Warum die EZB keine Inflation erwartet




Warum die EZB keine Inflation erwartet
von Jochen Steffens

Die EZB beließ den europäischen Leitzins wie erwartet bei 1 %. Auf der einen Seite sieht EZB-Chef Mario Draghi vorsichtige Anzeichen einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Aktivität, auf der anderen warnte er abermals vor signifikanten Abwärtsrisiken und erklärte, dass das wirtschaftliche Umfeld immer noch von hoher Unsicherheit geprägt sei.

Kurz: Nichts Neues für den geneigten Börsianer, aber alles andere wäre ja auch verwunderlich.

Keine Inflation?

Wie Sie wissen, rechnen viele Analysten aufgrund der enormen Ausweiterung der Geldmenge mit einer Inflation. Die EZB hingegen bezeichnet die Inflationsrisiken als ausgeglichen und erwartet sogar, dass die Inflationsrate noch in diesem Jahr wieder unter die 2%-Marke sinken werde.  Und das ist höchst wahrscheinlich kein reiner Zweckoptimismus.

Solange die wirtschaftliche Aktivität durch die Kreditmarktkrise und die enormen Sparmaßnahmen der EU-Länder belastet bleibt, ist aus Sicht der EZB wenig Spielraum für eine (Verbraucherpreis-)Inflation. Dieser Einschätzung liegt die Annahme zugrunde, dass wir uns immer noch in einem eher deflationären Umfeld bewegen.

Die klassische Lehre

Nach klassischer Lehre führt die unkontrollierte, sprich übertriebene Ausweitung der Geldmenge zu einer Inflation. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Damit eine Inflation entsteht, muss auch die Geldumlaufgeschwindigkeit zunehmen.

Ein Beispiel zum Zusammenwirken von Geldumlaufgeschwindigkeit und Inflation:

Stellen wir uns vor, EZB-Chef Draghi würde sich freudestrahlend in einen Hubschrauber setzen und enorme Geldbeträge auf die europäische Bevölkerung abwerfen. Dann müsste es doch zu einer Inflation kommen.

Stellen wir uns aber des lieben Beispiels wegen auch vor, alle Bürger seien gerade spontan einem Sparwahn verfallen. Kurz, die Bürger würde das aufgesammelte Geld nicht etwa ausgeben, sondern auf die hohe Kante legen. Und nicht nur das, zusätzlich würden sie auch noch einen großen Teil ihres Gehalts unter der Matratze lagern.

Dann wäre trotz der steigenden Geldmenge weniger Geld im Geldkreislauf, um Dinge einzukaufen. Die Verkäufer würden auf ihren Waren sitzen bleiben und entsprechend die Preise senken müssen. Deswegen könnten sie nicht mehr so hohe Löhne zahlen, sodass immer weniger Geld bei den Konsumenten vorhanden wäre, was zu höherem Konkurrenzdruck und damit zu immer weiter sinkenden Preisen führen würde.

Es entsteht eine deflationäre Entwicklung, obwohl die Geldmenge massiv ausgeweitet wird. Gleichzeitig mit der Deflation käme es auch zu einer Rezession, weil kaum noch jemand konsumiert.

Fazit

Offensichtlich muss demnach nicht nur mehr Geld vorhanden sein, sondern dieses Geld muss auch in den Geldkreislauf fließen und dort weitergegeben werden. Nur wenn viel Geld durch das System gejagt wird, erhöht sich die sogenannte Geldumlaufgeschwindigkeit. Und genau das ist das Problem zurzeit.

Die großen Geldschleusen klemmen

Um weiter anschaulich zu bleiben: In unserem Geldsystem gibt es mindestens zwei große Geldumschlagplätze, die ich hier als Schleusen bezeichnen möchte: Die Banken/Versicherungen und der Staat.

Durch Steuern sammelt sich beim Staat viel Geld an, das er grundsätzlich wieder zurück ins System pumpt (Gehälter, Aufträge, etc.). Der Staat weiß, dass das Geld, welches er ausgibt, ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftswachstums ist. Deswegen neigen Staaten dazu, Schulden zu machen, um zum Beispiel die Wirtschaft anzukurbeln.
Der andere Umschlagplatz sind die Banken, die durch Kredite der Wirtschaft (Investitionen) und den privaten Bürgern ermöglichen, größere Summen einzusetzen.

