunge zergehen (siehe Chart): Die Beschlüsse des Brüsseler Euro-Krisengipfels versetzen die Investoren in eine kleine Euphorie – die Kurse springen kräftig nach oben (1).

DAX_id 

Dann stellt Griechenland mit Referendumsvorschlag Papandreous alles wieder in Frage.  Aber trotz eines heftigen Schocks an den Börsen (2a), halten sich die Kursverluste dann doch im Rahmen und enden an der erstbesten charttechnischen Unterstützung (2b).

Damit hat auch die entstandene Inselumkehr (blaue Ellipse) ihr Minimalziel abgearbeitet, so dass die Kurse wieder steigen können.

Am vergangenen Mittwoch dann schnellen die Risikoaufschläge für Italien ein weiteres Mal in luftige Höhen, aber erneut bleibt die Reaktion an den Aktienbörsen vergleichsweise gelassen: Wieder endet nämlich der Rückschlag an der alten Unterstützung (3).

Und die gleich darauf folgende merkwürdige Meldung vom Donnerstag, nach der S&P angeblich Frankreichs Bonität abgestuft hat, ist – samt der umgehenden Korrektur – nur noch als kurzer Haken im Intraday-Chart zu erkennen (4)…

Die aktuellen Ereignisse – und ihre langfristigen Folgen

Dabei haben es all diese Vorgänge eigentlich in sich. Denn mit der harschen Reaktion der EU auf Papandreous Referendumsvorstoß wurde erstmals der vorher als „alternativlos“ dargestellte Zusammenhalt der Euro-Zone offiziell in Frage gestellt. Damit haben die Märkte ein neues Szenario und neue Angriffsflächen. An Italien wurde dies auch sogleich getestet.

Wenn Italien wankt, würde es kritisch für den Euro-Rettungsschirm – abgesehen davon, dass damit auch ein wichtiger Garantiegeber ausfiele. Ebenso unkalkulierbar wäre auch eine Abstufung Frankreichs, die einige Beobachter (wie auch vorher bei den USA) bereits als faktisch gegeben ansehen: Die Risikoaufschläge für französische Staatsanleihen liegen inzwischen rund 1,5 % höher als die der deutschen.

Der Ausfall des neben Deutschland einzigen großen Euro-Staates mit AAA-Rating dürfte die Refinanzierung des Euro-Rettungsfonds erheblich erschweren und das erst kürzlich in Brüssel beschlossene Hebelmodell zu Makulatur werden lassen.

Angesichts dieser Dimensionen sind die äußerst moderaten Reaktionen der Märkte durchaus ziemlich verwunderlich.

Warum die Märkte so gelassen reagieren

Vielleicht aber auch nicht. Schließlich zeigt spätestens der obskure Fall der fehlerhaften S&P-Abstufungsmeldung für Frankreich, wie viel Kalkül (oder Dilettantismus?) derzeit hinter jeder Nachricht oder Aktion stecken könnte! (Wer hätte vorher je angenommen, dass eine so wichtige Entscheidung wie die Änderung des AAA-Ratings eines Staates einem Computeralgorithmus überlassen würde, der dann auch automatisch Mails darüber versendet?)

Und überhaupt scheint der Sinn der Investoren auffallend wankelmütig zu sein. Angesichts der jüngsten Meldungen neigt man dazu zu vergessen, dass vor kurzem noch Portugal, Irland und vor allem Spanien als Problemländer gehandelt wurden. Alle drei sind aber inzwischen teilweise schon seit Wochen fast völlig aus den Schlagzeilen verschwunden! Deren Probleme auch?

Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass wieder einmal ein paar neue Säue durchs Dorf getrieben werden. Das soll die Probleme nicht verniedlichen. Aber diese existieren immerhin schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Möglicherweise wird dies den Investoren nach und nach bewusst und sie verfallen zwischenzeitlich wieder in die gewohnte Lethargie…

Hier dürfen wir uns an die Worte von André Kostolany erinnern: „Es ist für den Schuldner wichtiger, einen guten Gläubiger zu finden, als für den Gläubiger, einen guten Schuldner“. Also nur ein Problem, dass die Gläubiger sehen (wollen), ist auch ein Problem...

Bereiten Sie sich auf eine Richtungsentscheidung vor!

Dem steht natürlich die verstärkte allgemeine Risikowahrnehmung gegenüber. Auch die neusten Sentimentdaten von sentix zeigen eine historisch schlechte mittelfristige Stimmung für Aktien. Ob dies als antizyklisches Signal taugt, bleibt abzuwarten. Schließlich sinkt der sentix-Stimmungspegel bereits seit Anfang des Jahres und zeigt noch immer keine Tendenz zur Wende. Die Beharrlichkeit, mit der sich die Anleger damit auch der jüngsten Erholung seit Oktober verweigern, ist also schon auffallend…

Insofern wird spannend, wie die Märkte sich entscheiden, wenn das aktuelle Target, auf das der DAX sich zubewegt, durchschritten ist (siehe auch Steffens Daily vom 07.11.2011 und 05.10.2011). Spätestens dann ist mit einer dynamischen Bewegung in die eine oder andere Richtung zu rechnen.

DAX-Targets 

Und da Sie ähnliche kritische Situationen derzeit auch in anderen wichtigen Indizes finden, stehen wir womöglich abermals vor einer wichtigen Richtungsentscheidung an den Börsen.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert




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