Der Lahme und der Blinde
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(Über-)Regulierungsdruck verunsichert die Märkte
von Bernd Raschkowski
Die aktuelle Börsenphase ist sicherlich nichts für schwache Nerven: Die vergangene Woche zeichnete sich durch herbe Kursverluste und eine hohe Volatilität an den Märkten aus. Auch die Währungen dieser Welt verzeichneten extreme Ausschläge. In der aktuellen Handelswoche scheint es ähnlich zu werden, Investoren meiden weiterhin die Risikomärkte. Wie kommt es zu der weltweiten Verunsicherung?
Wie Sie den einschlägigen Medien der vergangenen Tage bereits entnehmen konnten, wird unter anderem der Regulierungsdruck für die Kursverluste verantwortlich gemacht. Der deutsche Vorschlag einer Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte sowie das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion beschlossene Verbot ungedeckter Leerverkäufe von Anleihen und Finanzaktien belastete nicht nur den Deutschen Aktienindex, sondern sorgte auch im Ausland für Verunsicherung. Heute wurde zudem bekannt, dass die Bundesregierung das Leerverkaufs-Verbot auf alle deutschen Aktien ausweiten möchte. Anleger weltweit fürchten nun, dass weitere Regierungen unter dem Druck der Öffentlichkeit Maßnahmen der Finanzmarktregulierung beschließen könnten.
Die Märkte reagierten verwundert, vor allem weil das deutsche Short-Verbot so überraschend schnell beschlossen wurde und einem Verzweiflungsakt ähnlich sieht. Während die neuen Restriktionen bezüglich der Euro-Staatsanleihen durchaus eine marktstabilisierende Wirkung hatten, schürte das Leerverkaufsverbot auf Aktien der deutschen Finanzdienstleister jedoch die Angst der Anleger vor anstehenden Negativ-Schlagzeilen der Branche. „Warum sonst hatte es die Regierung damit so eilig?“, fragte ein Händler auf dem Parkett.
Der Vorschlag der Transaktionssteuer tat sein Übriges. Besonders verblüfft reagierten Anleger auf das unabgestimmte Vorgehen der Deutschen, eine einheitliche europäische Linie wäre wünschenswert gewesen. Die Verunsicherung führte selbstverständlich zu einem Abzug von Geldern aus risikoaffinen Märkten.
Wirkung der Maßnahmen sind umstritten
Eine grundsätzliche Steuer auf alle Finanztransaktionen würde nicht nur das Handelsvolumen verringern und so zu mehr Intransparenz auf den Märkten führen, sondern zusätzlich die Falschen treffen. Leiden würden zum Beispiel auch alle privaten Fondssparpläne, die für den Aufbau einer privaten Vorsorge im Rentenalter so unglaublich wichtig geworden sind. Zudem sollte klar sein, dass die institutionellen Investoren mit hoher Wahrscheinlichkeit Schlupflöcher für Transaktionen untereinander finden und mindestens zum Teil an der Steuer vorbeikommen sollten.
Und was ist mit dem Leerverkaufs-Verbot ungedeckter Anleihen und Aktien? Meiner Meinung nach generell völlig in Ordnung, schließlich erhöhen sich durch einen ungedeckten Leerverkauf die im Umlauf befindlichen Wertpapiere und üben auf diese Weise Druck auf die jeweilige Gattung aus. Self-fulfilling prophecy.
Wichtig ist hierbei jedoch die Unterscheidung zu gedeckten Leerverkäufen. Letztere sind ein wichtiger Teil des Preisbildungsprozesses und leisten über höhere Liquidität einen Beitrag zu mehr Transparenz und Effizienz auf den Märkten. Es wäre falsch, hier alles über einen Kamm zu scheren und aus reinem Aktionismus heraus auch die gedeckten Leerverkäufe zu untersagen.
Fazit: Insgesamt dürfte sich die deutsche Regierung mit dem Alleingang in Sachen Finanzmarktregulierung einen Bärendienst erwiesen haben. Die Wirkung des europäischen Rettungspakets von bis zu 750 Milliarden Euro, welches das Vertrauen in die angeschlagene Währungsunion wieder stärken sollte, verpuffte schnell nach den neuen Ankündigungen. Die Währungsunion steckt sowieso schon in ihrer größten Krise seit dem Bestehen, neue Unsicherheitsfaktoren sind da wenig angebracht. Hauptaufgabe muss es sein, die drohende Schuldenkrise zu bewältigen und Euro-Land wieder auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen.
Neue Regeln für den globalen Finanzmarkt sind generell natürlich absolut notwendig. Schließlich muss das verloren gegangene Vertrauen nach der Bankenkrise wiederhergestellt werden und zukünftige, ähnliche Probleme unbedingt vermieden werden. Allerdings sollten die Maßnahmen gut abgestimmt und überlegt sein. Einen voreiligen Rund-um-Schlag gegen Banken und Kapitalmärkte mit all den negativen Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft gilt es unbedingt zu vermeiden.
Beste Grüße
Bernd Raschkowski
P.S.: Der Spott internationaler Medien nach dem deutschen Vorpreschen in Sachen Finanzmarktregulierung ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Eine amerikanische Publikation fragte sarkastisch, was in Deutschland nach der Leerverkaufs-Regel als nächstes verboten werden würde. Etwa Regentage? Oder böse Schimpfwörter? Ich persönlich fänd` verlorene Fußball-Spiele ganz gut...