Wenn nun eine dieser beiden wichtigen Schleusen die Tore dicht macht, tröpfelt es im System nur noch. Dem System fehlt damit Geld mit der direkten Folge, dass die Geldumlaufgeschwindigkeit abnimmt. Wie oben beschrieben, führt das zu einer Deflation und dann auch zu einer Rezession.

Im Moment gibt es aber nicht nur eine Kreditmarktklemme (die Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr und können somit quasi nicht mehr genügend Mittel für größere Kredite aufbringen), sondern auch die Staaten in der Euro-Zone werden zu massiven Sparmaßnahmen gezwungen.

Das bedeutet, die beiden wichtigsten Geldumschlagsplätze haben mehr oder weniger zugemacht. Und das würde normalerweise sofort zu einem deflationären und damit rezessiven Umfeld führen (siehe oben).

Die EZB als Retter in der Not

Und hier tritt nun die Notenbank, in diesem Fall die EZB, auf den Plan. Um diesen fehlenden Geldfluss zu kompensieren, pumpt die EZB ihrerseits Geld ins System – und zwar hoffentlich in einem Maße, das die anderen Faktoren so gerade ausgeglichen werden.

Nur so kann sie, zumindest in einem normalen Wirtschaftskreislauf, eine Deflation und damit auch eine tiefere Rezession vermeiden. Täte sie das nicht, würde der Geldfluss schnell versiegen. Und das will die EZB natürlich verhindern.

Und weil der Geldfluss trotz der enormen Ausweitung der Geldmenge durch die EZB eben nicht rasant, sondern bestenfalls konstant bleibt, verzeichnen wir derzeit keinen Preisanstieg auf breiter Front (in den vergangenen Monaten sank die offizielle Inflationsrate wieder in Richtung 2 %, der Zielmarke der EZB). Der Ausweitung der Geldmenge führt damit noch nicht zu einer signifikanten Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit.

Gefährlich wird es nur, wenn die Staaten wieder Geld ausgeben, die Kreditmarktklemme sich auflöst und die Wirtschaft zu boomen anfängt. Dann fallen die deflationär wirkenden Aspekte weg, und dann muss die EZB schnell reagieren und dem System Geld entziehen, um eine stärkere Inflation zu verhindern, die zunächst durchaus auch mit einem starken Boom verbunden sein könnte. Würde sie dem System das Geld nicht entziehen, bestünde die Gefahr eines Crack-Up-Booms. In diesem würde die Inflation unkontrolliert ansteigen. Das jedoch würde den Boom schnell aushöhlen, die Freude wäre nur von kurzer Dauer.

Logisch, aber

So logisch diese Zusammenhänge in dieser natürlich sehr vereinfachten Darstellung auch scheinen, so undurchsichtig komplex sind sie, wenn man sie im Gesamtzusammenhang betrachtet. Und so gibt es viele namhafte Wirtschaftsanalysten und –wissenschaftler, die auch ganz andere Szenarien entwerfen. Ein Problem dabei ist wohl, dass die EU als Gesamtwirtschaftsraum sowohl aus ökonomischer als auch aus politischer Sicht wenig homogen ist. Und das macht es so ungeheuer schwierig, klassische und historisch belegbare ökonomische Lehren auf dieses System zu übertragen.
Ich bleibe jedoch ein Freund der oben beschriebenen einfachen Sichtweisen und Zusammenhänge. Allein aus der Erfahrung heraus, dass sie seltsamerweise an den Börsen immer noch zu den besten Prognosen geführt haben (siehe auch unsere Jahresausblicke in den vergangenen Jahren).

Das hat sich auch seit 2008 wieder bestätigt, denn sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone sind während und nach der Finanzmarktkrise und trotz der viel kritisierten Reaktionen der FED und EZB die vielfach beschworenen Inflationsspiralen bisher offensichtlich ausgeblieben …

Viele Grüße

Jochen Steffens




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